Die meisten wollen sich nicht totarbeiten, sie wollen erzählen, wie sich ihr Leben bewegt hat

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In Einführungsschulungen für neue Mitarbeitende und in Einzelgesprächen habe ich mir die Geschichten von rund 150 Menschen angehört.

Ich höre etwas über die Arbeit. Ich höre etwas über den früheren Job. Ich höre etwas über furchtbare Firmen, gute Firmen, was hart war und was Spaß gemacht hat. Aber was die Gespräche am meisten in Schwung bringt, ist oft etwas anderes: Reisen, Ausflugsziele, Hobbys, Lieblingslokale, schwere Zeiten, die eigene Art zu leben.

Und da fällt mir etwas auf.

Die meisten Menschen wollen gar nicht „voll ranklotzen". Sie wollen einfach erzählen, wie sich ihr eigenes Leben bewegt hat.

Arbeit, Reisen, Hobbys, ein gutes Restaurant, eine harte Zeit: Alles wird spannend, sobald es zur Geschichte wird.

Die Arbeit an sich dagegen wird nicht so sehr geliebt. Kaum jemand mag Überstunden um ihrer selbst willen. Und jemanden, dessen Lebensziel schlicht darin besteht, beschäftigt zu sein, habe ich im echten Leben so gut wie nie getroffen.

Aber am Ende heißt es dann: Es hat im Nachhinein Spaß gemacht. Ich konnte viel ausprobieren. Es war anstrengend, aber ich habe daraus gelernt. Ich hatte Glück mit den Leuten. Die Firma war ein Desaster, aber durch sie habe ich heute einen Maßstab. Auf der Reise ist etwas schiefgegangen, aber heute muss ich darüber lachen. Das Lokal war richtig gut. Da solltest du hingehen.

Solche Geschichten bewegen Menschen.

In diesem Artikel möchte ich ordnen, was ich in Einführungsschulungen, Gesprächen und beim Smalltalk beobachtet habe: Menschen wollen nicht arbeiten, sie wollen erzählen, wie sich ihr Leben bewegt hat.


1. Nach rund 150 Menschen: Kaum jemand will sich mit Überstunden vollkommen verausgaben

In Einführungsschulungen und Gesprächen begegne ich ganz unterschiedlichen Leuten.

Es gibt Junge. Es gibt Quereinsteiger aus anderen Firmen. Es gibt Ältere. Es gibt Leute, die im vorigen Job einiges durchgemacht haben. Es gibt Leute, die von ihrer Familie erzählen. Und es gibt Leute, die plötzlich aufleben, wenn es um Reisen oder Hobbys geht.

Unter ihnen habe ich kaum jemanden gesehen, dessen Grundeinstellung „Ich will mich voll in die Arbeit stürzen" lautet.

Natürlich gibt es Menschen, die in ihrer Arbeit Gas geben wollen. Es gibt Gewissenhafte. Es gibt Menschen mit starkem Verantwortungsgefühl. Es gibt Menschen, die Ergebnisse liefern wollen. Es gibt Menschen, die in ihrer früheren Firma alles Mögliche gemacht haben.

Aber das ist meist kein „Ich liebe Arbeit an sich". Was sie erzählen, klingt eher so:

  • Am Ende hat es Spaß gemacht
  • Ich konnte viele Erfahrungen sammeln
  • Man hat mir Verantwortung übertragen
  • Ich hatte Glück mit den Leuten
  • Ich konnte selbst denken und handeln
  • Es war hart, aber es ist zum Fundament dessen geworden, wer ich heute bin
  • Aus den Fehlern und dem Unbehagen im früheren Job habe ich einen Blick für Firmen entwickelt

Mit anderen Worten: Zufriedenheit im Job hängt weniger von der „Arbeitsmenge" ab, sondern eher davon, ob die Erfahrung zu einer Geschichte geworden ist.

Die Gallup-Daten zu Japan besagen, dass nur 8 % der Beschäftigten in Japan sich in ihrer Arbeit engagieren, gegenüber einem Durchschnitt von 18 % in Ostasien und 20 % weltweit.[^gallup-japan] Natürlich lässt sich allein aus dieser Zahl nicht auf die Arbeitseinstellung des Einzelnen schließen. Aber zumindest die Annahme, „die meisten Menschen brennen für ihre Arbeit", ist in Japan ziemlich fragwürdig.

Und es deckt sich recht gut mit dem, was ich persönlich sehe.

Menschen hassen die Arbeit nicht völlig. Aber sie brennen auch nicht für die Arbeit an sich.

Ich glaube, was sie wollen, ist nicht Arbeit, sondern das Gefühl, dass sich ihr Leben bewegt hat.


2. Warum Reisen, Hobbys, Lokale und harte Zeiten mehr Schwung ins Gespräch bringen als die Arbeit

Beim Reden über die Arbeit schwingt immer etwas Vorsicht mit.

Wer über den früheren Job spricht, klingt womöglich nach Jammern. Wer erklärt, warum er gekündigt hat, wird vielleicht bewertet. Wer eine Firma kritisiert, gilt womöglich als schwierig. Wer seine Einstellung zur Arbeit darlegt, klingt vielleicht belehrend. Und man hat das Gefühl, dass jemand prüft, ob man fähig ist oder nicht.

Deshalb ähneln Gespräche über die Arbeit leicht einem Vorstellungsgespräch.

Über Reisen, Lokale und Hobbys zu reden, ist dagegen leichter.

„Wo warst du?" „War es dort schön?" „Was hast du gegessen?" „Ist das Lokal wirklich gut?" „Was machst du an freien Tagen?"

Bei solchen Fragen hat man kaum das Gefühl, bewertet zu werden.

Pannen auf Reisen lassen sich leicht erzählen. Treffer und Fehlgriffe bei der Lokalwahl auch. Und wenn es um Hobbys geht, kommt der echte Mensch eher zum Vorschein als beim Thema Arbeit.

Außerdem haben Geschichten über Reisen, Lokale und Hobbys von Anfang an die Form einer Erzählung.

Hingefahren. Sich verlaufen. Gegessen. Müde geworden. Etwas verbockt. Aber es war schön. Da will ich wieder hin. Das will ich auch anderen empfehlen.

Dieser Ablauf ist eine starke Geschichte.

Bei der Arbeit ist es eigentlich genauso.

Nicht nur „Ich habe gearbeitet", sondern:

Es war hart. Ich habe eine Entscheidung getroffen. Ich hatte mit Menschen zu tun. Ich bin gescheitert. Ich habe es überstanden. Es ist zu meinem heutigen Maßstab geworden.

Dann wird auch die Arbeit zur Geschichte.


3. Arbeit, die zur Geschichte wird, und Arbeit, die einen nur auslaugt

Dieselben Überstunden können etwas völlig Verschiedenes bedeuten.

„Ich habe 100 Überstunden gemacht." Das war's.

So ist das bloßes Auslaugen.

Aber wenn es heißt:

„Damals habe ich ein großes Projekt geleitet, viele Abteilungen eingebunden, es war extrem anstrengend, aber genau da hat sich meine Sicht auf Arbeit geformt."

Dann ist es eine Geschichte.

Der Unterschied liegt nicht in den Arbeitsstunden.

Der Unterschied liegt darin, ob Folgendes vorhanden war:

  • Es gab meine eigene Entscheidung
  • Es gab eine Veränderung
  • Es gab Kontakt mit anderen Menschen
  • Ich konnte der Mühe einen Sinn geben
  • Nach dem Ende ist etwas in mir geblieben
  • Ich habe einen Maßstab gewonnen, den ich im nächsten Lebensabschnitt nutzen kann

Wenn das da ist, wird Arbeit zur Erfahrung.

Wenn nicht, ist Arbeit nur Verschleiß.

Spielregeln, die nachträglich geändert werden. Mikromanagement (jeden Handgriff kontrollieren). Sinnlose Meetings. Abgeschobene Verantwortung. Kontrolle um der Kontrolle willen. Überstunden ohne erkennbares Ziel. Arbeit, die sich nie wiederverwenden lässt. Ein Umfeld, in dem sich das System nicht ändert, selbst wenn Menschen daran zerbrechen.

Daraus wird nur schwer eine Geschichte.

Statt „Es war hart, aber es hatte einen Sinn" bleibt eher „Ich wurde einfach abgenutzt".

Deshalb gibt es in meiner Sicht auf die Arbeit keinen Modus „Überstunden bis zum Anschlag".

Ich leugne nicht, dass harte Erfahrungen etwas wert sein können. Aber es braucht Bedingungen, unter denen sie sich am Ende auszahlen.


4. Menschen wollen nicht „arbeiten", sondern „ein Kapitel, das etwas bedeutet"

Ich glaube, was viele suchen, ist nicht die Arbeit an sich, sondern ein bedeutsames Kapitel in ihrem Leben.

Reisen sind so. Hobbys sind so. Die Liebe ist so. Heirat und Scheidung sind so. Geschichten über Kinder sind so. Geschichten über furchtbare Firmen und gute Firmen sind ebenfalls so.

All das wird zu einem Kapitel des Lebens.

„Mit 20 habe ich geheiratet." „Mit 35 habe ich mich scheiden lassen." „Heute trinke ich mit meinem Sohn zusammen ein Bier." „Meine frühere Firma war ein Desaster." „Aber dort habe ich gelernt, Firmen einzuschätzen." „Die Reise war anstrengend, aber großartig." „Der Windbeutel war unglaublich lecker."

Solche Geschichten sind Spuren eines Lebens, das sich bewegt hat.

Menschen wollen diese Spuren erzählen.

Und wer zuhört, aktualisiert dabei sein eigenes „Lebens-Betriebssystem" (die Gesamtheit der Werte und Maßstäbe, nach denen jemand entscheidet, wie er leben will).

„Man kann also auch so leben." „Nach einer Scheidung kann die Beziehung zwischen Eltern und Kind bestehen bleiben?" „Die Firma ist wirklich so schlimm?" „Lohnt sich das Lokal?" „Dieses Ausflugsziel kann ich nachmachen."

So wird die Geschichte eines anderen zum Material für die eigenen Entscheidungen.


5. Smalltalk mit Mitschreiben und Nachhaken ist Lernen

Während wir plaudern, tippe ich mit, was mein Gegenüber erzählt. Und dann hake ich nach.

Das kommt dem Lernen ziemlich nahe.

Ich höre nicht nur zu. Ich sortiere. Ich schaue auf die Struktur. Ich extrahiere das Lebens-Betriebssystem dieser Person. Ich sammle das ein, was ich für mein Leben und meine Sicht auf Arbeit brauchen kann.

Die Themen, nach denen ich frage, sind zum Beispiel diese:

  • Ausflugsziele
  • Hobbys
  • Lokale, die sie empfehlen
  • Interessante Orte von Reisen
  • Harte Erfahrungen
  • Gute Firmen
  • Furchtbare Firmen
  • Was im früheren Job am härtesten war
  • Erfahrungen, die sich am Ende als gut herausgestellt haben
  • Die Art zu leben
  • Ansichten zu Heirat, Scheidung und Kindern
  • Momente, in denen sie bei der Arbeit zufrieden waren
  • Und umgekehrt: was sie nie wieder tun wollen

Das ist kein bloßes Geplauder.

Es ist zugleich eine Datenbank für lokale Informationen, eine Datenbank des Arbeitsmarkts und eine Sammlung von Lebensproben.

Und im Einzelgespräch lässt sich viel leichter fragen.

Vor vielen Leuten wählt das Gegenüber aus, was es sagt. Es gibt die Blicke der anderen. Man muss das Lachen managen. Man muss einschätzen, wie jeder es aufnimmt.

Unter vier Augen dagegen kann ich die Stimmung meines Gegenübers lesen und die Tiefe anpassen.

„Das ist ja spannend." „Was genau war an der Firma so schlimm?" „Gab es umgekehrt auch eine gute?" „Was ist an dem Lokal so gut?" „Und die Erfahrung, war sie am Ende gut?"

So greife ich nur so viel auf, wie die andere Person erzählen möchte.

Ich benutze es nicht zur Bewertung. Ich führe kein Beschwerdeprotokoll mit echten Namen. Ich verhöre niemanden. Ich greife die Anknüpfungspunkte auf, die mein Gegenüber anbietet.

Wenn man diese Grenzen einhält, ist es ein ziemlich gesunder Informationsaustausch.


6. Die Arbeitsweise anderer kopiere ich nicht, aber Ausflugsziele und Lokale sofort

Interessant ist: Selbst wenn ich anderen zuhöre, kopiere ich ihr „Arbeits-Betriebssystem", also ihre Grundeinstellung zur Arbeit, nicht einfach.

„Es war hart, aber gut." „Ich habe Überstunden gemacht, aber es war eine Erfahrung." „Ich konnte viel machen, und es hat Spaß gemacht."

Wenn ich so etwas höre, denke ich nicht: „Gut, dann haue ich jetzt auch richtig Überstunden raus."

Das liegt nicht daran, dass ich nichts lerne. Ich übernehme es nur nicht.

Ein Arbeits-Betriebssystem ist schwer.

Wer lange Arbeitszeiten übernimmt, beeinflusst Zeit, Kraft, Gesundheit, Freiheit, Jobwechsel, das ganze Leben. Auch wenn jemand anderes damit zufrieden war, muss ich es also nicht eins zu eins kopieren.

Ausflugsziele und empfohlene Lokale dagegen kopiere ich sofort.

Ein Windbeutel. Eine heiße Quelle. Ein Reiseziel. Eine Spazierstrecke. Ein Lokal zum Essen. Eine Art, den freien Tag zu verbringen.

Das lässt sich günstig ausprobieren. Geht es daneben, ist der Verlust klein. Trifft es, steigt sofort meine Lebensqualität im Alltag.

Deshalb kann ich es sofort übernehmen.

Hier kommt mein eigener Maßstab ins Spiel:

  • Zahlt es sich am Ende aus?
  • Gewinne ich dadurch mehr Freiheit?
  • Bleibt mein Körper heil?
  • Lässt es sich in Lebensqualität umsetzen?
  • Ist es wiederverwendbares Wissen?
  • Taugt es als Material für Entscheidungen meines Lebens-Betriebssystems?
  • Gibt es eine gute Geschichte her?

Wenn es passt, übernehme ich es. Wenn nicht, speichere ich es nur als Material.

Darum werde ich auch nach 150 Menschen nicht zu jemandem, der Überstunden bis zum Anschlag macht. Im Gegenteil: Je mehr ich sehe, desto klarer wird, dass nicht die Arbeit an sich zählt, sondern Geschichten, die sich auszahlen.


7. Zufriedene Menschen erzählen keine Arbeit, sondern eine „Geschichte"

Wenn ich Menschen zuhöre, die mit ihrer Arbeit zufrieden sind, erzählen sie meist eine Geschichte, nicht die Arbeit selbst.

„Ich konnte viel machen." „Ich hatte Glück mit den Leuten." „Man hat mir Verantwortung übertragen." „Es war hart, aber am Ende hat es Spaß gemacht." „Diese Erfahrung hat mich bis heute getragen." „Weil ich in der früheren Firma gelitten habe, kommt mir die jetzige ganz anständig vor."

Das sind Geschichten darüber, wie sich die Person durch die Arbeit verändert hat.

Auch in einem Papier des JILPT (des japanischen Instituts für Arbeitspolitik und Weiterbildung) zur Berufszufriedenheit junger Beschäftigter werden Arbeitsinhalt und Sinnempfinden, Gehalt, Arbeitszeit und Beziehungen am Arbeitsplatz als Elemente der Zufriedenheit behandelt.[^jilpt-satisfaction] Das heißt: Zufriedenheit im Job hängt nicht einfach davon ab, „wie lange man gearbeitet hat", sondern ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Arbeitsinhalt, Sinnempfinden, Konditionen, Beziehungen und Zeit.

Auch aus der Praxis passt das recht gut.

Man ist nicht zufrieden, weil man lange gearbeitet hat. Man ist auch nicht zufrieden, weil man viele Überstunden gemacht hat.

Man hat selbst gehandelt. Man hat mit jemandem Kontakt gehabt. Es gab ein Ergebnis. Es ist eine Erfahrung geblieben. Es wurde ein Kapitel, das man später erzählen kann.

Daraus entsteht Zufriedenheit.


8. In Geschichten über Reisen, Hobbys und Lokale sieht man das Lebens-Betriebssystem eines Menschen

Geschichten über Reisen, Hobbys und empfohlene Lokale wirken leicht, sind aber ziemlich tief.

Wohin jemand fährt. Was er lustig findet. Wofür er Geld ausgibt. Wodurch er sich erholt. Wohin er andere schickt. Was ihn denken lässt: „Da will ich wieder hin."

Das sind seine Werte.

Hört man seine Reisegeschichten, sieht man, wie abenteuerlustig er ist. Hört man seine Hobbys, sieht man, wie er sich erholt. Fragt man nach seinen Lieblingslokalen, sieht man sein Lebensumfeld, seinen Geschmack und sein Gespür für Informationen. Hört man seine Geschichten über harte Zeiten, sieht man, wie er durchhält und Sinn stiftet.

Manchmal sieht man den echten Menschen deutlicher als im Gespräch über die Arbeit.

Denn dort steckt weniger Kalkül, gut bewertet zu werden.

Bei der Arbeit zeigen Menschen sich von ihrer besten Seite. Aber wenn sie über ihr Lieblingslokal oder eine Reise sprechen, kommt das Natürliche recht leicht durch.

„Da war es gut." „Dort fand ich es eher mittelmäßig." „Es war brechend voll, aber das Essen war okay." „Es war anstrengend, aber ich würde wieder hinfahren."

In solchen Äußerungen zeigt sich das Lebens-Betriebssystem eines Menschen.

Beim Smalltalk nach Lokalen und Reisen zu fragen, ist deshalb nicht bloß Zeitvertreib. Es ist eine Art zu sehen, wie jemand sein Leben nutzt.


9. Geschichten über „furchtbare Firmen" und „gute Firmen" helfen bei der Entscheidung für einen Jobwechsel

Wer neu einsteigt, hat meist einen früheren Job.

Das heißt, er hat echte Beispiele für den Vergleich von Firmen.

Er hat Informationen, die in keiner Stellenanzeige stehen.

  • Was an der früheren Firma furchtbar war
  • Wo Menschen zerbrochen sind
  • Was nachträglich geändert wurde
  • Welche Art von Kontrolle belastend war
  • Und umgekehrt: was gut war
  • Mit welcher Art von Vorgesetzten sich leichter arbeiten ließ
  • Welche Regelungen tatsächlich funktionierten
  • Welche Firmen man besser meidet

Das ist ziemlich wertvoll.

Bei der Jobsuche schaut man sich Stellenanzeigen, Bewertungen, Vorstellungsgespräche und Firmenwebsites an. Aber die konkreten Berichte von Menschen, die dort wirklich gearbeitet haben, haben eine ganz andere Auflösung.

Und Geschichten über furchtbare Firmen bringen die Unterhaltung leicht in Schwung.

Denn eine furchtbare Firma gibt eine gute Geschichte her.

Allerdings muss man beim Umgang damit vorsichtig sein.

Kein Beschwerdeprotokoll mit echten Namen führen. Nicht zur Bewertung verwenden. Nur so weit zuhören, wie die andere Person erzählen möchte. Nicht verhören. Auf sichere Weise fragen.

Wenn man das einhält, werden Geschichten über furchtbare und gute Firmen zu einer Feldstudie über den Arbeitsmarkt.


10. Was ich will, ist nicht Arbeit, sondern eine Geschichte, die sich auszahlt

Letztlich will ich nicht Arbeit.

Ich will eine Geschichte, die sich auszahlt.

„Sich auszahlen" bedeutet nicht nur Geld.

  • Die Lebensqualität im Alltag steigt
  • Die Freiheit wächst
  • Die Gesundheit bleibt geschützt
  • Das Verständnis für Menschen wächst
  • Man gewinnt einen Maßstab für Entscheidungen
  • Es wird zu einer wiederverwendbaren Fähigkeit
  • Die Arbeit wird standardisiert
  • Es wird zu einer Erfahrung, die im nächsten Lebensabschnitt nützt
  • Es bleibt als gute Geschichte erhalten
  • Es gibt mehr Lokale, in denen man gern war
  • Es gibt mehr Menschen, die kennenzulernen sich gelohnt hat

Wenn solche Dinge bleiben, ist die Erfahrung ein Gewinn.

Wenn man dagegen Überstunden macht, ausgelaugt wird, nichts zurückbleibt, sich nichts wiederverwenden lässt, die Freiheit schrumpft und der Körper kaputtgeht, ist das ein Verlust.

Arbeitszeit an sich hat also keinen Wert. Wert hat, was davon übrig bleibt.

Bei Reisen ist es genauso. Bei Lokalen genauso. Bei Beziehungen genauso. Bei der Arbeit genauso.

Wenn etwas eine Form annimmt, die im Leben bleibt, wird es zur Geschichte.


11. Der Smalltalk in der Einführungsschulung ist Feldforschung über das Leben

Die Einführungsschulung ist die Aufgabe, Regeln zu erklären. Aber nicht nur das.

Indem man die festen Teile standardisiert und als Video aufbereitet, sinkt ihr Aufwand. Dadurch entsteht Raum zum Plaudern.

Und beim Plaudern bekommt man ein wenig vom Leben der Menschen mit.

Ausflugsziele. Hobbys. Empfohlene Lokale. Reisen. Harte Zeiten. Furchtbare Firmen. Gute Firmen. Die Art zu leben. Heirat. Scheidung. Kinder. Die Mühen im früheren Job. Wünsche für die Zukunft.

Das ist Feldforschung über das Leben.

Während ich arbeite, beobachte ich, wie Menschen leben. Während ich die Firma erkläre, aktualisiere ich meine Datenbank für lokale Informationen. Während ich die Nervosität am ersten Tag senke, aktualisiere ich auch mein eigenes Lebens-Betriebssystem.

Und auch das Gegenüber profitiert.

Am ersten Arbeitstag kann es ganz natürlich mit jemandem von der Firma reden. Jemand erinnert sich an das, was im Gespräch erzählt wurde. Die eigene Geschichte wird ein Stück weit angehört. Die Firma rückt ein bisschen näher an die menschliche Seite.

Das zahlt sich ziemlich aus.


12. Fazit: Menschen wollen nicht über Arbeit reden, sondern die Spuren eines bewegten Lebens erzählen

Menschen wollen nicht voll ranklotzen.

Zumindest wirken die meisten so.

Was Menschen erzählen wollen, sind die Spuren eines Lebens, das sich bewegt hat.

Ich bin verreist. Ich habe ein tolles Lokal erwischt. Ich habe ein Hobby. Es war hart. Aber es hat Spaß gemacht. Bei der Arbeit konnte ich viel machen. Die frühere Firma war ein Desaster. Ich habe auch gute Firmen gesehen. Ich habe geheiratet. Ich habe mich scheiden lassen. Ich habe wieder zu meinen Kindern gefunden. Diese Erfahrung hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin.

Solche Geschichten bewegen Menschen.

Auch Arbeit ist interessant, wenn sie zur Geschichte wird. Aber Arbeit, die nicht zur Geschichte wird, ist nur Verschleiß.

Was wir anstreben sollten, ist deshalb nicht „mehr arbeiten".

Was wir anstreben sollten, ist meiner Meinung nach, mehr Geschichten zu sammeln, die sich auszahlen.

Die Lebensqualität im Alltag steigt. Das Lebens-Betriebssystem wird aktualisiert. Der Blick für Menschen wird besser. Der Blick für Firmen wird besser. Es wird zu Wissen, das sich später nutzen lässt. Es bleibt als gute Geschichte erhalten.

Solche Erfahrungen sammeln.

Der Smalltalk in der Einführungsschulung ist ein Ort, an dem dieses Material in großer Menge herunterfällt.

Es sieht aus, als redeten wir über Arbeit, aber in Wirklichkeit reden wir über das Leben. Am Eingang der Firma höre ich einen Teil des Lebens meines Gegenübers. Und diese Geschichten sammeln sich auch in meinem eigenen Lebens-Betriebssystem an.

Menschen wollen nicht arbeiten, sie wollen erzählen, wie sich ihr Leben bewegt hat.

Diese Deutung fühlt sich für mich ziemlich stimmig an.


Ideen für interne Links

  • Die Einführungsschulung ist ein Anlass, lockere Verbindungen zu knüpfen
  • Smalltalk ist ein Update der Datenbank über Menschen
  • Zufriedenheit im Job entscheidet sich an der Geschichte, nicht an den Arbeitsstunden
  • Geschichten über furchtbare und gute Firmen helfen bei der Entscheidung für einen Jobwechsel
  • Gesichter und Namen vergisst man, aber die Anknüpfungspunkte im Gespräch behält man
  • Warum Geschichten über Reisen, Hobbys und empfohlene Lokale so gut ankommen
  • Ich werde kein Überstunden-Typ, weil ich einen Maßstab habe
  • Eine Sicht auf Arbeit, die mehr Geschichten sammelt, die sich auszahlen

Quellen

[^gallup-japan]: Gallup, “State of the Global Workplace: Japan Country-Level Data.” Zeigt, dass 8 % der Beschäftigten in Japan in ihrer Arbeit engagiert sind, weniger als der Durchschnitt von 18 % in Ostasien und 20 % weltweit.
https://www.gallup.com/workplace/705794/state-global-workplace-japan-country-level-data.aspx

[^jilpt-satisfaction]: Japanisches Institut für Arbeitspolitik und Weiterbildung (JILPT), „Kapitel 7: Struktur und Einflussfaktoren der Berufszufriedenheit junger Beschäftigter". Analysiert die Berufszufriedenheit junger Beschäftigter unter Aspekten wie Arbeitsinhalt und Sinnempfinden, Gehalt, Arbeitszeit und Beziehungen am Arbeitsplatz.
https://www.jil.go.jp/institute/siryo/2016/documents/0171_07.pdf

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