Im Job hört man oft Sätze wie diese:
Wer sich den Chef zum Feind macht, hat nichts davon
Leg dich nicht mit dem an, der deine Beurteilung schreibt
Als Angestellter musst du den Chef auf deine Seite ziehen
Wenn der Chef dich nicht mag, sinkt deine Bewertung
Wenn du dich mit dem Chef anlegen willst, such dir erst die nächste Stelle
Als kurzfristige Taktik kann ich das nachvollziehen.
Der Chef beeinflusst deine Beurteilung.
Er beeinflusst auch Arbeitsmenge, Prioritäten, den Informationsfluss, Versetzungswünsche und wie leicht du ihn um Rat fragen kannst.
Aus Emotion unnötig mit ihm zusammenzustoßen, lohnt sich also nicht.
Aber wenn daraus wird:
Er beurteilt dich, also gehorch immer
Sich den Chef zum Feind zu machen, bringt nicht einen einzigen Vorteil
Auch wenn ihr nicht zusammenpasst, halt durch
Der Arbeitnehmer muss sich eben geschickt anpassen
dann wird es ziemlich gefährlich.
Das ist wieder die alte Denkweise, nach der allein die Arbeitnehmer schuld sind.
Gerade weil er beurteilt, trägt der Chef Verantwortung
Den Chef, der deine Beurteilung in der Hand hat, nicht unnötig zu reizen.
Als Taktik verstehe ich das.
Aber grundsätzlich gilt: Wer die Macht zu beurteilen hat, trägt auch die entsprechende Verantwortung.
Ein Chef hat die Verantwortung,
- nicht nach Sympathie und Antipathie zu beurteilen
- die Arbeit nicht durch Launen zu verzerren
- seinen Leuten keine Nachteile zuzufügen
- nötige Informationen weiterzugeben
- seine Entscheidungskriterien offenzulegen
- ein Umfeld zu schaffen, in dem man Fragen stellen kann
- seine Befugnisse nicht zu missbrauchen
- seine Leute nicht einzuschüchtern
- niemanden zu schikanieren oder zu belästigen (Mobbing und Belästigung am Arbeitsplatz)
Gerade weil er beurteilt, sollte er besonders umsichtig sein.
Trotzdem läuft die Karriereberatung meist darauf hinaus:
Er beurteilt dich, also widersprich nicht
Zieh ihn auf deine Seite
Sorg dafür, dass er dich mag
Sei clever
Das ist verkehrt.
Die richtige Logik lautet nicht „er beurteilt, also muss der Arbeitnehmer Rücksicht nehmen“, sondern „er beurteilt, also darf er diese Macht nicht missbrauchen“.
Die Falle der „Leg dich nicht mit dem Chef an“-Regel
Das Problem dieser Regel ist, dass sie auch bei Chefs mit Hang zu Schikane und Belästigung angewendet wird.
Bei einem normalen Chef ist es vernünftig, die Beziehung nicht zu verschlechtern.
Aber wenn dein Gegenüber so jemand ist, sieht die Sache anders aus:
- greift Menschen persönlich an
- beherrscht andere mit seiner schlechten Laune
- beurteilt nach Sympathie und Antipathie
- erstickt Berichten, Informieren und Rücksprache (in Japan „Hōrensō“ genannt)
- würgt Fragen schon an der Tür ab
- schiebt Verantwortung ab
- schüchtert sein Team ein
- stellt Fehler öffentlich an den Pranger
- entscheidet nichts, wirft einem aber jedes Scheitern vor
- neigt zu Schikane und Belästigung
Zu so einem Chef nur zu sagen:
Mach ihn dir nicht zum Feind
Zieh ihn auf deine Seite
Nimm ihn als abschreckendes Beispiel
Sei clever
und es dabei zu belassen, ist gefährlich.
Solche Sätze nageln Arbeitnehmer unter einem gefährlichen Chef fest.
Was bringt es, sich an einen schikanierenden Chef zu klammern?
Was bekommt man davon, sich an einen Chef zu klammern, der schikaniert?
Natürlich gibt es Gründe, nicht sofort gehen zu können.
Lebenshaltungskosten.
Miete.
Familie.
Kredit.
Die Zeit für die Jobsuche.
Die Sorge vor dem nächsten Arbeitsplatz.
Der Wunsch, die bisherigen Erfolge mitzunehmen.
Die Möglichkeit einer Versetzung.
Deshalb sage ich nicht: „Kündige sofort.“
Aber wer unter einem Chef mit Hang zu Schikane bleibt, verliert auch etwas:
- die Nerven
- den Schlaf
- das Selbstwertgefühl
- die Urteilskraft
- die Lust an der Arbeit
- die Erholungszeit an freien Tagen
- die Energie für die Jobsuche
- die Zeit für Nebeneinkünfte und Vermögensaufbau
- das Vertrauen in Menschen
- die eigene Farbe
Genau das ist das „stille Verblassen“ (man verliert Stück für Stück, unbemerkt, die eigene Farbe).
Vielleicht kann man von so einem Chef als abschreckendem Beispiel etwas lernen.
Aber für dieses „Lehrgeld“ musst du nicht dauerhaft mit deinen Nerven bezahlen.
Das Ziel ist nicht, den Chef zum Feind zu machen
Hier sollte man nichts missverstehen: Das Ziel ist nicht, „den Chef zum Feind zu machen“.
Das Ziel ist, deine Nerven und dein Leben zu schützen.
Deshalb musst du dich nicht emotional streiten.
Du musst dich nicht frontal mit ihm anlegen.
Du musst den Chef auch nicht besiegen.
Was du brauchst, ist:
- unnötige Frontalzusammenstöße vermeiden
- sich aber nicht dauerhaft zermürben lassen
- ein Protokoll führen
- mit jemandem sprechen
- eine Versetzung erwägen
- den Jobwechsel vorbereiten
- den eigenen Verantwortungsbereich klar abgrenzen
- die dienstliche Kommunikation aufs Nötigste beschränken
Also nicht:
Mach ihn dir nicht zum Feind
sondern:
Kein Frontalzusammenstoß – und schaff dir einen Rückzugsweg
„Sich den Chef zum Feind zu machen, bringt nichts“ ist übertrieben
Sich den Chef aus Emotion zum Feind zu machen, ist oft tatsächlich keine gute Strategie.
Aber sich von einem unpassenden oder gefährlichen Chef zu entfernen, hat klare Vorteile:
- die Nerven erholen sich
- man grübelt weniger
- man kann sich auf die Arbeit konzentrieren
- man wird nicht mehr von seiner schlechten Laune hin und her gerissen
- die eigenen Stärken kommen leichter zur Geltung
- bei einem anderen Chef wird man vielleicht ganz normal beurteilt
- man kann das „stille Verblassen“ stoppen
- die Arbeit frisst weniger von den freien Tagen
Das ist ganz einfach etwas Gutes.
Richtig muss es also heißen:
Man sollte sich den Chef nicht unnötig zum Feind machen
und nicht:
Man muss eben unter einem unpassenden Chef ausharren
Stufen, wenn der Chef das Problem ist
Wenn der Chef nicht zu einem passt, ist es sinnvoll, in Stufen zu denken.
Stufe 1: Ihr passt einfach nicht zusammen
Charakter oder Wertvorstellungen stimmen nicht überein.
Aber die Arbeitsanweisungen sind vernünftig und die Beurteilung ist nicht groß verzerrt.
Dann reicht es, mit dem Nötigsten an dienstlicher Kommunikation Abstand zu halten.
Stufe 2: Launen, Sympathiebewertung und Torwächter-Verhalten
Bei jedem Ansprechen muss man aufpassen.
Seine Haltung wechselt je nachdem, ob er dich mag.
Meldungen und Fragen werden gleich am Eingang abgeblockt.
Dann sprich weniger mündlich und hinterlass Spuren per E-Mail, Chat oder Notiz.
Stufe 3: Echter Schaden bei Beurteilung oder Arbeit
Die Beurteilung ist offensichtlich verzerrt.
Nötige Informationen kommen nicht bei dir an.
Dir wird die Verantwortung zugeschoben.
Bei Arbeitsmenge und Prioritäten bist du im Nachteil.
Dann führ ein Protokoll in zeitlicher Reihenfolge und wende dich an eine vertrauenswürdige höhere Stelle, die Personalabteilung oder eine andere Abteilung.
Stufe 4: Die Nerven werden klar zermürbt
Schon vor der Arbeit hast du Herzklopfen oder starke Anspannung.
Du grübelst bis in die freien Tage hinein.
Die Lust an der Arbeit geht verloren.
Das „stille Verblassen“ schreitet voran.
Dann braucht es einen Ausstiegsplan, der Versetzungswunsch, Jobwechsel-Vorbereitung, Urlaub und auch eine krankheitsbedingte Auszeit umfasst.
Stufe 5: Schikane, persönliche Angriffe, anhaltende Nachteile
Es gibt persönliche Angriffe, Beschimpfungen, anhaltende Nachteile oder eindeutige Schikane.
Dann sichere Beweise und zieh auch Beratungsstellen innerhalb und außerhalb der Firma in Betracht.
Trennen: Liegt es an der ganzen Firma oder nur am Chef?
Wenn der Chef belastet, muss man unterscheiden, ob die ganze Firma das Problem ist oder nur dieser eine Chef.
Wenn die ganze Firma strukturell kaputt ist
- in jeder Abteilung wird Verantwortung abgeschoben
- Schikane wird laufen gelassen
- die Personalabteilung funktioniert nicht
- auch höhere Vorgesetzte hören nicht zu
- selbst nach einer Versetzung ist die Kultur dieselbe
- lange Arbeitszeiten und Sympathiebewertung gibt es überall
Dann ist ein Jobwechsel realistisch.
Wenn dieser eine Chef das Problem ist
- in anderen Abteilungen gibt es anständige Chefs
- höhere Vorgesetzte hören zu
- Personalabteilung oder Beratungsstellen könnten funktionieren
- durch eine Versetzung ist Besserung möglich
- die allgemeinen Regeln der Firma sind noch brauchbar
Dann kann sich die Lage durch Versetzung, Umbesetzung oder ein Gespräch mit einer höheren Stelle bessern.
Wenn man sich lokal verteidigen kann
Die Firma hat Lücken, aber in deinem Umfeld kannst du dir ein System aufbauen.
Höhere Vorgesetzte hören zu.
Schriftlich eingereicht, wird es bearbeitet.
In deinem Aufgabenbereich kannst du Abstimmungsregeln und Grenzen festlegen.
Dann musst du nicht gleich wechseln, auch lokale Verteidigung ist eine Option.
Protokoll führen und schriftlich einreichen
Wenn der Chef das Problem ist, kommt man mit rein emotionalen Gesprächen manchmal nicht durch.
Passt ihr vielleicht einfach nicht zusammen?
Nimmst du das nicht zu persönlich?
Kannst du dich nicht noch ein bisschen anstrengen?
Was genau bereitet dir denn Schwierigkeiten?
So etwas bekommt man manchmal zu hören.
Deshalb führst du ein Protokoll.
Datum und Uhrzeit:
Ort:
Äußerung/Anweisung:
Meine Reaktion:
Auswirkung auf die Arbeit:
Wiederholung:
Was ich besprechen möchte:
Gewünschte Maßnahme:
Ordne das in zeitlicher Reihenfolge.
Du kannst auch KI zu Hilfe nehmen.
Mach daraus ein schriftliches Papier und fass zusammen:
- Fakten
- Auswirkungen auf die Arbeit
- Was du selbst verbessern kannst
- Probleme auf Seiten des Chefs und des Umfelds
- Gewünschte Maßnahme
- Versetzungswunsch
- Vorschlag, wie es sich nicht wiederholt
Ein vernünftiger Vorgesetzter kann damit leichter handeln als bei einem reinen Gefühlsargument.
Formulierungen für den Arbeitsalltag
1. Über die Auswirkung auf die Arbeit sprechen, nicht über Gefühle
Es geht nicht nur um persönliche Sympathie: Rückfragen und Absprachen zur Arbeit sind schwierig geworden, und es kommt zu Nacharbeit und verzögerten Entscheidungen.
2. Nicht „Machtmissbrauch“ sagen, sondern um klare Beurteilungskriterien bitten
Ich möchte die Kriterien für Beurteilung und Arbeitsanweisungen klarer haben. Könnten Sie mir bitte sagen, welches meiner Verhaltensweisen derzeit in der Beurteilung als Problem gilt?
3. Einen Versetzungswunsch äußern
Wegen meines Verhältnisses zum aktuellen Vorgesetzten sind Rückfragen und Absprachen zur Arbeit erschwert. In einer anderen Abteilung könnte ich meine bisherige Erfahrung einbringen und etwas beitragen.
4. Wenn es Züge von Belästigung oder Schikane hat
Durch die anhaltenden Äußerungen und das Verhalten ist die psychische Belastung groß und wirkt sich auch auf meine Arbeit aus. Ich habe die Fakten in zeitlicher Reihenfolge zusammengestellt und würde das gern mit Ihnen besprechen.
5. Abstand halten, ohne frontal zusammenzustoßen
Um Missverständnisse zu verringern, bestätige ich wichtige Anweisungen und Entscheidungen künftig zusätzlich per E-Mail oder Chat.
Fazit
Der Chef hat die Beurteilung in der Hand.
Deshalb ist es keine gute Taktik, ihn aus Emotion unnötig zum Feind zu machen.
Aber das hier:
Er beurteilt dich, also gehorch bedingungslos
Sich den Chef zum Feind zu machen, bringt gar nichts
Auch bei Hang zu Schikane: zieh ihn auf deine Seite
Der Arbeitnehmer muss sich geschickt anpassen
ist verkehrt.
Gerade weil er beurteilt, hat der Chef die Verantwortung, diese Macht nicht zu missbrauchen.
Nicht nach Sympathie und Antipathie beurteilen.
Die Arbeit nicht durch Launen verzerren.
Nötige Informationen weitergeben.
Entscheidungskriterien offenlegen.
Die Leute nicht einschüchtern.
Das ist die Verantwortung auf Seiten des Chefs.
Der Arbeitnehmer muss sich nicht emotional streiten.
Aber er muss sich auch nicht dauerhaft die Nerven zermürben lassen.
Was es braucht:
- Protokoll
- Gespräch und Beratung
- Versetzung
- Vorbereitung des Jobwechsels
- Dienst nach Vorschrift (nur das Nötigste)
- lokale Verteidigung
- klare Abgrenzung der Verantwortung
Das Ziel ist nicht, den Chef zum Feind zu machen.
Das Ziel ist, sich nicht an einen schikanierenden Chef zu klammern und dabei die eigene Farbe zu verlieren.
Kein Frontalzusammenstoß, sondern ein durchdachter Rückzug.
Das ist Überleben im Job.


