Im Büro hält sich die Person am Nachbartisch ständig ein Taschentuch vor den Mund. Geht es ihr schlecht? Liegt es vielleicht am duftenden Haaröl, das du benutzt? Am nächsten Tag lässt du es vorsichtshalber weg.
Daraus entsteht eine ernsthafte Frage: Kann eine Schwangerschaft aus einem angenehmen Geruch tatsächlich etwas Unerträgliches machen?
Und gleich noch eine ziemlich alberne: Wenn das Gehirn von „riecht gut“ auf „bloß weg damit“ umschalten kann, geht es auch andersherum? Könnte plötzlich jemand jubeln: „Kot! Mein neues Lieblingsparfüm!“?
Man muss drei Dinge unterscheiden: einen Geruch wahrnehmen, ihn mögen oder ablehnen und davon übel werden.
0. Ja, der Lieblingsduft kann zum Feind werden
Manche Schwangere reagieren mit Übelkeit auf Kochgerüche, Kaffee, Parfüm oder Reinigungsmittel, die ihnen früher nichts ausmachten. Der amerikanische Berufsverband der Frauenärztinnen und Frauenärzte erklärt ausdrücklich, dass vertraute Gerüche plötzlich Übelkeit auslösen können. [1]
Auch teures Haaröl hat keinen Sonderstatus. Auf dem Etikett steht Luxus, im Magen läuft der Evakuierungsalarm.
Doch ein Taschentuch vor dem Mund beweist weder eine Schwangerschaft noch, dass dein Produkt schuld ist. Rücksichtnahme funktioniert auch ohne Ferndiagnose.
1. Die Nase wird nicht automatisch zur Supernase
Eine Forschungsübersicht aus dem Jahr 2022 wertete Studien mit insgesamt 523 Schwangeren und 365 Nichtschwangeren aus. Sie fand keine allgemeine Verbesserung beim Wahrnehmen sehr schwacher Gerüche oder beim Unterscheiden verschiedener Gerüche. Beim Erkennen und Benennen von Gerüchen schnitten Schwangere sogar eher schlechter ab. [2]
Eine weitere Übersicht von 2024 mit 20 Studien ergab dagegen, dass Gerüche im zweiten und dritten Schwangerschaftsdrittel stärker empfunden werden können. [3]
Das widerspricht sich nicht. Eine winzige Duftmenge entdecken, einen Geruch als intensiv wahrnehmen und ihn ekelhaft finden sind unterschiedliche Dinge.
Es ist weniger ein neuer Hochleistungssensor in der Nase als eine veränderte Lautstärke- und Alarmeinstellung nach dem Empfang des Signals. Mehr Alarm bedeutet nicht automatisch bessere Messwerte.
2. Für Schwangerschaftsübelkeit gibt es einen wichtigen biologischen Hinweis
Eine große Studie, die 2024 in Nature erschien, brachte Übelkeit und Erbrechen in der Schwangerschaft mit einem Stoff in Verbindung, der überwiegend vom Fötus und der Plazenta stammt. Er wirkt auf eine Hirnregion, die an diesen Reaktionen beteiligt ist. Wie empfindlich der Körper darauf reagiert, trägt zu den großen Unterschieden zwischen einzelnen Personen bei. [4]
Das beweist aber nicht, dass dieser Stoff unmittelbar ein bestimmtes Haaröl in einen unerträglichen Geruch verwandelt.
Ein wichtiger Teil der Übelkeit ist damit besser verstanden. Warum ausgerechnet ein bestimmter Duft abgelehnt wird, bleibt aber teilweise ungeklärt. Auch frühere Erfahrungen mit Übelkeit bei einem Geruch könnten eine Rolle spielen.
Wir wissen also mehr darüber, warum der Magen rebelliert, aber noch nicht genau, weshalb er ausgerechnet dem Lieblingsshampoo den Krieg erklärt.
3. Welche Gerüche können plötzlich stören?
Frisch gekochter Reis, gebratenes Fleisch oder Fisch, Kaffee, Parfüm, Haarprodukte, Weichspüler, Müll und Zigarettenrauch sind mögliche Auslöser. Welche davon stören, ist sehr individuell. [1][6]
Bemerkenswert ist, dass nicht nur klassische Gestanksquellen betroffen sind. Das früher geliebte süße Shampoo kann plötzlich zum Endgegner werden.
Der Feind von heute ist vielleicht morgen wieder ganz harmlos. Eine allgemeingültige Verbotsliste für Gerüche in der Schwangerschaft gibt es nicht.
„Ich finde diesen Duft schön“ und „meiner Kollegin wird davon schlecht“ können gleichzeitig stimmen. Eine Abstimmung im Büro ändert daran nichts.
4. Die große Kot-Lotterie: Kann aus Gestank Rosenduft werden?
Es gibt Studien, in denen einzelne Gerüche während bestimmter Schwangerschaftsphasen angenehmer bewertet wurden. Dazu zählen beispielsweise Nelke, Anis, Parfüm und Essig. [6]
Die Veränderung verläuft also nicht ausschließlich in Richtung Ekel.
Aber die Toilettentür öffnen und rufen: „Unsere heutige Duftempfehlung ist da!“? Kot riecht plötzlich wie ein Rosenstrauß?
Es gibt keine überzeugenden Belege dafür, dass Kot während der Schwangerschaft generell angenehm riecht, geschweige denn dafür, dass jeder Gestank zu Parfüm wird. Einzelne ungewöhnliche persönliche Erfahrungen lassen sich allerdings nicht grundsätzlich ausschließen.
Das ist kein Computerspiel, in dem jede Ziehung den Hauptgewinn liefert. Außerdem wurden längst nicht alle Gerüche ausreichend oft und bei allen Menschen untersucht.
5. Warum hört man so viel häufiger von unangenehmen Gerüchen?
Eine mögliche Erklärung lautet, dass das Meiden verdorbener Nahrung und möglicherweise verunreinigter Stoffe Schwangere und heranwachsende Babys geschützt haben könnte, besonders in der frühen Schwangerschaft. [6]
Das ist eine plausible Vermutung, aber keine bewiesene Allzweckerklärung.
Schließlich kann auch völlig unbedenkliches Shampoo Übelkeit auslösen. Umgekehrt kann die Nase nicht jede Gefahr zuverlässig erschnuppern.
Stell dir einen überempfindlichen Rauchmelder vor: Er reagiert auf Feuer, aber auch auf gewöhnlichen Toast und auf das teure Haaröl am Nachbarschreibtisch. Gute Schutzabsicht, beeindruckende Fehlalarmquote.
Die Sicherheitsabteilung nimmt ihren Job ernst. Leider behandelt sie auch den frisch gebackenen Toast wie eine Naturkatastrophe.
6. Die Empfindungen ändern sich im Verlauf und nach der Geburt
Eine Studie von 2026 begleitete 276 Frauen vom frühen Verlauf der Schwangerschaft bis nach der Geburt. In Fragebögen war der Ekel vor Körpergerüchen im ersten Schwangerschaftsdrittel am größten, nahm anschließend ab, erreichte kurz nach der Geburt seinen Tiefpunkt und stieg bis sechs Monate danach wieder an. Das galt sowohl für den eigenen als auch für fremden Körpergeruch. [5]
Gemessen wurde hier der berichtete Ekel, nicht die tatsächliche Leistungsfähigkeit der Nase.
Gleichzeitig zeigte die Forschungsübersicht von 2024, dass Gerüche im zweiten und dritten Schwangerschaftsdrittel intensiver erscheinen können. [3]
Die Phase mit dem stärksten Ekel muss also nicht die Phase mit der größten empfundenen Geruchsstärke sein. Das System bleibt nicht neun Monate lang auf einer einzigen Einstellung.
7. Wie nimmt man am Arbeitsplatz Rücksicht?
Wenn jemand in der Nähe offensichtlich unter einem Geruch leidet, kann man Parfüm oder duftendes Haaröl vorübergehend weglassen. Das ist eine kleine und leicht rückgängig zu machende Anpassung. Sie beweist keine Schuld, reduziert aber einen möglichen Auslöser.
Man muss nicht fragen: „Sind Sie schwanger?“ oder „Liegt es an mir?“. Ein Taschentuch ist kein ärztlicher Befund.
Wenn die Person von sich aus erklärt, welcher Geruch sie stört, hilft eine vernünftige Anpassung mehr als wildes Rätselraten.
Freude an Düften und Rücksicht im gemeinsamen Raum schließen sich nicht grundsätzlich aus. Meist braucht es eine kleine Absprache, keinen Schuldigen.
8. Was hilft bei Übelkeit?
Bekannte Auslöser meiden, beim Kochen gut lüften, stark riechenden Müll von jemand anderem entsorgen lassen und Essen sowie Getränke auswählen, die gerade verträglich sind: Das sind praktische Empfehlungen. [1]
Wer wiederholt erbricht, kaum Flüssigkeit bei sich behalten kann, sehr wenig Urin ausscheidet, schwindelig wird oder weiter an Gewicht verliert, sollte medizinischen Rat einholen. Starke Schwangerschaftsübelkeit kann behandelt werden müssen. [1][4]
Wegen eines Geruchs Übelkeit zu empfinden ist keine Übertreibung. Wer ein Duftprodukt benutzt, hat deshalb aber auch nicht automatisch böse Absichten.
9. Fazit: keine magische Nase, sondern mehrere neue Einstellungen
Eine Schwangerschaft kann einen bisher geliebten Duft unerträglich machen, ohne die Wahrnehmung schwacher Gerüche allgemein zu verbessern. Manche Düfte werden sogar angenehmer. Das bedeutet jedoch nicht, dass jeder Gestank plötzlich nach Blumen riecht.
Heute ist das teure Haaröl der Endgegner. Morgen übernimmt ein ganz normaler Topf Reis.
Tut uns leid für alle, die auf den Jackpot „Kot wird zum Rosenstrauß“ gehofft haben.
In Wirklichkeit wirkt es eher wie ein Spiel, in dem Nase, Gefühle und Magen ihre Einstellungen unabhängig voneinander verändern und gelegentlich nicht zusammenarbeiten. Wenn jemand unter einem Geruch leidet, ist es hilfreicher, einen möglichen Auslöser zu verringern, als eine Schwangerschaft zu erraten.
Quellen (6)
- American College of Obstetricians and Gynecologists. Morning Sickness: Nausea and Vomiting of Pregnancy. https://www.acog.org/womens-health/faqs/morning-sickness-nausea-and-vomiting-of-pregnancy
- Albaugh, S. L. et al. (2022). Olfaction in pregnancy: systematic review and meta-analysis. Chemical Senses. https://doi.org/10.1093/chemse/bjac035
- Agbor Epse Muluh, C. et al. (2024). Gustatory and olfactory shifts during pregnancy and the postpartum period: A systematic review and meta-analysis. Physiology & Behavior. https://doi.org/10.1016/j.physbeh.2023.114388
- Fejzo, M. et al. (2024). GDF15 linked to maternal risk of nausea and vomiting during pregnancy. Nature. https://doi.org/10.1038/s41586-023-06921-9
- Stefanczyk, M. M. et al. (2026). Body odor disgust sensitivity during pregnancy and the postpartum period: a longitudinal study. Evolution and Human Behavior. https://doi.org/10.1016/j.evolhumbehav.2026.106855
- Cameron, E. L. (2014). Pregnancy and olfaction: a review. Frontiers in Psychology. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3915141/
