Stell dir vor, du hast jahrelang in einem Uni-Labor geforscht, in dem Versuche bis spät in die Nacht liefen und freie Wochenenden selten waren. Dann beginnt dein erster Job. Plötzlich darfst du schon um 19 Uhr nach Hause. Und wirst dafür sogar bezahlt!
„Wow, Berufsleben ist ja Urlaub!“
Ein Kollege erzählt, wie erschöpft er davon ist, ständig bis 19 Uhr im Büro zu sitzen. Dein erster Gedanke: „Ernsthaft? Das ist schon zu viel?“
Als Internetwitz ist das ziemlich treffend. Problematisch wird es, wenn aus „Ich halte das aus“ plötzlich „Alle anderen müssen das auch aushalten“ wird.
Durchhalten ist eine Leistung, kein Gütesiegel für die Bedingungen
Wer eine extrem fordernde Forschungszeit bewältigt hat, bringt möglicherweise viel Ausdauer mit. Dass ein späterer Job leichter wirkt, ist nachvollziehbar.
Daraus folgt aber nicht, dass die damalige Belastung sinnvoll war. Nicht jedes Labor funktioniert so. Und niemand muss Schlafmangel als Eignungsprüfung bestehen, nur weil es jemand anderem einmal gelungen ist.
Persönliche Belastbarkeit und angemessene Arbeitsbedingungen sind zwei verschiedene Maßstäbe.
Marathon geschafft? Bitte nicht gleich Startnummern im Büro verteilen
42,195 Kilometer zu laufen ist beeindruckend. Dafür gibt es zu Recht Applaus und eine Medaille.
Aber stell dir vor, der Marathonläufer steht am Montagmorgen mit einem Stapel Startnummern im Büro: „Wenn ich 42 Kilometer schaffe, könnt ihr das doch auch. Sonst seid ihr einfach zu weich.“
Herzlichen Glückwunsch zum Zieleinlauf! Aber wann wurde aus der Teambesprechung ein Volkslauf?
Eine herausragende Einzelleistung ist keine Mindestanforderung für alle. Manche wollen ihre Grenzen testen; andere wollen dauerhaft in einem gut tragbaren Tempo arbeiten.
Ein Betrieb, der nur mit einem Helden läuft, ist nicht besonders robust
Menschen, die während einer Katastrophe nachts die Strom- oder Wasserversorgung wiederherstellen, verdienen großen Respekt. Wenn eine Organisation aber jede Woche solchen Einsatz braucht, fehlen vielleicht Personal, Schichtwechsel und Ruhezeiten.
„Der Vorgänger hat das immer geschafft“ ist kein Vertretungsplan. Was passiert, wenn er Urlaub macht?
Auch körperliche Risiken gehören zur Bewertung: Eine Analyse von WHO und ILO fand bei mindestens 55 Arbeitsstunden pro Woche ein höheres Risiko für Schlaganfälle und ischämische Herzerkrankungen als bei 35 bis 40 Stunden. Daraus folgt nicht, dass Feierabend um 19 Uhr automatisch gefährlich ist. Aber die Tatsache, dass jemand eine Belastung aushält, beweist ebenso wenig, dass sie unbedenklich ist.
Medaille für den Marathonläufer: unbedingt. Pflicht-Startnummern fürs ganze Büro: lieber nicht.
