Man geht in einen Convenience Store. Man kauft weder ein Getränk noch ein Onigiri. Man benutzt nur die Toilette und geht wieder.
Aus Sicht des Geschäfts kann das hart wirken: Papier, Wasser, Strom, Reinigung, Kontrollen, Verstopfungen und Verschmutzungen verursachen Kosten, während der Umsatz durch diesen Besucher bei null liegen kann. Als kostenlose Dienstleistung betrachtet ist das kein leichtes Geschäft.
Aus Sicht der ganzen Stadt ändert sich die Rechnung jedoch.
Ein Mensch kann seinen Toilettendrang nicht einfach deinstallieren, sobald er erfährt, dass ein Geschäft keine Toilette hat. Der Bedarf bleibt bestehen. Die Person sucht die nächste Toilette. Reicht die Zeit nicht, verlagern sich die Hygienekosten irgendwohin: in ein Geschäft, an einen Bahnhof, in eine Gasse oder in die Umgebung eines Gebäudes.
Daraus entsteht eine Frage:
Convenience Store, bist du inzwischen nicht schon zur Hälfte öffentlicher Dienst?
Bei näherem Hinsehen ist das nicht nur ein Witz. Kommunen stufen Toiletten in Convenience Stores und anderen privaten Geschäften bereits als kooperierende öffentliche Toiletten ein und stellen dafür Geld oder Toilettenpapier bereit.
1. Convenience-Store-Toiletten sind längst mehr als eine Einrichtung, die man „ab und zu mal ausleiht“
Eine Feldstudie aus dem Jahr 2009 kam in den untersuchten Convenience Stores auf rund 150 Toilettennutzer pro Geschäft und Tag.[1]
Lawson erklärt, seine Toiletten seit 1997 der Öffentlichkeit zugänglich zu machen; heute würden landesweit etwa eine Million Menschen pro Tag diese Toiletten nutzen. In einer Befragung von 1.200 Personen aus dem Jahr 2025 sagten etwa 90 Prozent, Convenience-Store-Toiletten seien „notwendig“ oder „eher notwendig“. Rund 40 Prozent gaben an, den Laden ausschließlich wegen der Toilette betreten zu haben.[2]
In dieser Größenordnung ist die Toilette weniger ein Extra für Käufer als vielmehr eine kleine, über die Stadt verteilte Sanitärinfrastruktur.
Und Convenience Stores stehen nicht nur an Bahnhöfen. Es gibt sie in Wohngebieten, an Hauptverkehrsstraßen und am Stadtrand. Ihre Öffnungszeiten sind lang. Selbst wenn die Parktoilette geschlossen und das Rathaus längst zu ist, leuchtet der Convenience Store oft noch.
Mitten in der Nacht wirkt das bläulich leuchtende Schild fast so, als würde es verkünden: „Ausscheidung weiterhin möglich.“
2. „Wenn wir keine Toilette anbieten, sind die Kosten null“ stimmt nicht
Betrachtet man nur die Buchhaltung des Geschäfts, lassen sich Papier- und Reinigungskosten senken, wenn die Toilette geschlossen wird.
Gesamtgesellschaftlich verschwindet der Toilettenbedarf dadurch aber nicht. Er wandert nur zu einem anderen Geschäft, Bahnhof, Park oder auf die Straße.
Das ist der entscheidende Punkt.
Toiletten verursachen direkte Kosten: Wasser und Abwasser, Toilettenpapier, Seife, Strom, Reinigungspersonal und Reparaturen an der Ausstattung. Bei missbräuchlicher Nutzung kann zudem ein Aufwand entstehen, der weit über die normale Reinigung hinausgeht.[2]
Aber auch auf der Seite ohne Toilette entstehen Kosten: zusätzliche Wege für die Nutzer, eingeschränkte Bereitschaft auszugehen, Ausscheidungen an ungeeigneten oder ungereinigten Orten, Gerüche, zusätzlicher Hygieneaufwand für Geschäfte und Einrichtungen sowie Imageschäden.
Verglichen werden sollte also nicht:
„Kosten für den Toilettenbetrieb“ gegen „0 Yen“.
Sondern:
„Kosten für den Betrieb einer Toilette“ gegen „Kosten, die anderswo in der Stadt entstehen, wenn Toiletten fehlen“.
Toilettendrang liest keine Haushaltspläne.
3. Kommunen unterstützen Convenience Stores tatsächlich
Yamato City in der Präfektur Kanagawa wirbt Convenience Stores als „Kooperationsgeschäfte für öffentliche Toiletten“ an. Registrierte Geschäfte erhalten im Rahmen des Budgets rund 200 Rollen Toilettenpapier pro Jahr. Ziel des Programms ist es, insbesondere älteren Menschen und anderen Personen zu ermöglichen, auszugehen, ohne sich ständig um eine erreichbare Toilette sorgen zu müssen.[3]
Machida City in Tokio macht die Unterstützung noch deutlicher. Private Geschäfte werden als „Kooperationsgeschäfte für öffentliche Toiletten“ registriert; im April 2026 waren 53 Standorte ausgewiesen. Jedes teilnehmende Geschäft erhält 20.000 Yen pro Jahr als Kooperationshonorar.[4]
Auch Yokohama betreibt ein Programm, das Toiletten in Convenience Stores und anderen Geschäften ausdrücklich in eine „öffentliche“ Rolle einbindet. 2023 begann die Stadt einen Pilotversuch mit zwei Lawson-Filialen und führte das Modell anschließend als reguläres Programm fort.[5][6]
In Alltagssprache übersetzt lautet die Verwaltungsbotschaft ungefähr:
„Danke, Convenience Store. Dürfen wir deine Toilette als Teil unserer öffentlichen Infrastruktur zählen?“
Wie umfangreich die Unterstützung ausfällt, unterscheidet sich jedoch stark. Manche Kommunen stellen Toilettenpapier bereit, andere zahlen 20.000 Yen pro Jahr, wieder andere bieten vor allem Aufkleber und Karteneinträge. Ein landesweit einheitliches System, das Reinigung, Reparaturen und außergewöhnliche Verschmutzungen vollständig ersetzt, gibt es nicht.
4. Convenience Stores dienen auch im Katastrophenfall als Toilettenstützpunkte
Die öffentliche Funktion von Convenience Stores zeigt sich nicht nur im Alltag.
In Vereinbarungen zwischen Kommunen und Franchise-Ketten zur Unterstützung von Menschen, die bei Katastrophen nicht nach Hause kommen, stellen kooperierende Geschäfte Fußgängern unter anderem Leitungswasser, Toiletten und Straßeninformationen zur Verfügung. Auch das japanische Kabinettsamt beschreibt dieses Modell.[7]
Geldautomat, Paketdienst, Rechnungszahlung, Bescheinigungen, Lebensmittel, Wasser, Katastrophenstützpunkt – und Toilette.
Der Convenience Store wird langsam zu einer Außenstelle des Rathauses, die nebenbei Onigiri verkauft.
Anders als beim Rathaus übernehmen Reinigung und Betrieb allerdings die Franchise-Nehmer und ihre Beschäftigten.
Wenn die Gesellschaft die Einrichtung wie eine öffentliche Infrastruktur nutzt, ist es unausgewogen, die gesamte Belastung bei privaten Betreibern abzuladen.
5. Yodobashi Ikebukuro zeigt, dass die „Zeit bis zur Toilette“ ebenso wichtig ist wie die Zahl der Toiletten
Am 30. Juni 2026 eröffnete Yodobashi Camera Multimedia Ikebukuro. Laut offizieller Mitteilung handelt es sich um ein großes Geschäft mit rund 33.000 Quadratmetern Fläche.[8]
Kurz darauf verbreiteten sich in sozialen Medien zahlreiche Berichte, wonach im Laden menschliche Exkremente gefunden worden seien. Am 10. Juli erklärte Yodobashi gegenüber J-CAST News, man werde sich nicht äußern, weil die Faktenlage noch nicht ausreichend bestätigt sei. Nicht jeder online geschilderte Vorfall ist also offiziell verifiziert worden.[9]
Spätere Vor-Ort-Recherchen bestätigten jedoch starke Einschränkungen bei der Toilettenanordnung selbst. Die wichtigsten Verkaufsflächen von Yodobashi reichen vom ersten Untergeschoss bis zum fünften Stock, während die für gewöhnliche Kunden zugänglichen Toiletten vor allem im vierten und fünften Stock liegen. Ein Vor-Ort-Bericht aus dem Umfeld von Daily Shincho berichtete, dass sich auf beiden Etagen jeweils vier Herrenkabinen befanden; selbst an einem Werktag waren auf beiden Etagen alle Kabinen belegt, und jeweils drei Personen warteten.[10]
Ein Reporter von Nikkan Gendai maß den Weg vom ersten Untergeschoss nach oben. Der vierte Stock war voll, der fünfte ebenfalls, und wenn man weiter in den sechsten Stock musste, konnte der Weg insgesamt etwa sechs Minuten dauern. Während der Recherche bestätigte der Reporter außerdem selbst, dass sich in einer Toilette im fünften Stock Fäkalien außerhalb der Schüssel bis auf den Boden erstreckten.[11]
Stellt man sich nun einen Nutzer im absoluten Grenzbereich vor, beginnt ein ziemlich grausames Spiel.
Plötzlicher Toilettendrang im Untergeschoss oder auf einer unteren Etage.
„Toilette … vierter Stock!?“
Man schafft es bis in den dritten.
Los. Nur noch ein bisschen.
Weiter Richtung vierter Stock.
Durchhalten, durchhalten, durchhalten …
Ankunft.
Alles belegt. Drei Personen warten.
– Game over.
Das ist keine Rekonstruktion, die die Ursache eines bestimmten Vorfalls behauptet. Wie viel auf absichtlichen Unsinn, Nachahmung oder Unfälle zurückging, ist nicht geklärt.
Die Lehre für die Gebäudeplanung ist trotzdem eindeutig.
„Irgendwo im Gebäude gibt es eine Toilette“ und „ein Mensch im Grenzbereich erreicht rechtzeitig eine benutzbare Toilette“ sind zwei verschiedene Dinge.
Die Leistungsfähigkeit einer Toilette hängt nicht nur von der Zahl der Kabinen ab. Entscheidend sind auch Entfernung vom aktuellen Standort, vertikale Wege, Beschilderung, Gedränge und Wartezeit – also die effektive Zeit bis zu einer tatsächlich nutzbaren Toilette.
6. Ist ein Besucher, der nur die Toilette nutzt, wirklich ein „Verlustkunde“?
In der Lawson-Befragung gaben rund 40 Prozent an, ausschließlich wegen der Toilette in den Laden gegangen zu sein.[2]
Aus Sicht des Geschäfts bedeutet das, dass eine beträchtliche Zahl von Menschen die Einrichtung nutzt, ohne zwingend etwas zu kaufen. Dass dadurch ein Belastungsgefühl entsteht, ist verständlich.
Das heißt allerdings nicht, dass die übrigen 60 Prozent alle etwas gekauft haben. Diese Zahl darf nicht künstlich aufgebläht werden.
Trotzdem kann eine Toilette als Besuchsanlass einen Wert haben. Menschen merken sich den Standort, kaufen vielleicht zusätzlich ein Getränk, kommen später wieder oder nehmen den Laden als sicheren Ort wahr, an dem sie jederzeit kurz anhalten können. In einer von Yamato veröffentlichten Umfrage unter teilnehmenden Geschäften wurden auch positive Rückmeldungen genannt, etwa dass die Geschäfte als Orte wahrgenommen würden, deren Toiletten man ohne Hemmungen benutzen könne.[3]
Auf Seiten des Geschäfts existieren also gleichzeitig:
Kosten: Reinigung, Papier, Wasser, Reparaturen, missbräuchliche Nutzung
und
Nutzen: Besucher, Sicherheitsgefühl, Vertrauen und der Wert als lokale Infrastruktur.
„Kostenlos, also nur Verlust“ ist zu einfach. „Es bringt Besucher, also soll das Geschäft alles selbst zahlen“ ebenfalls.
7. Am saubersten wäre ein Modell, bei dem die Kommune den zusätzlichen öffentlichen Anteil einkauft
Ein bestehender Convenience Store verfügt bereits über Grundstück, Gebäude, Wasser- und Abwasseranschlüsse, Toiletten, Beleuchtung, lange Öffnungszeiten und Personal für die Reinigung.
Will eine Kommune eine öffentliche Toilette vollständig neu errichten, muss sie all diese Voraussetzungen selbst schaffen.
Deshalb kann es sinnvoll sein, bereits vorhandene private Einrichtungen in ein öffentliches Toilettennetz einzubinden und die zusätzlichen Belastungen auszugleichen, die durch die öffentliche Nutzung entstehen.
Ein solches Modell könnte zum Beispiel umfassen:
- eine feste Kooperationszahlung an teilnehmende Geschäfte
- die Bereitstellung von Verbrauchsmaterialien wie Toilettenpapier und Seife
- Zuschüsse bei teuren Problemen wie Verstopfungen, Beschädigungen oder außergewöhnlich starker Verschmutzung
- die Aufnahme in eine öffentliche Toilettenkarte
- eine klare Kennzeichnung, dass die Toilette auch ohne Einkauf benutzt werden darf
- leicht verständliche Angaben zu Öffnungszeiten und tatsächlicher Verfügbarkeit
- Unterstützung bei Umbauten, damit auch ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen und Familien mit Kindern die Toilette leichter nutzen können
Das ist keine Beschreibung eines bereits landesweit bestehenden Systems, sondern ein Vorschlag, der die Programme von Machida, Yamato und Yokohama einen Schritt weiterdenkt.
Die Verwaltung kauft dann nicht einfach „eine Toilettenschüssel“, sondern die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen in der Stadt im richtigen Moment eine erreichbare Toilette finden.
Mit diesem Ansatz ließen sich Kooperationszahlungen gezielt in Stadtteilen priorisieren, in denen öffentliche Toiletten fehlen.
8. Fazit: Convenience Stores leisten öffentliche Arbeit – aber Goodwill darf kein unbegrenztes Gratis-Abo sein
Toiletten in Convenience Stores sind längst mehr als eine gewöhnliche Serviceeinrichtung.
Sie werden täglich von sehr vielen Menschen genutzt, erleichtern das Verlassen des Hauses, bleiben auch nachts verfügbar und sind in Katastrophenszenarien Teil der Unterstützung für gestrandete Menschen. Kommunen haben diese öffentliche Funktion bereits unter Bezeichnungen wie „Kooperationsgeschäft für öffentliche Toiletten“ institutionalisiert.[4][5][7]
Die Aussage „Convenience Stores leisten ziemlich beeindruckende öffentliche Arbeit“ ist deshalb erstaunlich zutreffend.
Gerade wenn es sich um eine öffentliche Funktion handelt, wäre es jedoch seltsam, bei
„Praktisch – dann macht die Privatwirtschaft das einfach für immer kostenlos“
stehenzubleiben.
Einen Teil der zusätzlichen Belastung durch Papier, Wasser, Reinigung, Reparaturen und missbräuchliche Nutzung kann die öffentliche Hand tragen. Das Geschäft öffnet seine bereits vorhandene Einrichtung. Die Einwohner gehen vernünftig damit um.
Eine solche Aufgabenteilung ist nachhaltiger.
Auch große Einkaufsgebäude sollten Toiletten nicht bloß als nicht umsatzbringende Fläche betrachten, die Verkaufsfläche kostet.
Menschen erreichen körperliche Grenzen.
Einem Menschen am Limit zu sagen „Halte bis zum vierten Stock durch“ verlängert das SLA des Körpers nicht.
Eine Toilette erzeugt vielleicht keinen direkten Umsatz.
Aber sie ist zugleich eine Einrichtung, die Verluste verhindert, die gerade durch ihr Fehlen entstehen würden.
Für eine Stadt ebenso wie für ein Geschäft kann dieser Wert sehr groß sein.
Quellen (11)
- 小松義典「コンビニエンスストアのトイレの利用実態調査」空気調和・衛生工学会大会 学術講演論文集, 2009 jstage.jst.go.jp
- 株式会社ローソン「『綺麗に使いたくなるトイレ』を目指して アートトイレを8店舗で11月4日から順次展開スタート」2025-11-04 lawson.co.jp
- 大和市「大和市公共のトイレ協力店登録事業」 city.yamato.lg.jp
- 町田市「トイレ利用できます!/町田市公共トイレ協力店制度」更新 2026-05-01 city.machida.tokyo.jp
- 横浜市「公共トイレ協力店について」最終更新 2026-06-05 city.yokohama.lg.jp
- 横浜市「株式会社ローソンと『公共トイレ協力店』の実証実験を開始」2023-04-14 city.yokohama.lg.jp
- 内閣府「自治体との災害時帰宅困難者支援協定(減災への取組)」 bousai.go.jp
- ヨドバシカメラ「ヨドバシカメラ マルチメディア池袋 2026年6月30日(火)池袋駅東口にオープン」2026-06-16 global.yodobashi
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