Eine aufregende Erinnerung, Vorlieben als Erwachsener, Einwilligung und Recht sind verschiedene Fragen
In sozialen Netzwerken taucht gelegentlich eine alte Schlagzeile auf: Eine erwachsene Frau soll in einem Sexualstrafverfahren mit einem Jungen eine Strafe auf Bewährung erhalten haben. Ein Leser sagt: „Wäre ich damals der Junge gewesen, hätte ich mich vielleicht sogar gefreut.“ Ein anderer erwidert: „Das muss ihn lebenslang traumatisiert haben.“
Keiner von beiden weiß, was das Kind tatsächlich empfand. Die eigene hypothetische Reaktion ist keine Aussage über einen anderen Menschen. Auch eine persönliche Erinnerung ist kein juristisches Urteil über das Verhalten einer anderen Person.
Dieser Text verwendet allgemeine Situationen und keine identifizierbaren persönlichen Erlebnisse. Das Originalurteil zu dem alten, online verbreiteten Fall konnte nicht überprüft werden. Wir erfinden daher weder Gefühle des Kindes noch eine konkrete richterliche Begründung.
1. „Ich hätte mich vielleicht gefreut“ sagt zunächst etwas über dich aus
Wer als Kind ältere Menschen bewunderte, kann sich vorstellen, wie aufregend unerwartete Aufmerksamkeit gewesen wäre. Das ist eine mögliche Beschreibung der eigenen Vorstellung. Sie beweist nicht, wie ein Kind in einem realen Fall die Situation erlebte.
Auch die Gegenrichtung ist problematisch: Wenn jemand eine frühe Erfahrung mit unerwarteter Zuneigung als schöne Erinnerung einordnet, darf man nicht behaupten, die Person müsse insgeheim zwingend traumatisiert sein. Die persönliche Deutung zu respektieren heißt nicht, das Verhalten Dritter automatisch zu rechtfertigen.
Bei einem Film darf man sagen: „Ich hätte anders gehandelt.“ Man sollte nur nicht gleich die Gedanken aller Figuren selbst untertiteln.
2. Vier Bestandteile einer hartnäckigen Erinnerung
Eine besonders starke Erinnerung kann mehrere Elemente verbinden:
- Bewunderung: Für ein Kind können bereits etwas ältere Jugendliche unglaublich erwachsen wirken.
- Das Gefühl, ausgewählt zu werden: Aufmerksamkeit zu bekommen fühlt sich anders an, als selbst den ersten Schritt zu machen.
- Überraschung: Unerwartete Ereignisse können starke Gefühle auslösen.
- Initiative des Gegenübers: Manche Menschen mögen es, nicht ständig selbst die Führung übernehmen zu müssen.
Ältere erwachsene Partner attraktiv zu finden und Initiative beim Gegenüber zu mögen, kann zusammenfallen, ist aber nicht dasselbe. Vielleicht geht es im Erwachsenenalter vor allem um Sicherheit, Wärme oder deutlich gezeigtes Interesse und nicht um den Altersabstand.
Das Alter, das einem Kind „sehr erwachsen“ vorkam, gibt nicht das passende Alter heutiger erwachsener Partner vor. Eine alte Schwärmerei ist keine dauerhafte Vorschrift für Beziehungen.
3. Das Lesezeichen im Kopf ist keine Videoaufnahme
Emotional intensive Ereignisse können besonders lebendig in Erinnerung bleiben. Ein wissenschaftlicher Überblick von 2024 betont jedoch, dass selbst klare und überzeugende emotionale Erinnerungen sich mit der Zeit verändern können. Erinnern bedeutet auch Rekonstruieren.
Vielleicht ist das Herzklopfen deutlicher geblieben als die genaue Reihenfolge. Anschaulichkeit garantiert keine vollständige Genauigkeit. Und unsere heutigen Vorstellungen beeinflussen, welche Bedeutung wir dem Vergangenen geben.
Das Gehirn kann ein riesiges Schild „WICHTIGE ERINNERUNG“ anbringen. Eine beglaubigte Bescheinigung, dass dieser Moment hundert Prozent der späteren Vorlieben verursacht hat, stellt es nicht aus.
4. Hat dieses Erlebnis die Vorliebe wirklich geschaffen?
Mindestens drei Erklärungen sind möglich. Das Erlebnis könnte spätere Vorlieben beeinflusst haben. Eine bereits entstehende Neigung könnte das Ereignis besonders einprägsam gemacht haben. Oder erst der erwachsene Mensch verbindet die alte Erinnerung mit einer Vorliebe, die er inzwischen benennen kann.
Ein Ereignis als „Ursprung meiner Vorlieben“ zu betrachten, kann persönlich bedeutsam sein. Das beweist aber keinen wissenschaftlichen Kausalzusammenhang. Eine einzelne Rückerinnerung kann diese Möglichkeiten nicht sicher trennen.
Wären romantische Vorlieben mit Installationsdatum und Versionsverlauf versehen, hätten Forschende es leichter. Leider besitzt das Gehirn keinen solchen Menüpunkt.
5. Sind Jungen automatisch unbetroffen? Macht ein positives Gefühl alles unproblematisch?
Die Folgen sexuellen Missbrauchs in der Kindheit sind individuell sehr unterschiedlich. Eine systematische Übersicht über 37 Studien fand je nach Studie bei 10 bis 53 Prozent der untersuchten Betroffenen ein nach den jeweiligen Messkriterien unauffälliges Funktionsniveau. Das bedeutet nicht, dass Missbrauch für diesen Anteil folgenlos war: Stichproben und Kriterien waren verschieden.
Eine andere Untersuchung von 67 Männern, die an eine klinische Einrichtung überwiesen worden waren, fand spätere Anpassungsprobleme auch bei einigen mit zunächst positiv oder gemischt erinnerten Reaktionen. Eine klinische Stichprobe ist aber nicht repräsentativ für alle Männer. Daraus folgt ebenso wenig, dass jede positive Erinnerung später zwangsläufig Leid verursachen muss.
Ein Junge kann Freude, Angst, Verwirrung oder widersprüchliche Gefühle erleben. Nichts davon hebt automatisch die Verantwortung eines Erwachsenen auf. Die pauschale Einstellung „Jungen haben dabei immer Glück“ existiert in der Psychologie nicht.
6. Was sagt das japanische Recht zu Alter und Einwilligung?
Japan reformierte sein Sexualstrafrecht am 13. Juli 2023. Der altersbezogene Schutz wurde grundsätzlich von unter 13 auf unter 16 Jahre ausgeweitet. Bei 13- bis 15-Jährigen greift diese altersbezogene Regelung, wenn die andere Person mindestens fünf Jahre älter ist. Andere mögliche Straftatbestände, etwa bei Zwang oder Ausnutzung einer Machtstellung, werden dadurch nicht ausgeschlossen.
Ein Fall aus dem Jahr 2019 ist nach dem damals geltenden Recht zu beurteilen. Auch eine vage Erinnerung an die Nähe einer älteren jugendlichen Person reicht nicht aus, um eine konkrete Straftat festzustellen. Tatsächliche Handlungen, Alter und Kontext müssen bekannt sein.
Das japanische Justizministerium erläutert, dass freie Entscheidungen mehr voraussetzen als das bloße Verstehen einer sexuellen Handlung: Man muss auch Folgen innerhalb der Beziehung einschätzen und selbstbestimmt handeln können. Herzklopfen ist nicht dasselbe wie diese Fähigkeit.
7. Warum ist eine Verurteilung auf Bewährung möglich?
Drei Entscheidungen sind zu trennen: Liegt Schuld vor? Wie lang ist die Strafe? Wird sie sofort vollstreckt? Artikel 25 des japanischen Strafgesetzbuchs ermöglicht unter Voraussetzungen hinsichtlich Vorstrafen und Umständen, die Vollstreckung bestimmter Freiheitsstrafen von grundsätzlich höchstens drei Jahren für ein bis fünf Jahre auszusetzen.
Eine dreijährige Strafe mit fünfjähriger Bewährungszeit ist damit rechtlich möglich. Ohne Originalurteil wissen wir jedoch nicht, warum ein Gericht sie in einem bestimmten Fall gewählt hat.
Um Unterschiede in der Strafzumessung zwischen Männern und Frauen zu untersuchen, müsste man Delikte, Taten, Folgen, Vorstrafen, geltendes Recht und Entscheidungszeitpunkte vergleichen. Zwei virale Überschriften reichen nicht.
8. Drei Blickwinkel auf dieselbe Geschichte
Persönliches Erleben: Wie erinnert und deutet die betroffene Person das Ereignis heute? Weder „Trauma“ noch „Geschenk“ von außen aufzwingen.
Psychologie: Wie hängen Emotionen, Erinnerungen und spätere Vorlieben unter Erwachsenen zusammen? Mehrere Erklärungen offenlassen.
Recht und Ethik: Was bedeuten Alter, Machtgefälle, freie Einwilligung und tatsächliches Verhalten? Ein scheinbar erfreuter Gesichtsausdruck beantwortet das nicht allein.
Als Erwachsener zu erkennen, dass man andere Erwachsene attraktiv findet, die Initiative zeigen, ist etwas völlig anderes als die Ausbeutung von Kindern zu rechtfertigen.
Fazit: Eine Erinnerung speichern ist keine Erlaubnis erteilen
Man kann eine Erinnerung schätzen, ohne Grenzüberschreitungen dadurch zu erlauben. Ebenso kann man sexuelle Gewalt ernst nehmen, ohne allen Betroffenen dieselbe innere Geschichte vorzuschreiben.
Lesezeichen im Kopf sind persönlich. Einwilligung in der Wirklichkeit muss gesondert geprüft werden.
Quellen (7)
- Japanisches Justizministerium: Fragen zur Reform des Sexualstrafrechts
- Japanisches Strafgesetzbuch, e-Gov
- Japanisches Kabinettsbüro: sexuelle Gewalt und Einwilligung
- Wardell & Palombo (2024): emotionale autobiografische Erinnerungen
- Domhardt et al. (2014): systematische Übersicht zu 37 Studien
- Kelly et al. (2002): Untersuchung von 67 klinisch überwiesenen Männern
- Nicht überprüft: das Originalurteil und dessen konkrete Strafzumessungsgründe im alten Online-Fall.
