Warum manche Menschen Babys nicht süß finden: Die verschiedenen Arten von „süß"

Babys sind so süß.Kinder sind ein Schatz.Das eigene Kind findet man garantiert süß.Selbst wenn es schreit, ist es…

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Einleitung: Ist es seltsam, Babys nicht süß zu finden?

Man hört oft Sätze wie diese:

Babys sind so süß.
Kinder sind ein Schatz.
Das eigene Kind findet man garantiert süß.
Selbst wenn es schreit, ist es süß.
Allein vom Anschauen will man es beschützen.

Aber nicht alle empfinden das so.

Hunde und Katzen sind süß.
Wasserschweine (Capybaras) sind auch süß.
Flauschige, anschmiegsame Tiere wie Golden Retriever oder Shetland Sheepdogs sind süß.

Auch das Lächeln einer erwachsenen Frau oder eine weiche Ausstrahlung kann man „süß" finden.

Aber bei menschlichen Babys gibt es Leute, die Folgendes empfinden:

Ich finde es nicht süß
Ich habe keine Lust, mich darum zu kümmern
Ich habe kein Bedürfnis, es zu beschützen
Das Geschrei ist laut und nervt
Der Sabber wirkt eklig
Ich weiß nie, wann es losschreit, das macht mir Angst
Ich habe keine Lust, es anzufassen

Dieses Gefühl sollte man nicht vorschnell als „kaltherzig", „menschenfeindlich" oder „zum Elternsein ungeeignet" abstempeln.

Wichtig ist Folgendes:

„Süß" gibt es in mehreren Arten.


Fazit: Wer menschliche Babys nicht süß findet, hat womöglich einen anderen „Süß-Sensor"

Das Fazit dieses Artikels lautet:

Wer menschliche Babys nicht besonders süß findet, versteht nicht etwa nicht, was süß ist.
Es kann aber sein, dass die Art von „süß", auf die man leicht anspricht, nicht die Baby-Art und nicht die Fürsorge-Art ist.

Man kann zum Beispiel diese Arten von süß unterscheiden:

Süß nach Kindchenschema:
große Augen, rundes Gesicht, kleine Nase und kleiner Mund, Winzigkeit, kindliche Züge

Süß aus Fürsorge:
beschützen wollen, versorgen wollen, auch ein weinendes Kind auffangen wollen

Süß durch taktile Wohltat:
Fell, Flauschigkeit, man stellt sich vor, wie gut sich Streicheln anfühlt

Süß durch Harmlosigkeit und Annahme:
sieht nicht angriffslustig aus, wirkt aufnahmebereit, Lächeln, Anhänglichkeit

Süß durch beruhigende Nähe:
man darf sich ohne Sorge nähern, Berührung fühlt sich sicher an, man wird angenommen

Süß durch Wechselseitigkeit:
Lächeln, Stimme, Ausstrahlung, Gesten, Persönlichkeit, romantische Gefühle, Geborgenheit

Auf welche dieser Arten jemand stark reagiert, ist von Mensch zu Mensch verschieden.

Wer menschliche Babys schwer süß findet, reagiert vielleicht weniger auf das Kindchenschema und die Fürsorge-Art, dafür eher auf Harmlosigkeit und Annahme, beruhigende Nähe und taktile Wohltat.


Was die Forschung mit „Kindchenschema" meint

Wenn es in der Psychologie darum geht, warum Babys süß wirken, fällt meist der Begriff Kindchenschema (englisch „baby schema").

Die Idee stammt vom Verhaltensforscher Konrad Lorenz: Typisch kindliche Merkmale lösen bei Erwachsenen leichter das Gefühl „süß" und den Wunsch zu versorgen aus.

Zu den Merkmalen des Kindchenschemas gehören zum Beispiel:

Große Augen
Rundes Gesicht
Hohe Stirn
Kleine Nase
Kleiner Mund
Pausbacken
Kurze, runde Arme und Beine
Insgesamt kindlicher Eindruck

In einer Studie von Glocker und Kollegen wurden Fotos von Babygesichtern so bearbeitet, dass das Kindchenschema stärker oder schwächer ausgeprägt war, und Erwachsene bewerteten sie. Gesichter mit stärkerem Kindchenschema wurden als süßer eingestuft, und die Motivation, sich zu kümmern, stieg eher.

Eine andere Studie berichtet außerdem, dass der Anblick von Babygesichtern mit starkem Kindchenschema den Nucleus accumbens aktiviert, eine Hirnregion, die an der Verarbeitung von Belohnung beteiligt ist.

Die „großen Augen", das „runde Gesicht" und die „Winzigkeit" eines Babys sind im Durchschnitt also ein ziemlich starkes Süß-Signal.


Aber das Kindchenschema wirkt nicht bei allen gleich

Wichtig ist: Das Kindchenschema beschreibt Merkmale, die „im Durchschnitt gut ankommen". Es wirkt nicht bei jedem gleich stark.

Beim Anblick eines Babygesichts empfinden manche:

Süß
Will es beschützen
Will mich kümmern
Will es auf den Arm nehmen
Selbst wenn es weint, hab ich es lieb

Andere dagegen empfinden:

Große Augen, na und?
Wenn es weint, ist es laut
Der Sabber wirkt eklig
Ich habe keine Lust, es anzufassen
Ich habe kein Bedürfnis, mich zu kümmern

Das liegt daran, dass beim Anblick eines Babys bei jedem Menschen andere Schaltkreise anspringen.

Süß hängt nicht nur an Gesichtsmerkmalen. Dabei spielen zusammen:

  • Sehen
  • Geräusche
  • Geruch
  • Tastsinn
  • Kontext
  • frühere Erfahrungen
  • Fürsorgemotivation
  • Gespür für andere Menschen
  • Verantwortungsgefühl
  • Vorhersehbarkeit
  • Geborgenheit

Es ist also kein Wunder, wenn ein Gesicht mit Kindchenschema bei manchen nicht automatisch zu „süß" führt.


„Süß" und „versorgen wollen" sind nicht dasselbe

Auch das ist wichtig.

In vielen Studien wird die Süßheit von Babys mit der Fürsorgemotivation verknüpft.

Gemeint ist also dieser Ablauf:

Man sieht ein Baby
↓
Man findet es süß
↓
Man will es beschützen
↓
Man will es versorgen

Aber nicht jedes „süß" führt zum Wunsch, sich zu kümmern.

Wenn man zum Beispiel einen Hund, eine Katze oder ein Wasserschwein sieht und denkt:

Süß
Ich würde es gern streicheln
Ich könnte es ewig ansehen
Es beruhigt mich

heißt das nicht unbedingt, dass man auch Folgendes will:

Ich will mich jeden Tag darum kümmern
Ich will die ganze Verantwortung tragen
Ich will Tierarzt, Gassi und alles Ausscheidungsbedingte übernehmen

Und wenn man das Lächeln einer erwachsenen Frau süß findet, bedeutet das nicht, dass man sie bemuttern will.

Deshalb gilt:

süß = versorgen wollen

stimmt nicht.

Wirft man beides durcheinander, blickt man bei den eigenen Gefühlen nicht mehr durch.


„Baby-süß" und „beruhigend-nahbar-süß" sind verschieden

Diese Unterscheidung ist ziemlich zentral.

Baby-süß

Klein
Rund
Will es beschützen
Will es auch beim Weinen auffangen
Will mich kümmern
Will zusehen, wie es wächst

Diese Art von süß liegt nah an der Fürsorgemotivation.

Beruhigend-nahbar-süß

Wirkt harmlos
Wirkt nicht angriffslustig
Wirkt aufnahmebereit
Lächeln
Anhänglich
Wirkt froh
Langsame Bewegungen
Berührung scheint unbedenklich
Man darf sich ohne Sorge nähern

Diese Art von süß liegt weniger an Fürsorge, sondern an Geborgenheit, Annäherung, Annahme und Berührung.

Auch wer menschliche Babys schwer süß findet, kann auf beruhigend-nahbares Süß stark ansprechen.

Zum Beispiel auf:

  • einen Hund, der anhänglich angelaufen kommt
  • eine flauschige Katze
  • ein gemütliches Wasserschwein
  • einen sichtlich glücklichen Golden Retriever
  • einen Shetland Sheepdog mit langsamen Bewegungen
  • eine lächelnde erwachsene Frau
  • einen Menschen mit weicher Ausstrahlung
  • jemanden, der nicht angriffslustig wirkt
  • jemanden, der aufnahmebereit wirkt

Das ist ein anderes Süß als das Baby-Süß.


Warum Tiere süß sind: Fell, Streichelgefühl, Harmlosigkeit

Wenn man Hunde, Katzen oder Wasserschweine süß findet, sieht man nicht unbedingt „große Augen" oder ein „rundes Gesicht".

Oft zählen eher Dinge wie:

Schönes Fell
Streicheln fühlt sich bestimmt gut an
Flauschig
Sieht warm aus
Schaut gedankenverloren in die Luft, ganz ohne Hintergedanken
Anhänglich
Wirkt froh
Wirkt nicht angriffslustig
Man darf sich ohne Sorge nähern

Das ist ein Süß, das dem Tastsinn sehr nahekommt.

Man betrachtet weniger eine „niedliche Form", sondern sagt vorher:

Wenn ich es anfasse, beruhigt mich das bestimmt.
Streicheln fühlt sich sicher gut an.
Es ist harmlos, wenn es neben mir ist.
Es scheint mich anzunehmen.

Süß bei Tieren kann also auf taktiler Wohltat, Harmlosigkeit und Anhänglichkeit beruhen.

Bei diesem Typ Mensch zünden menschliche Babys manchmal nicht richtig.

Denn Babys haben kein Fell, und Sabber, Geschrei, Forderungen und Zerbrechlichkeit stehen eher im Vordergrund.


Warum menschliche Babys nicht ankommen: Sabber, Geschrei, Unberechenbarkeit

Wer menschliche Babys schwer süß findet, sieht in einem Baby manchmal Folgendes:

Es sabbert
Die Nase läuft
Es riecht nach Milch
Das Geschrei ist laut
Man weiß nie, wann es losbrüllt
Man weiß nicht, was es will
Man weiß nicht, wie man es beruhigt
Es wirkt zerbrechlich
Es auf den Arm zu nehmen macht Angst
Ich will mich nicht darum kümmern

Hier springen Wachsamkeit und Belastung früher an als das Süß-Gefühl.

Das Weinen eines Säuglings ist ein wichtiges Signal, das die Bezugsperson zum Handeln bringt.
Gleichzeitig gilt es für manche Erwachsene auch als unangenehmer Reiz, den sie vermeiden wollen.

Das Weinen kann also Folgendes bedeuten:

Für jemanden, der sich kümmern will:
Ich muss helfen, der arme Kleine, ich will mich kümmern

Für jemanden, dem das schwerfällt:
Laut, unlesbar, beängstigend, ich will weg

Derselbe Reiz löst bei verschiedenen Menschen unterschiedliche Reaktionen aus.


Wütendes Geschrei ist eher ein Alarm als süß

Wenn ein Baby lächelt und vergnügt quietscht, denken manche:

Das ist vielleicht ein bisschen süß.

Denn in diesem Moment wirkt das Baby

  • froh
  • harmlos
  • positiv
  • nicht angriffslustig uns gegenüber
  • gut vorhersehbar

Sobald es aber losbrüllt, kippt alles.

Der Lärm ist laut
Man weiß nicht, was es will
Man weiß nicht, wie man es stoppt
Man kann nicht vorhersagen, wann es losgeht
Man denkt an die Leute ringsum
Die Nerven werden strapaziert

In diesem Zustand springt zuerst die Wachsamkeit an, nicht das Süß-Gefühl.

Bei Hunden ist es genauso.

Ein flauschiger, anhänglicher Hund ist süß.
Aber ein Hund, der sich heiser bellt, ist einfach „laut".

Es geht also gar nicht um Baby oder Hund, sondern darum:

Wirkt es harmlos, oder wird es zum Alarm?


Ob man es anfassen möchte, zählt auch

Beim Süßsein geht es nicht nur ums Aussehen, sondern auch um eine Vorhersage des Tastsinns.

Wenn man zum Beispiel denkt:

Diesen Hund zu streicheln fühlt sich bestimmt gut an
Diese Katze ist sicher kuschelweich
Dieses Wasserschwein ist so gemütlich, da könnte man es berühren

wird das Süß-Gefühl stärker.

Wenn man dagegen bei einem menschlichen Baby denkt:

Da ist bestimmt Sabber
Die Hände sind bestimmt klebrig
Die Nase läuft bestimmt
Es riecht bestimmt nach Milch
Beim Anfassen mache ich mich schmutzig
Es geht kaputt
Es fängt gleich an zu weinen

kommt der Wunsch zu berühren kaum auf.

Rein hygienisch betrachtet sind auch Hunde und Katzen nicht unbedingt sauber.

Aber im Kopf sind sie anders einsortiert.

Hunde und Katzen:
man berührt das Fell

Babys:
man berührt Sabber, Körperflüssigkeiten, Schleim, Forderungen

So empfinden manche Menschen es.

Dann ist es völlig natürlich, Hunde und Katzen süßer zu finden und ein Baby nicht anfassen zu wollen.


Wenn man erwachsene Frauen süß findet: Lächeln, Annahme, Harmlosigkeit

Menschliche Babys findet man nicht süß, aber erwachsene Frauen schon.

Das ist kein Widerspruch.

Denn das Süß bei erwachsenen Frauen ist nicht vom Baby-Typ.

Das „Süß" bei erwachsenen Frauen entsteht zum Beispiel durch:

Lächeln
Weiche Ausstrahlung
Wirkt nicht angriffslustig
Wirkt aufnahmebereit
Stimme
Gesten
Langsame Bewegungen
Geborgenheit
Wechselseitigkeit

Manche finden eine schöne Frau mit ausdruckslosem Gesicht zwar „schön", aber nicht „süß".

Andere empfinden bei einer schönen Frau mit mürrischer Miene:

Irgendwie gar nicht süß
Eher wirkt sie schlecht gelaunt, und das stört mich

Das liegt daran, dass nicht die Gesichtsmerkmale zählen, sondern das Gefühl, angenommen zu werden, Harmlosigkeit und das Lächeln.

Auch in der Psychologie hat das Lächeln als soziales Signal großes Gewicht.
Vor allem ein verbindendes Lächeln wirkt wie ein Signal: keine Feindseligkeit, man darf näher kommen, man kann eine Beziehung aufbauen.

Das Süß einer erwachsenen Frau wird also manchmal erlebt als

nicht ein Gesichtsmerkmal, sondern ein Signal beruhigender Nähe.


Warum Disney- und Pixar-Figuren unheimlich wirken können

In Disney- und Pixar-Figuren stecken viele Elemente des Kindchenschemas: große Augen, runde Gesichter, kindliche Züge, übertriebene Mimik.

Im Durchschnitt steigern solche Elemente Niedlichkeit und Sympathie.

Aber nicht bei allen kommen sie an.

Manche empfinden besonders Folgendes:

Zu große Augen
Menschenähnlich, aber unnatürlich
Übertriebene Mimik
Die Oberfläche wirkt eklig
Man möchte sie nicht anfassen
Wirkt sehr künstlich
Mehr Unbehagen als Harmlosigkeit

Das könnte der Reaktion des „Uncanny Valley" (unheimliches Tal) nahekommen.

Das heißt: Selbst mit

großen Augen
rundem Gesicht
kindlicher Gestaltung

kann es, wenn die Figur nicht unter beruhigend-nahbares Süß fällt, im Gegenteil unheimlich wirken.

In diesem Fall gilt:

Kindchenschema aufdrehen = süß

nicht.

Zumindest für diese Person zählen

Harmlosigkeit, taktile Geborgenheit, ein natürliches Lächeln und das Gefühl der Annahme

mehr.


Dass Disney bei Mädchen beliebt ist, lässt sich auch mit den Arten von süß erklären

Es gibt mehrere Gründe, warum Disney und Pixar bei Mädchen oft gut ankommen.

Niedliche Gestaltung wie große Augen und runde Gesichter
Leicht lesbare Mimik
Prinzessinnen, Kleider, Gesang, Verwandlung
Geschichten, in die man sich leicht hineinversetzt
Eine Welt, die zum Rollenspiel einlädt
Beruhigende Happy Ends
Merchandising

Das Süß bei Disney besteht also nicht nur aus Kindchenschema.

Weltbild, Geschichte, Lieder, Kleidung, Identifikation, Fan-Gemeinschaft und Rollenspiel gehören zusammen.

Darum trifft es diejenigen, die es trifft, umso stärker.

Wer dagegen auf kindchenschemahafte Gestaltung und übertriebene Ausdrücke nicht anspricht, findet das manchmal eher unheimlich.


Oxytocin-nahes Süß: Kopf auf dem Schoß, Kraulen, anhängliche Tiere

Es gibt auch ein dopamin-artiges Süß: das „vielleicht gewinne ich gleich" und das Aufregende.

Zum Beispiel setzen Greifautomaten in japanischen Spielhallen (UFO-Catcher) oder Pachinko (ein japanisches Glücksspiel, ähnlich einem Flipper-Automaten) das Belohnungssystem durch unsichere Belohnung, Beinahe-Treffer und die Erwartung „gleich klappt es" in Gang.

Aber das Süß von Hunden, Katzen, Wasserschweinen, vom Kopf-auf-dem-Schoß-Liegen mit Kraulen und von Streicheleinheiten ist anders.

Es geht eher in diese Richtung:

Man fühlt sich geborgen
Man darf sich ohne Sorge nähern
Auch Berührung wird angenommen
Es ist uns zugetan
Es wirkt froh
Man wird gestreichelt
Der Körper beruhigt sich

Das ist ein Süß, das Oxytocin, Bindung, sozialem Kontakt und Geborgenheit nahekommt.

Anders gesagt:

keine Glücksspiel-Belohnung, sondern eine Belohnung durch beruhigenden Kontakt.

Für diesen Typ Mensch wirken ein anhängliches Tier oder ein Gegenüber, das einen annimmt, stärker als das Kindchenschema eines Babys.


„Für immer süß" heißt, dass kleine Sicherheitssignale immer wieder erneuert werden

Wenn man denkt „ach, ist das süß, immer wieder", brennt vielleicht nicht derselbe Reiz ewig weiter, sondern es werden kleine Sicherheitssignale immer wieder aktualisiert.

Beim Hund:

Er sieht uns an
Er wedelt mit dem Schwanz
Er kommt näher
Er wirkt froh
Beim Streicheln weicht er nicht aus
Er sieht uns wieder an

Bei jedem dieser Signale startet das Süß neu.

Bei einer erwachsenen Frau:

Lächeln
Sanfte Stimme
Nicht angriffslustig
Langsame Bewegungen
Gefühl, angenommen zu werden
Man darf sich beruhigt nähern

Mit jeder Erneuerung startet das Süß neu.

Das hat weniger mit „Gesichtsteilen" zu tun als mit Beziehung und fortlaufender Reaktion.

Deshalb finden wir einen lächelnden, sanften Menschen süßer als eine schöne Person ohne Mimik.

Süß ist kein Standbild, sondern auch eine fortlaufende Erneuerung von Sicherheitssignalen.


„Babys nicht süß finden" ist eine wichtige Information für die Entscheidung für oder gegen Kinder

Wenn man das alles betrachtet, ist es keine reine Geschmacksfrage, menschliche Babys nicht süß zu finden.

Es hat durchaus mit der Entscheidung zu tun, ob man Kinder bekommt.

Denn Babys und Kleinkinder bringen mit sich:

  • sie weinen
  • sie fordern
  • sie sabbern
  • sie sind unberechenbar
  • man kann sich nicht mit ihnen unterhalten
  • sie brauchen Versorgung
  • sie verändern den Tagesrhythmus enorm
  • sie schränken die Freiheit ein
  • es entsteht Verantwortung als Elternteil

Wenn bei Ihnen Folgendes kaum anspringt:

Süß
Will beschützen
Will mich kümmern
Will auch ein weinendes Kind auffangen

dann ist es riskant, auf

mein eigenes Kind finde ich bestimmt süß

zu setzen.

Natürlich gibt es Menschen, bei denen sich das Gefühl ändert, wenn sie wirklich Eltern geworden sind.

Aber sich darauf zu verlassen und einfach loszugehen, ist riskant.

Wenn Sie wissen, dass in Ihrer jetzigen Reaktion

die Fürsorgebelohnung bei Babys gering ist
Geschrei, Forderungen, Sabber und Unberechenbarkeit stark belasten
bei Tieren und lächelnden Erwachsenen Süß-Gefühle kommen, beim Baby-Typ aber kaum

dann ist das eine wichtige Information über sich selbst.


Übersichtsbogen zum eigenen Süß-Sensor

Um den eigenen Süß-Sensor zu ordnen, hilft diese Aufteilung:

1. Finden Sie etwas wegen der äußeren Merkmale süß?
Große Augen, rundes Gesicht, Winzigkeit, kindliche Züge

2. Finden Sie etwas wegen des Tastsinns süß?
Fell, Flauschigkeit, Streichelgefühl, Wärme

3. Finden Sie etwas wegen der Harmlosigkeit süß?
Greift nicht an, wirkt aufnahmebereit, anhänglich

4. Finden Sie etwas wegen des Ausdrucks süß?
Lächeln, froh wirken, weiche Ausstrahlung

5. Wollen Sie sich kümmern?
Auch Weinendes auffangen, beschützen, großziehen

6. Halten Sie Unberechenbarkeit aus?
Geschrei, Forderungen, plötzliche schlechte Laune, unklar, wie man es beruhigt

7. Wollen Sie Kontakt?
Auf den Arm nehmen, streicheln, anfassen, sich nähern

8. Wollen Sie auch die Verantwortung übernehmen?
Zeit, Geld, Freiheit, Elternrolle, langfristige Verantwortung

Daran sehen Sie, auf welche Art von süß Sie ansprechen.


Zusammenfassung: Süß ist nicht nur eine einzige Sache

Wer „Babys nicht süß findet", ist kein Mensch, der nicht versteht, was süß ist.

Es kann einfach sein, dass die Arten von süß verschieden sind.

Zu süß gehören:

Kindchenschema-Typ
Fürsorge-Typ
Typ taktile Wohltat
Typ Harmlosigkeit und Annahme
Typ beruhigende Nähe
Typ Wechselseitigkeit

Menschliche Babys wirken auf Leute süß, die stark auf den Kindchenschema-Typ und den Fürsorge-Typ reagieren.

Aber wer leichter auf den Typ Harmlosigkeit und Annahme, den Typ beruhigende Nähe oder den Typ taktile Wohltat anspricht, den trifft ein Baby nicht unbedingt.

Stattdessen kommen manchmal zuerst:

Wütendes Geschrei
Sabber
Forderungen
Unberechenbarkeit
Unklar, wie man es beruhigt
Kein Bedürfnis, sich zu kümmern

Andererseits spricht man stark auf Hunde, Katzen, Wasserschweine, Golden Retriever, Shetland Sheepdogs, lächelnde erwachsene Frauen und Kopf-auf-dem-Schoß-mit-Kraulen an.

Das ist kein Widerspruch.

Der Süß-Sensor dieser Person ist einfach eher auf

„süß, weil harmlos, weil es einen annehmen zu wollen scheint und weil man es ohne Sorge berühren kann"

ausgerichtet als auf

„klein, also will ich es beschützen".

Wenn man überlegt, ob man Kinder haben möchte, sollte man deshalb nicht die Pauschalaussage

Babys sind doch süß

heranziehen, sondern fragen:

Auf welche Art von süß spreche ich an?
Wie erlebe ich Geschrei, Sabber, Forderungen und Unberechenbarkeit eines Babys?
Habe ich wirklich den Wunsch, mich zu kümmern?

Süß ist nicht nur eine einzige Sache.

Und den eigenen Süß-Sensor zu kennen, ist für Liebe, Kindererziehung, Tiere und Lebensplanung ziemlich wichtig.


Wer erzeugt die Süß-Reaktion: das Gehirn, die Nerven oder der Körper?

Nach all dem fragt man sich als Nächstes:

Ist es das Gehirn, das süß empfindet?
Oder die Nerven?
Oder der Körper?

Vorweg: Es ist nicht nur eines davon.

Die Süß-Reaktion entsteht im Zusammenspiel von Gehirn, Nerven und Körper.

Allerdings haben sie etwas verschiedene Rollen.

Sinneseingang:
Augen, Ohren, Haut und Nase nehmen Informationen auf

Urteil des Gehirns:
Es beurteilt, ob etwas süß, harmlos, beängstigend oder schmutzig wirkt

Reaktion der Nerven:
Sie entscheiden, ob man sich nähern darf, wachsam sein soll, fliehen will oder sich sicher fühlt

Reaktion des Körpers:
Berühren wollen, streicheln wollen, sich nähern wollen, weg wollen, das Gesicht verkrampft sich, die Ohren leiden

Süß ist also nicht bloß ein Eindruck im Kopf.

Es geht darum, ob der Körper urteilt, dass man sich nähern kann.
Ob die Nerven sich sicher fühlen.
Ob man vorhersagt, dass sich die Berührung gut anfühlt.
Die Reaktion umfasst das alles.


Beim Kindchenschema-Typ springt vor allem das Belohnungssystem des Gehirns an

Das in der Forschung oft untersuchte Süß vom Kindchenschema-Typ hat viel mit dem Belohnungssystem des Gehirns zu tun.

Bei den Merkmalen eines Babygesichts, etwa großen Augen, rundem Gesicht, hoher Stirn, kleiner Nase und kleinem Mund, treten im Durchschnitt leichter die Reaktionen „süß" und „versorgen wollen" auf.

Studien zeigen auch, dass der Anblick von Babygesichtern mit starkem Kindchenschema den Nucleus accumbens aktiviert, eine Region, die an der Verarbeitung von Belohnung beteiligt ist.

Das läuft ungefähr so ab:

Man sieht ein babyhaftes Gesicht
↓
Das Gehirn verarbeitet es als Belohnung
↓
Süß
↓
Will versorgen

Das ist aber eine durchschnittliche Tendenz.

Nicht alle reagieren gleich.


Beim Typ beruhigende Nähe zählt vor allem das „Du darfst näher kommen" der Nerven

Das Süß vom Typ Harmlosigkeit und Annahme und vom Typ beruhigende Nähe lässt sich nicht allein mit der Belohnung im Gehirn erklären.

Hier zählt vor allem das Sicherheitsurteil der Nerven.

Zum Beispiel, wenn man einen Hund, eine Katze, ein Wasserschwein, einen Golden Retriever oder einen Shetland Sheepdog sieht.

Schönes Fell
Streicheln fühlt sich bestimmt gut an
Wirkt anhänglich
Wirkt nicht angriffslustig
Schaut verträumt, wirkt harmlos
Man darf sich ohne Sorge nähern

So fühlt es sich an.

Dabei sagt das Gehirn vielleicht „süß".
Aber eigentlich läuft davor schon ein Urteil ab:

Das scheint sicher zu sein.
Ich kann mich wohl nähern.
Es wird meine Berührung wohl nicht abweisen.
Meine Nerven werden sich beruhigen.

Das ist keine bloße Reaktion auf äußere Merkmale.

Es ist das Urteil, ob man sich sicher nähern kann.


Auch die Tastvorhersagen des Körpers zählen sehr

Beim Süß vom Typ taktile Wohltat spielt die Vorhersage des Körpers eine große Rolle.

Zum Beispiel Empfindungen wie:

Wirkt flauschig
Streicheln fühlt sich bestimmt gut an
Wirkt warm
Fühlt sich bestimmt gut an der Hand an
Fest umarmt würde es mich beruhigen

Hier ist Süß nicht allein eine Sache des Sehens.

Im Moment des Anblicks sagt der Körper schon voraus:

Anfassen fühlt sich bestimmt gut an.

Deshalb stellt sich bei Hunden, Katzen und Wasserschweinen das Süß-Gefühl leicht ein.

Sagt man dagegen bei einem menschlichen Baby voraus:

Da ist bestimmt Sabber
Die Hände sind bestimmt klebrig
Die Nase läuft bestimmt
Es riecht bestimmt nach Milch
Beim Anfassen mache ich mich schmutzig
Es geht kaputt
Es fängt gleich an zu weinen

dann will man es nicht anfassen, sondern meiden.

Das ist nicht nur Geschmack des Gehirns, sondern die Berührungsvorhersage des Körpers.


Für die Nerven kann Babygeschrei ein „Alarm" sein

Das Weinen eines Babys ist ursprünglich ein wichtiges Signal, das die Bezugsperson zum Handeln bringt.

Es weint.
Es braucht Hilfe.
Man muss sich kümmern.

Bei manchen Menschen löst dieses Signal die Fürsorgemotivation stark aus.

Für andere aber ist Weinen ein sehr starker Stressreiz.

Der Lärm ist laut
Es ist nicht vorhersehbar
Man weiß nicht, wie man es stoppt
Man kann nicht lesen, was es will
Man muss auch auf die Leute ringsum achten
Die Nerven werden aufgerieben

Dann ist das Weinen kein „Süß-Signal" mehr, sondern ein „Alarm".

Deshalb findet man ein Baby, das lächelnd quietscht, vielleicht ein bisschen süß, aber beim Losbrüllen wird es schlagartig „laut", „beängstigend", „lästig".

Das ist ziemlich natürlich.

Denn selbst beim selben Baby ändert sich das Urteil der Nerven:

Lächeln:
wirkt harmlos, froh, positiv, beruhigend

Wütendes Geschrei:
laut, unlesbar, Forderung, Alarm, Belastung

Kopf auf dem Schoß, Kraulen und anhängliche Tiere: beruhigender Kontakt nahe am Oxytocin

Mit dem Kopf auf dem Schoß gekrault werden, über den Kopf gestreichelt werden, ein anhängliches Tier streicheln.

Solche Reaktionen unterscheiden sich etwas von der glücksspielartigen Dopamin-Belohnung.

Es ist nicht die Belohnung wie bei Pachinko oder am Greifautomaten:

Gleich gewinne ich vielleicht
Gleich schnappe ich es mir vielleicht
Fast hätte es geklappt

Es geht vielmehr in diese Richtung:

Man darf sich nähern
Man wird angenommen
Berührung fühlt sich sicher an
Der Körper beruhigt sich
Die Nerven entspannen sich

Das ist ein Süß, das Oxytocin, Bindung, sozialem Kontakt und Geborgenheit nahekommt.

Anders gesagt:

keine Glücksspiel-Belohnung, sondern eine Belohnung durch beruhigenden Kontakt.

Wer leicht auf Hunde, Katzen, Wasserschweine, lächelnde Menschen und Kopf-auf-dem-Schoß-mit-Kraulen anspricht, hat womöglich eine starke Belohnung durch beruhigenden Kontakt.


Bei manchen löst ein menschliches Baby eher wachsame als beruhigende Annäherung aus

Es gibt Menschen, bei denen das Süß vom Kindchenschema- und Fürsorge-Typ bei einem menschlichen Baby stark anspringt.

Für andere kann ein Baby aber so aussehen:

Kein süßes Objekt,
sondern

etwas, das vielleicht weint
etwas, das Forderungen stellt
etwas, das beim Anfassen vielleicht schmutzig macht
etwas Zerbrechliches
etwas, um das man sich kümmern muss
etwas Unvorhersehbares

Dann löst das Baby keine beruhigende, sondern eine wachsame Annäherung aus.

Statt „ich will näher ran" kommt zuerst:

Wenn ich näher komme, passiert bestimmt etwas.
Es fängt vielleicht an zu weinen.
Ich mache mich vielleicht schmutzig.
Es entsteht wohl Verantwortung.
Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll.

Deshalb stellen sich bei einem Baby „süß" und „versorgen wollen" schwer ein.
Möglicherweise ist nicht nur die Kindchenschema-Belohnung im Gehirn schwach, sondern das wachsame Urteil der Nerven und die Berührungsvermeidung des Körpers überwiegen.


Süß ist keine „Bewertung im Kopf", sondern auch „Kann ich mich nähern?"

Aus alledem folgt, dass Süß keine bloße Bewertung des Aussehens ist.

Süß ist

nicht nur: das Aussehen gefällt,
sondern auch:

man darf sich wohl ohne Sorge nähern
Berührung fühlt sich wohl sicher an
man wird wohl nicht abgewiesen
man wird wohl nicht angegriffen
die eigenen Nerven beruhigen sich wohl

ein Urteil dieser Art.

Deshalb finden wir eine schöne Frau mit ausdruckslosem Gesicht manchmal nicht süß.

Auch wenn die Gesichtszüge harmonisch sind, fällt es schwer, sie unter süß einzuordnen, wenn

das Gefühl der Annahme fehlt
das Lächeln fehlt
sie feindselig oder schlecht gelaunt wirkt
sie nicht so aussieht, als könne man sich ohne Sorge nähern

Ein lächelnder Mensch mit weicher Ausstrahlung wirkt dagegen manchmal süßer, als es seine Gesichtszüge hergeben.

Denn er sendet Signale von Harmlosigkeit, Annahme und beruhigender Nähe aus.


Zusammenfassung: Die Süß-Reaktion ist Teamarbeit von Gehirn, Nerven und Körper

Süß entsteht nicht allein im Gehirn.

Natürlich ist das Belohnungssystem des Gehirns beteiligt.
Beim Süß vom Kindchenschema-Typ ist die Arbeit des Nucleus accumbens und anderer Belohnungsregionen wichtig.

Beim Süß vom Typ beruhigende Nähe, Harmlosigkeit und Annahme oder taktile Wohltat zählt aber vor allem:

Fühlen sich die Nerven sicher?
Will der Körper berühren?
Belasten Geräusche, Gerüche oder Berührung nicht?
Fühlt man sich bei der Annäherung sicher?

Deshalb versteht man die Süß-Reaktion leichter so:

Gehirn:
Es beurteilt, was das ist, ob es süß ist, ob es eine Belohnung ist

Nerven:
Sie beurteilen, ob man sich nähern darf, ob man wachsam sein soll, ob man sich sicher fühlt

Körper:
Er reagiert: berühren wollen, streicheln wollen, meiden wollen, Lärm als belastend empfinden

Das heißt:

Süß ist das „Du darfst näher kommen"-Urteil, das Gehirn, Nerven und Körper gemeinsam fällen.

Wer auf menschliche Babys schwer anspricht, hat vielleicht nicht nur eine schwache Baby-Belohnung, sondern seine Nerven und sein Körper urteilen angesichts von Weinen, Sabber, Forderungen und Unberechenbarkeit: „Ich will nicht näher ran."

Bei Hunden, Katzen, Wasserschweinen, lächelnden Menschen und Kopf-auf-dem-Schoß-mit-Kraulen dagegen geht das Urteil durch:

wirkt sicher
scheint mich anzunehmen
man kann es ohne Sorge berühren
meine Nerven beruhigen sich wohl

Deshalb ist es süß.

Diesen Unterschied zu kennen, ist ziemlich wichtig für die Entscheidung für oder gegen Kinder, dafür, wofür man sich in der Liebe schwach fühlt, und dafür, warum Tiere uns Ruhe schenken.

Referenzen und Quellen


Vorschläge für interne Links

  • Was ist beruhigend-nahbares Süß? Der Süß-Sensor, der auf Harmlosigkeit, Anhänglichkeit und taktile Wohltat anspricht
  • Was ist das Kindchenschema? Die Psychologie, warum Babygesichter süß wirken
  • Ist es kaltherzig, keine Kinder zu wollen? Fürsorgebelohnung und Lebensplanung trennen
  • Kopf auf dem Schoß, Kraulen und Oxytocin: das Bedürfnis nach beruhigender Wärme
  • Warum wir bei harmlos wirkenden Menschen schwach werden: Vertrauensanzeige und Grenzen in der Liebe
  • Warum flauschige Tiere wie Hunde, Katzen und Wasserschweine so süß wirken: Flausch, Anhänglichkeit, beruhigender Kontakt

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