Fremdsprachige Gebäudenamen: Wie weit kann der Scherz gehen?

Wer durch japanische Städte läuft, stellt fest: Namen von Wohnhäusern und Cafés sind plötzlich nach Frankreich ausgewandert.

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Wie albern darf ein fremdsprachiger Name sein? Von „Espoir II“ bis zum „Shirikabe-Haus“ – der Zauber japanischer Gebäudenamen im Check

Vorab das Fazit: Wenn man die Bedeutung nicht sieht, kommt zuerst die Stimmung

Wer durch japanische Städte läuft, stellt fest: Namen von Wohnhäusern und Cafés sind plötzlich nach Frankreich ausgewandert.

Maison. Lumière. Espoir. Château. Casa. Heim.

Auf Japanisch hieße das „Haus“, „Licht“, „Hoffnung“, „Schloss“, „Haus“, „Haus“. Aber sobald es in Katakana (der japanischen Silbenschrift für Fremdwörter) dasteht, tut es so, als wäre die Miete gleich um 8.000 Yen höher.

Daraus ergibt sich diese Frage:

Wenn niemand die Bedeutung fremder Sprachen lesen kann – wie weit kann man dann gehen, ohne dass es auffällt?

Kurz gesagt: ziemlich weit. Vor einer unbekannten Sprache verarbeiten wir nicht Wort für Wort die Bedeutung. Erst kommen Klang, Schriftbild und kulturelle Bilder wie „klingt französisch“ oder „wirkt japanisch“ an. Darum ist „Hoffnung“ gewöhnlich, aber ESPOIR II klingt schon nach der Fortsetzung eines Kinofilms.

Wer die Bedeutung kennt, sieht allerdings alles.

Résidence Caca Merde II.

Für Französischsprachige ist das kein Luxus, sondern eher: „Was habt ihr da bitte gebaut?“

In diesem Artikel nehmen wir alles auseinander: gängige Fremdsprachen in Gebäudenamen, Le/La, das „II“, wie man Zotiges in einer Fremdsprache versteckt, den umgekehrten Effekt, dass Japanisch im Ausland cool wirkt, und zum Schluss einen rätselhaften Baustil, das „Shirikabe-Haus“.

1. Warum zieht es japanische Apartmenthäuser plötzlich nach Frankreich?

Laut einer Erklärung von SUUMO (einem großen japanischen Immobilienportal) gibt es für den Namen „Heights“ („Haitsu“) keinen festen Maßstab, nach dem ein Gebäude so heißen müsste; Gebäudenamen vergibt der Eigentümer nach eigenem Ermessen. Außerdem verwendet man bei Mehrfamilienhäusern oft Wörter für „Haus“ oder „Wohnung“ aus allen möglichen Ländern.

Häufiger Name Ursprungssprache Ungefähre Bedeutung
Heights Englisch Anhöhe
Corpo („Kōpo“) japanisches Pseudo-Englisch stammt von „cooperative house“
Maison Französisch Haus, Gebäude
Villa verschiedene europäische Sprachen Landhaus, Anwesen
Heim Deutsch Haus, Zuhause
Château Französisch Schloss, großes Herrenhaus
Casa Italienisch u. a. Haus, Wohnung

Der Name ist also kein Datenblatt des Gebäudes.

Nur weil „Château“ dransteht, gibt es noch lange keine Burgmauern.

Ein 30 Jahre altes, zweistöckiges Holzhaus mit einem 6-Tatami-Zimmer kann trotzdem Château heißen, wenn es nur um den Namen geht. Der Mensch ist frei.

Was auf Japanisch „Haus der Hoffnung“, „Haus des Lichts“ oder „Haus des Glücks“ geheißen hätte, wird auf Französisch zu Espoir, Lumière, Bonheur. Am Inhalt ändert sich nichts, aber das Schild wird nach Paris versetzt.

2. Was sind „Le“ und „La“? Echte Artikel von bloßen Lauten unterscheiden

Die französischen Wörter le / la / les sind bestimmte Artikel, ungefähr wie das englische the.

  • le: steht vor männlichen Substantiven im Singular
  • la: steht vor weiblichen Substantiven im Singular
  • l’: die Form vor Vokal und ähnlichen Anlauten
  • les: Plural

So weit stimmt alles.

Aber nur weil in einem Katakana-Wort die Laute „ru“ oder „ra“ vorkommen, darf man nicht überall Artikel vermuten.

Nehmen wir Lelouch Lamperouge (die Hauptfigur des Animes Code Geass). Wenn man anfängt, das so zu zerlegen:

Le = männlich, Le = männlich, ouch, La = weiblich, mpe, ...

dann ist das kein Französisch, sondern ein kaputter Scanner für das Geschlecht von Personennamen.

Le/La ist ein grammatisches Element, das eigenständig vor einem Substantiv steht. Wenn die Laute „le“ oder „la“ zufällig mitten in einem Wort oder Eigennamen auftauchen, kann man sie nicht herausschneiden und zu Geschlechtsmarkern erklären.

Übrigens ist Lelouch als echter französischer Familienname bekannt; es gibt den Regisseur Claude Lelouch. Hier klingt es nicht bloß „französisch“, hier landet man ganz normal in Frankreich.

Dagegen ist es riskant, wie früher aus dem Bauch heraus zu behaupten, „Lamperouge bedeute rote Lampe“. Bei erfundenen Namen sollte man die Herkunft ohne offizielle Quelle nicht allein nach dem Aussehen zerlegen und dann als Tatsache behaupten.

3. Aus welcher Sprache kommt „Aura“? Vom Lufthauch bis zum Dämon

Aura ist ein Wort, das auch im Englischen vorkommt. Es geht auf das Lateinische und Griechische zurück und hat mit „Wind“ und „Lufthauch“ zu tun. Im heutigen Englisch bezeichnet es auch die besondere Atmosphäre, die eine Person oder ein Ort umgibt, also die „Aura“ im Alltagssinn.

Als Gebäudename ist das deshalb ziemlich gut.

AURA

Kurz. Leicht auszusprechen. Schön in Bedeutung und Stimmung.

Das Problem: Bei einem Teil des japanischen Anime-Publikums taucht zuerst eine andere Bedeutung auf (die Dämonin Aura aus der Serie Frieren, die zum Internet-Meme wurde).

Vermieter: „Das ist ein vornehmer Name für Wind und Atmosphäre.“

Mieter: „Aura, bring dich um.“

Die Herkunft ist edel. Internet-Memes kennen kein Erbarmen.

Bei Eigennamen überschreiben Assoziationen aus Werken und Kultur die Bedeutung, nicht nur das Wörterbuch. Das ist beim Namensfinden ein wichtiges Phänomen.

4. Was heißt „II“? Ja, meistens: Fortsetzung

II, 2, Deux, Second in Gebäudenamen dienen meist dazu, das zweite Haus derselben Reihe, ein benachbartes Gebäude oder einen späteren Bau zu unterscheiden.

Natürlich bedeutet das nicht zwingend „Fortsetzung“ wie im Film.

Aber wörtlich genommen gewinnt der Spaß.

  • Espoir II → Hoffnung 2
  • Lumière II → Licht 2
  • Bonheur III → Glück 3
  • Château II → Schloss 2

Hoffnung, jetzt als Serie.

Und wenn nirgends ein „I“ zu finden ist, beginnt plötzlich eine ganze Geschichte.

„Espoir II … aber wo ist denn das I?“

Abgerissen? Umbenannt? Steht es woanders? Man wollte nur eine Wohnung suchen und sucht plötzlich auch noch den verlorenen ersten Teil.

5. Wirkt Zotiges auf Französisch in Katakana plötzlich edel?

Hier beginnt das Sprachexperiment zu entgleisen.

Schlägt man die Bedeutung in einem französischen Wörterbuch nach, findet man zum Beispiel diese Wörter:

Französisch Grobe Katakana-Umschrift Bedeutung und Stilebene
caca „Kaka“ Kacke. Kindersprache, umgangssprachlich
merde „Meruudo“ Scheiße. Derb, auch als Fluch verwendet
couille „Kuiyu“ Hoden. Sehr derb, vulgär
testicule „Tesutikyuru“ Hoden. Normaler anatomischer Begriff

Jetzt schauen wir nur auf die Katakana-Fassung.

CACA MERDE / „Kaka Meruudo“

Wer die Bedeutung nicht kennt, denkt vielleicht kurz: „Eine Marke aus Südfrankreich?“ Das wäre nicht verwunderlich.

Aber sobald man die Bedeutung zurückholt:

Kacke und Scheiße.

Aus.

Und schreibt man dazu noch

Résidence Caca Merde II

dann bekommt ein Unwissender gleich einen dreifachen Boost aus „Résidence“, „Französisch“ und „römischer Ziffer“.

Für Französischsprachige ist es einfach nur Kacke-Scheiße-Haus 2.

Wichtig ist nicht, dass Französisch automatisch edel wäre. Klang und Aussehen erreichen nur diejenigen zuerst, die die Bedeutung nicht sehen.

6. Klappt es sogar mit „Schwarze Eier“? Die Undurchsichtigkeit der Bedeutung ist der Star

Jetzt ein noch gröberes Experiment.

Stünde auf Japanisch „Schwarze Hoden“ da, würde das mit dem besten Willen nicht nach einem Luxusapartment aussehen.

Mischt man aber Fremdwörter dazu und fügt eine dünne Schrift, viel Weißraum und römische Ziffern hinzu, könnte es für Leute, die die Bedeutung nicht kennen, nach irgendeiner Luxusmarke aussehen.

Die Magie steckt nicht in der Fremdsprache selbst.

Dass man die Bedeutung nicht sofort lesen kann, ist die Magie.

Für Japanischsprachige kommen „schwarz“ und „Hoden“ in 0,1 Sekunden an. In einer unbekannten Fremdsprache kommen zuerst Klang und Schriftbild an. Die Bedeutung verspätet sich. In dieser Lücke von wenigen Sekunden baut sich ganz von selbst ein Markenimage auf.

Allerdings leben wir im Zeitalter von Google Translate und Mehrsprachigen. Wer das bei einem echten Firmen- oder Gebäudenamen versucht, bei dem liest irgendwann garantiert jemand die Bedeutung.

Eine Fremdsprache ist keine Geheimschrift. Es gibt Leute, die sie lesen können.

7. Umgekehrt passiert dasselbe mit Japanisch im Ausland

Dieses Phänomen ist keine Einbahnstraße.

Im Ausland werden japanische oder japanisch klingende Wörter losgelöst von ihrer ursprünglichen Bedeutung als Produkt-, Laden- oder Markennamen verwendet. Ein Artikel von Nippon.com zu Beispielen aus Deutschland nennt Kuchi, Moshimoshi, Miyabi, Suteki, Bonsai, Hibachi, japanisch geprägte Klänge, die als Namen für Produkte und Läden dienen.

Während wir also sagen:

„Espoir? Klingt irgendwie cool.“

kann anderswo jemand genauso gut sagen:

„KAGE? Wirkt zen. Cool.“

So entstand

SHIRIKABE.

Für Japaner heißt das „Po + Wand“.

Wer die Bedeutung nicht kennt, hält es schon in lateinischen Buchstaben mit etwas Weißraum womöglich für ein Architekturbüro oder eine Möbelmarke.

SHIRIKABE

TOKYO / KYOTO / PARIS

EST. 1987

Japaner: „Das ist Po-Wand, ey.“

8. Dann stellte sich heraus: „Shirikabe“ gibt es in einer unbekannten Sprache wirklich

Hier passiert der lustigste Unfall.

„Shirikabe“ ist kein gängiger Architekturbegriff im Standardjapanischen. Im Dialektabschnitt des Eintrags „背脊“ im chinesischen Wiktionary ist aber eine Form „Shirikabe“ (mit denselben Schriftzeichen) im Minnan-Dialekt von Jinjiang verzeichnet, die als Wort aus dem Umfeld von „Rücken, Rückseite“ behandelt wird.

Wir dachten also, wir hätten einen reinen Scherz aus „Po + Wand“ gebaut, und in einem fernen Dialekt sind wir mit einem bestehenden Wort zusammengestoßen.

Genau das ist das Gruselige an fremdsprachigen Namen.

Selbst ein Klang, der für dich sinnlos ist, hat irgendwo auf der Welt eine Bedeutung.

Deshalb prüfen Firmen, die einen internationalen Markennamen wählen, in jeder Sprache, ob er etwas Seltsames oder ein Schimpfwort bedeutet.

„Ist sicher, ist ja nur ein spontan erfundener Klang“ ist im weltweiten Maßstab überhaupt nicht sicher.

9. Gibt es das „Shirikabe-Haus“ wirklich? Nein. Es ist hier entstanden

Und nun die Endform.

Shirikabe-Haus.

Das ist weder ein echter historischer Begriff noch ein Baustil. Es ist ein Scherz-Kunstwort, das in diesem Gespräch aus „Shirikabe“ weiterentwickelt wurde.

Trotzdem klingt es seltsam nach Lehrbuch.

  • Grubenhaus („Tateana“)
  • Pfahlbau („Takayuka“)
  • Shirikabe-Haus

Stellt man die drei nebeneinander, nickt das Gehirn für einen Moment ab.

Der Grund ist einfach: Es passt sauber in das bestehende Klassifizierungsmuster „zwei Schriftzeichen + Wohnform“.

Der Inhalt ist null, nur die Form stammt aus dem Geschichtsatlas.

Jōmon-Zeit: Grubenhaus

Yayoi-Zeit: Pfahlbau

Reiwa-Zeit: Shirikabe-Haus

Was ist in Japan passiert?

Und wenn man es wie eine Übersetzung SHIRIKABE-STYLE RESIDENCE nennt, dreht es sich für ein ausländisches Publikum, das die Bedeutung nicht kennt, einmal um und wirkt wie ein Architekturkonzept.

Namensgebung ist furchterregend.

10. Warum wirken unbekannte Sprachen leicht cool?

Fasst man dieses Gespräch zusammen, lässt sich der Mechanismus grob in vier Stufen erklären.

1. Die Bedeutung kommt nicht sofort an

In der Muttersprache kommen „Po-Wand“, „Hoffnung“ oder „Kacke“ direkt an. In einer unbekannten Sprache bleibt die Bedeutung zunächst verborgen.

2. Klang und Schrift werden zuerst bewertet

Aussprache, Länge, Alphabet, Akzentzeichen, Katakana-Schreibweise und Ähnliches prägen zuerst den Eindruck.

3. Das Bild eines Landes oder einer Kultur setzt sich von selbst darauf

Bei Französisch sind es Klischees wie „elegant“, „Café“, „Parfüm“, bei Japanisch „Zen“, „minimalistisch“, „Anime“, „Tradition“, die leicht aufgesetzt werden.

4. Das Design verdeckt die Bedeutung noch mehr

Großbuchstaben, dünne Schrift, Weißraum, RESIDENCE, II, TOKYO / PARIS.

Sogar Kacke kann Typografie.

Am Ende kann sich der Informationsmangel „ich kenne die Bedeutung nicht“ aus irgendeinem Grund in das Urteil „wirkt tiefgründig“ verwandeln.

11. Bei der Wohnungssuche zählt aber der Inhalt, nicht der Name

Wir haben jetzt ausgiebig herumgealbert, aber das praktische Fazit ist ausgesprochen vernünftig.

Der Gebäudename ist kein Datenblatt.

Ein Château ist kein Schloss. Heights liegen nicht zwingend auf einer Anhöhe. Eine Résidence garantiert keinen Schallschutz. Espoir II verdoppelt die Hoffnung nicht.

Wichtig sind Bauweise, Baujahr, Lärm, Dämmung, Lage, Miete, Pflegezustand der Anlage, Ausstattung und Vertragsbedingungen.

Über den Namen darf man sich amüsieren.

Bei der Wohnung schaut man der Realität ins Auge.

Mit diesem Abstand fährt man gut.

Zusammenfassung: Eine Fremdsprache kann ein „Bedeutungs-Weichzeichner“ sein

Was bei Gebäudenamen auf der Straße anfing, lief schließlich darauf hinaus:

Maison → Haus.
Espoir → Hoffnung.
Le / La → bestimmte Artikel im Französischen.
II → zweites Haus, sinngemäß. Wirkt aber wie „Hoffnung 2“.
caca / merde / couille → Kennt man die Bedeutung, ist der Luxus sofort tot.
SHIRIKABE → auf Japanisch „Po-Wand“, und in einem fernen Dialekt zufällig mit einem echten Wort kollidiert.
Shirikabe-Haus → gibt es nicht. Ein rätselhafter Baustil, der aus diesem Gespräch entstand.

Eine unbekannte Sprache löscht die Bedeutung nicht aus.

Sie verzögert nur, bis die Bedeutung ankommt.

In diesem kurzen Moment baut das menschliche Gehirn von selbst „wirkt edel“, „wirkt traditionell“, „wirkt irgendwie tiefgründig“.

Und heute hat die Menschheit dort ein neues Gebäude errichtet.

Shirikabe-Haus.

Kein Grubenhaus. Kein Pfahlbau.

Aber vom Klang her steht es schon im Lehrbuch.


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