Bis 65 arbeiten, ohne sich aufzureiben: Was macht den Unterschied?

Neulich hatte ich Gelegenheit, mit einem älteren Herrn zu sprechen.

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Ein Angestelltenleben hängt nicht nur vom Firmennamen ab

Neulich hatte ich Gelegenheit, mit einem älteren Herrn zu sprechen.

Er hat schon als junger Mann als Techniker bei einer Tochterfirma eines großen Herstellers gearbeitet und sich lange um die Instandhaltung von Anlagen gekümmert (dafür sorgen, dass Maschinen laufen, und sie reparieren, wenn sie ausfallen). Er hat bis zur Rente durchgehalten, pflegt heute seinen Gemüsegarten und wird nur noch so weit von der Firma gerufen, wie es nötig ist. Ein paar Tage die Woche, jeweils nur kurz. Und es klang nicht nach "ich muss, sonst reicht das Geld nicht", sondern eher danach, dass seine Frau gesagt hat: "Wenn du hinwillst, geh ruhig." Also geht er.

Die Kinder sind aus dem Haus. Das Familienleben ist intakt. Er hat Hobbys: Gemüsegarten, Motorrad, Fußball und nachts Sport schauen. Die Kontakte aus der aktiven Zeit sind noch da, und auch nach der Rente kommen Leute aus dem aktiven Berufsleben und holen sich seinen Rat. Offenbar hilft er jüngeren Kollegen bei den Beförderungsprüfungen und wird zu großen Treffen eingeladen.

Im Gespräch dachte ich:

Ist das nicht ein ziemlich gutes Angestelltenleben?

Natürlich hat er selbst viel mitgemacht. Früher gab es jede Menge Überstunden. Dazu Dienstreisen und Auslandseinsätze. Auch die Beförderungsprüfungen waren hart. Er reichte ein Dokument beim Vorgesetzten ein, bekam es immer wieder zurück, überarbeitete es fast zehn Mal und landete am Ende manchmal wieder bei der allerersten Fassung. In der Firma nannte man das halb im Scherz "Geduldsprobe".

Trotzdem sagte er: "Ich wollte nie kündigen."

Worin liegt der Unterschied?

Ich glaube, hier steckt ein ziemlich wichtiger Hinweis darauf, wie man übers Angestelltenleben nachdenken sollte.

Dieselben Überstunden können zum Kapital werden oder nur zehren, je nach Umfeld

Viele Überstunden sind für sich genommen schon anstrengend.

Aber selbst bei gleichen Überstunden bleibt hinterher nicht dasselbe übrig.

Bei ihm waren Überstunden und Noteinsätze nicht bloß Verschleiß.

Eine Maschine fällt aus. Er wird gerufen. Er sucht die Ursache. Er legt Hand an die Anlage. Er repariert sie. Der Betrieb ist gerettet. Sein Können wächst.

Dazu kam, dass er die Instandhaltung selbst liebte. Etwas überspitzt gesagt: Wenn eine Maschine kaputtging, dachte er "Super, jetzt darf ich ran."

Das ist stark.

Für die meisten ist eine Störung mehr Arbeit und lästig, für ihn war sie halb "mein Auftritt". Auch wenn die Arbeit mehr wurde, konnte er sein Spezialgebiet einsetzen. Je mehr Probleme auftraten, desto mehr Erfahrung sammelte er. Wenn er etwas reparierte, bekam er Dank. Und sein Können blieb ihm erhalten.

Unter solchen Bedingungen ist Beschäftigtsein nicht nur ein Minus.

In einem schlechten Umfeld dagegen läuft es so.

Unklar definierte Aufgaben werden einem einfach hingeworfen. Der Zweck bleibt unklar. Die Verantwortlichkeit ist nicht abgegrenzt. Die Bedingungen ändern sich im Nachhinein. Man erklärt etwas, und das Gegenüber geht in Abwehrhaltung. Der Vorgesetzte verteidigt sein Gesicht statt die Sache. Die Arbeit sammelt sich bei dem, der immer einspringt. Aber Gehalt, Lebenslauf und Freiheit wachsen nicht.

Dann bleibt bei gleicher Arbeitsbelastung nichts übrig.

Übrig bleibt nur Erschöpfung. Übrig bleibt nur der Abwehrreflex. Abende und Wochenenden verschwinden. Hobbys, Raum zum Schreiben und Zeit, über die Zukunft nachzudenken, verschwinden ebenfalls.

Die Frage ist also nicht allein, ob es Überstunden gibt.

In welcher Form kommt diese Mühe zu meinem späteren Ich zurück?

Genau hier liegt meiner Meinung nach der Kern.

Auf Firmenkosten ins Ausland zu reisen war eine echte Rendite des Angestelltendaseins

Er hatte auch viel Auslandserfahrung.

Er reiste beruflich ins Ausland, sah sich Anlagen vor Ort an und war bei Inbetriebnahmen und Störungsbehebungen dabei. Sein Englisch war nicht perfekt, aber wenn man die Arbeit versteht, kommt man zurecht. Hotel und Fahrten bezahlte die Firma. In den Pausen zwischen den Einsätzen konnte er Orte besuchen, die man aus Filmen kennt, und die lokale Kultur erleben.

Interessant fand ich, dass er sagte: "Im Ausland hatte ich nie unangenehme Erlebnisse."

Dienstreisen und Auslandseinsätze sind für manche sehr belastend. Sprache, Essen, Sicherheit, Einsamkeit, zwischen der lokalen und der japanischen Seite zerrieben zu werden. Normalerweise bleiben da viele schlechte Erinnerungen hängen.

Für ihn war das Ausland aber keine Strafe, sondern ein Abenteuer.

Denn dort hatte er eine Rolle.

Er prüft die Anlagen. Er repariert sie. Er ist vor Ort nützlich. Ist die Arbeit getan, sieht er auf Firmenkosten Orte, die er sonst nie besuchen würde. Und zurück zu Hause bleibt alles als Erfahrung.

Das fand ich eine echte Stärke des Angestelltendaseins.

Mit dem Namen und dem Geld der Firma bekommt man Erfahrungen, die man allein nie machen könnte. Zurück kommt nicht nur ein Gehalt, sondern auch Lebenserfahrung. Auch das ist eine Art "Rückgewinnung" des Einsatzes.

Nach 60 sind seine Kontakte sogar noch gewachsen

Das Beeindruckende an ihm ist nicht nur die aktive Zeit.

Nach 60 bekam er eine Art Sonderauftrag: Er betreute eine chaotische Fertigungslinie und kümmerte sich um den Nachwuchs. Daraus entstanden neue Verbindungen, und auch nach der Rente reißt der Kontakt zur aktiven Generation nicht ab.

Und mit "jung" sind nicht nur Zwanzigjährige gemeint. Auch Beschäftigte ab Dreißig fragen ihn zu Beförderungsprüfungen um Rat und bitten ihn, Unterlagen durchzusehen. An freien Tagen trifft man sich manchmal in großer Runde.

Er ist nicht bloß ein ehemaliger Mitarbeiter.

Auch ohne Titel sind die Menschen noch da. Das Können ist noch da. Das Vertrauen vor Ort ist noch da. Das Gespür dafür, wie die Firma Menschen beurteilt, ist noch da. Die Ausstrahlung, die einen ansprechbar macht, ist noch da.

Das ist ein großer Punkt.

Ein Angestelltenleben kann im Moment des Ruhestands auf null zurückfallen. Ohne Visitenkarte werden die Beziehungen dünn. Ohne Posten kommt niemand mehr um Rat. Solche Leute gibt es.

Er ist anders.

Die Menschen sind noch da. Die Hobbys sind noch da. Die Familie ist noch da. Ob er arbeitet oder nicht, kann er sogar selbst wählen.

Deshalb wirkt er im Gespräch so heiter. Er hat keine Schutzmauer. Er schien auch nicht nötig zu haben, sich größer zu machen.

In einem guten Umfeld wird Vertrauen zu "Freiheit"

Wichtig ist hier, was Vertrauen bedeutet.

In einem guten Umfeld ist Vertrauen ein Vermögenswert.

Man genießt Vertrauen. Gute Aufgaben kommen. Das Können wächst. Der Entscheidungsspielraum wird größer. Ein Netzwerk entsteht. Es schlägt sich in Gehalt und Lebenslauf nieder. Auch nach der Rente kommen Leute um Rat. Man kann wählen, ob man arbeitet oder nicht.

Das ist Vertrauen als Vermögen.

In einem schlechten Umfeld ist Vertrauen dagegen eine Schuld.

Man genießt Vertrauen. Lästige Aufgaben kommen. Man kann nicht mehr Nein sagen. Man wird zum Mädchen für alles. Nur die Verantwortung wächst. Das Leben gerät aus den Fugen. Aber Gehalt und Freiheit wachsen nicht. Am Ende wird man ein müder Mensch, der sich ständig verteidigt.

Das ist Vertrauen als Schuld.

Dasselbe "Vertrauen" bedeutet je nach Umfeld etwas völlig anderes.

Deshalb sollte man genau prüfen, ob es sich am aktuellen Arbeitsplatz lohnt, Vertrauen aufzubauen. Wenn Vertrauen dort zu Freiheit wird, nur zu. Wenn es zu Fesseln wird, ist es besser, sich zu schützen.

Ist das Umfeld gut, muss man sich nicht verteidigen

Am meisten beeindruckt hat mich im Gespräch mit ihm seine Bodenständigkeit auf Augenhöhe.

Er versucht nicht, sich im Gespräch seine eigene Größe bestätigen zu lassen. Auch jüngeren Leuten gegenüber wirkt er nicht von oben herab. Seine Erzählungen sind heiter. Selbst wenn er von seinen Erfahrungen berichtet, klingt es nicht nach Angeberei, sondern nach Erinnerungen und Gelerntem.

Das liegt zum Teil an seinem Charakter.

Aber ich glaube nicht, dass das alles ist.

Er hat aus seinem Angestelltenleben eine Menge zurückbekommen.

Das Können ist geblieben. Das Einkommen ist geblieben. Die Familie ist geblieben. Die Hobbys sind geblieben. Die Auslandserfahrung ist geblieben. Die Beziehungen sind geblieben. Die Möglichkeiten für die Zeit nach dem Ruhestand sind geblieben.

Er muss also nicht bei jedem Gespräch beweisen: "Ich bin toll."

Wer dagegen nichts zurückbekommen hat, wird leicht defensiv. Wenn die eigene Mühe weder zu Geld noch zu Freiheit noch zu Respekt geworden ist, bleibt einem nur, sich im Gespräch Anerkennung zu holen. Dann redet man scheinbar über die Arbeit, in Wirklichkeit aber spielt man ein Spiel, wer in der Rangordnung oben steht.

"Ich weiß Bescheid." "Ich stehe über dir." "Unterschätz mich nicht." "Ich bin toll."

Wenn solche Sätze ständig unter der Oberfläche eines Gesprächs mitlaufen, ist schon das Reden damit anstrengend.

Natürlich ist das auch nicht nur ein persönliches Problem. Es gibt Umfelder, die solche Menschen leicht hervorbringen.

Ein gutes Angestelltenleben heißt, sich nicht von der Firma verschlucken zu lassen

Als ich diesen älteren Herrn sah, wurde mir klar: Ein gutes Angestelltenleben bedeutet nicht, der Firma alles zu opfern.

Es ist eher das Gegenteil.

Nach der Arbeit für die Firma ist außerhalb der Firma noch ein Leben da. Die Familie ist noch da. Die Hobbys sind noch da. Die Beziehungen sind noch da. Die Freiheit ist noch da. Die eigene Heiterkeit ist noch da.

Das ist stark.

Was ich beneidete, war nicht nur, dass er in einem Großunternehmen gelandet ist. Auch nicht, dass er nach der Rente wieder gerufen wurde.

Beneidet habe ich, dass er auf der Seite derer steht, die wählen können, ob sie arbeiten oder nicht.

Sein Leben ist nicht zerbrochen. Seine Familie ist nicht zerbrochen. Seine Hobbys sind nicht verschwunden. Die Firma hält nicht sein ganzes Leben in der Hand. Und trotzdem ist das, was er sich durch die Arbeit aufgebaut hat, noch da.

Das kam meinem Ideal ziemlich nahe.

Laufen dort die Erwachsenen herum, die man werden möchte?

Ein Arbeitsplatz besteht nicht nur aus Arbeitsinhalten, sondern ist auch ein Schaufenster möglicher Zukünfte.

Gruppenleiter, Abteilungsleiter, Bereichsleiter, Rentner, wiedereingestellte Ruheständler. Wenn man sie ansieht, erkennt man ungefähr, wie es aussieht, wenn man lange in dieser Firma arbeitet.

Gibt es dort jemanden, bei dem man denkt: "So möchte ich auch sein"?

Ich halte das für ziemlich wichtig.

So wie diese Person alt werden. So wie diese Person arbeiten. So wie diese Person Familie und Hobbys behalten. So wie diese Person heiter bleiben. So wie diese Person ohne Abwehr und auf Augenhöhe bleiben.

Ein Ort mit solchen Menschen ist stark.

Wenn dagegen oben nur Abwehrhaltung, Angeberei, zerstörtes Privatleben, das Dasein als Mädchen für alles und Büropolitik zu sehen sind, sollte man diesen Berg lieber nicht besteigen.

Ich mag das Angestelltendasein nicht etwa nicht. Mir missfällt die Zukunft, die man von dort aus sieht.

Fazit: Ein Angestelltenleben ist okay, wenn es ein Ort ist, an dem man die Mühe zurückbekommt

Wichtig im Angestelltenleben ist nicht, ob es Mühe gibt.

Wichtig ist, was nach der Mühe für das spätere Ich übrig bleibt.

Bleiben Geld, Können, Vertrauen, Kontakte, Familie, Hobbys, Freiheit und Selbstvertrauen übrig, hat sich die Mühe ausgezahlt.

Bleiben nur Erschöpfung, Abwehrreflexe, eine Vergangenheit als Mädchen für alles, ein zerstörter Lebensrhythmus und ein Gespür für Stimmungen übrig, das nur innerhalb der Firma gilt, hat sich die Mühe nicht ausgezahlt.

Dieselben Überstunden können an einem Ort zum Lebenskapital werden und an einem anderen nur aufreiben.

Dasselbe Vertrauen kann an einem Ort zu Freiheit und an einem anderen zu Fesseln werden.

Auch unter Angestellten gibt es solche, die nach der Rente heiter ihren Hobbys nachgehen, und solche, die auch im Alter noch in Abwehrhaltung weiterarbeiten, um ihr Leben zu sichern.

Wenn ich mir überlege, ob ich Angestellter bleiben will, möchte ich deshalb diese Frage im Kopf behalten.

  1. Wenn ich mich an diesem Ort anstrenge, gibt es dann am Ende einen Erwachsenen, der ich werden möchte?

Und noch eine.

  1. Bringt diese Mühe mein späteres Leben in die schwarzen Zahlen?

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