Die Fünf-Sekunden-Antwort
Die naheliegende Frage lautet:
„Wenn du das intime Video einer anderen Person verbreitest, ist dein eigener nackter Körper doch ebenfalls im Netz. Ist dir das nicht peinlich?“
Für viele Menschen wäre genau das schon eine starke Bremse.
Die Forschung zu image-based sexual abuse (IBSA) zeigt jedoch, dass nicht einvernehmliches Teilen nicht nur durch Rache motiviert ist. Dokumentiert sind unter anderem Prahlen, Freunde beeindrucken, soziale Anerkennung, Humor, Kontrolle, Vergeltung, Aufmerksamkeit und sexuelle Befriedigung.
Die innere Rechnung kann also lauten:
Kosten meiner eigenen Bloßstellung < Schaden für die andere Person + Belohnung für mich
Man muss nicht völlig schamlos sein. Es reicht, wenn eine andere Belohnung stärker wiegt.
1. Wenn beide im selben Video sind, ist der Schaden trotzdem nicht gleich
Man kann sich leicht eine Art „gegenseitige Vernichtung“ vorstellen:
Beide sind nackt. Also sind beide gleich bloßgestellt. Also schadet sich die Person, die das Video veröffentlicht, genauso sehr.
Reputationsschäden funktionieren nicht so symmetrisch.
Eine Übersichtsarbeit von 2024 zur Täterschaft bei IBSA fand wiederholt Motive, die mit sozialen Belohnungen und persönlichem Nutzen zusammenhängen. Manche hielten das Teilen für lustig, glaubten, andere wollten das Material sehen, wollten Freunde beeindrucken oder damit angeben.
Für manche Täter ist die Datei daher keine Datenschutzkatastrophe.
Sie wird zur Trophäe.
Der Gedanke lautet weniger „mein Körper wird auch gesehen“ und eher „das beweist, dass ich mit dieser Person eine sexuelle oder romantische Beziehung hatte“.
Das ist moralisch nicht zu rechtfertigen, psychologisch aber nachvollziehbar.
2. Warum sich selbst bloßstellen, nur um jemand anderen bloßzustellen?
Prahlen und Status in der Gruppe
Manche Menschen behandeln sexuellen Zugang wie eine Leistung.
Die Forschung beschreibt Motive des Angebens und des Statusgewinns. In einigen Studien nannten Männer häufiger Gründe, intimes Material anderen Männern zu zeigen, um sich aufzuwerten.
Ist die andere Person berühmt, beliebt oder besonders begehrt, kann der subjektive „Beweiswert“ noch höher werden.
„Ich war mit einer Berühmtheit zusammen“ kann jeder behaupten.
Eine intime Datei kann vom Verbreiter als Beweis behandelt werden.
Es gibt keine starke Evidenz dafür, dass Prominentenfälle als eigene Kategorie besonders häufig sind; dieser Teil ist eine Schlussfolgerung. Er passt aber zu den belegten Motiven Prahlen und sozialer Status.
Rache
Nach einer Trennung, Zurückweisung oder gefühltem Verrat kann das Ziel, der anderen Person zu schaden, alles andere überlagern.
Die eigene Bloßstellung wird dann als Angriffskosten akzeptiert.
Macht und Kontrolle
Intimes Material kann als Drohung benutzt werden: „Tu, was ich will, sonst veröffentliche ich es.“
Der eigentliche Gewinn ist dann nicht die Datei selbst, sondern die Angst der anderen Person vor einer möglichen Veröffentlichung.
Humor, Aufmerksamkeit und Anerkennung
Einige in Studien berichtete Gründe sind erschreckend banal: „Es war lustig“, „andere wollten es bestimmt sehen“, „ich dachte, es sei keine große Sache“.
Der Schaden kann riesig sein, obwohl das Motiv lächerlich klein ist.
Sexuelle Befriedigung und geringe Scham über die eigene Exposition
Menschen unterscheiden sich darin, wie unangenehm sie es finden, den eigenen Körper zu zeigen.
Manche erleben Selbstexposition sogar als Aufmerksamkeit, Selbstdarstellung, Stolz oder sexuelle Erregung.
Wenn die eigene Nacktheit nicht als großer Verlust verbucht wird, wirkt „aber du bist doch auch zu sehen“ kaum als Bremse.
3. Gleiche Nacktheit bedeutet nicht gleiche soziale Kosten
Eine Übersichtsarbeit von 2026 zum nicht einvernehmlichen Teilen intimer Bilder beschreibt, wie sexuelle Doppelstandards, Victim Blaming, Scham und Stigmatisierung den Schaden verstärken können, besonders bei Frauen.
Männer können selbstverständlich ebenfalls Opfer sein, und ihr Schaden darf nicht heruntergespielt werden. Männliche Exposition wird jedoch teilweise als Witz, Erfolg oder sexuelles Sozialkapital gerahmt. Gleichzeitig kann die Norm „Männer sollten sich davon nicht stören lassen“ männliche Opfer davon abhalten, Hilfe zu suchen.
Deshalb gilt:
gleich viel Nacktheit bedeutet nicht gleiche soziale Kosten.
Wenn der Verbreiter glaubt, selbst wenig zu verlieren, während die Zielperson viel verliert, bleibt der Angriff asymmetrisch.
4. Ist so jemand automatisch ein „Psychopath“?
Nein, so lässt sich keine Diagnose stellen.
Die IBSA-Forschung findet positive Zusammenhänge mit Merkmalen der Dark Tetrad: Psychopathie, Narzissmus, Machiavellismus und Sadismus.
Geringe Empathie, Impulsivität, Dominanzstreben oder Befriedigung an der Demütigung anderer können zu manchen Fällen passen.
Aber statistische Zusammenhänge sind keine individuelle Diagnose.
Ein intimes Video ohne Einwilligung zu verbreiten bedeutet nicht automatisch, dass jemand klinisch ein Psychopath ist.
Unreife, Bedürfnis nach Anerkennung, Wut, Rache, sexuelle Befriedigung, Aufmerksamkeitssuche und das Verharmlosen des Schadens können ebenfalls zu demselben Verhalten führen.
5. „Ich habe mit einer Berühmtheit geschlafen“ kann zum Statussignal werden
Für stark statusorientierte Menschen kann eine Beziehung mit einer berühmten oder sehr begehrten Person wie eine Medaille wirken.
Dass der eigene Körper in der Datei zu sehen ist, kann dann weniger als Verlust der Privatsphäre und mehr als Echtheitsnachweis empfunden werden.
Von außen denkt man nur:
Dafür hätte es wirklich bessere Beweise gegeben.
Doch innerhalb einer Prahl- und Statuslogik kann der Tausch trotzdem attraktiv wirken.
Noch einmal: Belegt sind allgemeine Motive des Prahlens und sozialer Belohnung, nicht ein spezieller Prominenteneffekt.
6. In Japan ist „ich bin auch im Video“ kein rechtlicher Schutz
Japan hat ein Gesetz, das häufig als Gesetz zur Verhinderung von Revenge Porn bezeichnet wird.
Nach Angaben der japanischen National Police Agency kann die Veröffentlichung bestimmter privater sexueller Aufnahmen strafbar sein, wenn die abgebildete Person identifizierbar ist und das Material einer unbestimmten oder großen Zahl von Personen zugänglich gemacht wird.
Wenn die gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt sind, kann die Veröffentlichung mit bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe oder einer Geldstrafe bis 500.000 Yen geahndet werden.
Einwilligung in die Aufnahme ist nicht automatisch Einwilligung in die Veröffentlichung.
Und wer selbst in derselben Datei auftaucht, erhält dadurch nicht automatisch das Recht, die andere Person zu veröffentlichen.
7. Fazit: Scham kann vorhanden sein, aber eine andere Belohnung wiegt stärker
Die Antwort auf „Ist denen das nicht peinlich, wenn sie selbst nackt zu sehen sind?“ lautet also nicht einfach: „Sie kennen keine Scham.“
Manche empfinden vermutlich durchaus Scham.
Aber Prahlen, Anerkennung, Rache, Kontrolle, Aufmerksamkeit, sexuelle Befriedigung oder Statusbeweis können wichtiger erscheinen.
Der zentrale Denkfehler ist:
zwei nackte Personen = zwei gleich große Verluste.
Was wie gegenseitige Vernichtung aussieht, kann in Wirklichkeit ein stark asymmetrischer Angriff sein.
Quellen (3)
- Henry N, Beard G. Image-Based Sexual Abuse Perpetration: A Scoping Review. 2024. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11545137/
- Mental Health on Victims of Non-consensual Intimate Image-sharing: A Scoping Review. 2026. https://link.springer.com/article/10.1007/s13178-026-01312-x
- Japanische National Police Agency. https://www.npa.go.jp/safetylife/seianki/shiseigazouboushi/index.html
