Der Supermarkt, den ich jeden Tag nutze, freut mich mehr als der berühmte Laden im Viertel

Man liest es ständig in Wohnungsanzeigen.

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Der Supermarkt, den ich jeden Tag nutze, freut mich mehr als der berühmte Laden im Viertel
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Wie gut man irgendwo wohnt, entscheidet die Nutzungshäufigkeit, nicht der Instagram-Faktor

Man liest es ständig in Wohnungsanzeigen.

„X Gehminuten zum beliebten Lokal“ „Angesagte Restaurants direkt um die Ecke“ „Top-Lage, auch am Wochenende ein Erlebnis“

Klar, nah dran zu sein ist schön.

Aber sobald man dort wohnt, klettert plötzlich eine ganz andere Einrichtung mit atemberaubendem Tempo in der Rangliste nach oben.

Der Supermarkt.

Zu einem berühmten Laden, der ein bisschen teurer ist, geht man vielleicht einmal im Monat, wenn überhaupt. In den Supermarkt geht man, wenn die Milch alle ist. Man geht, wenn man Durst auf etwas hat. Man geht, wenn man keine Lust hat, sich das Abendessen zu überlegen. Man geht sogar mitten auf einem Spaziergang.

Dieser Unterschied wirkt unscheinbar, ist aber riesig.

Wie angenehm ein Viertel ist, hängt nicht nur davon ab, „was es dort gibt“, sondern auch davon, wie oft man es selbst nutzt.

1. Der Wert von „in der Nähe“ sieht anders aus, wenn man ihn mit der Nutzungshäufigkeit multipliziert

Nehmen wir an, in der Nähe gibt es ein beliebtes, etwas teureres Restaurant.

Ein paar Minuten zu Fuß, das ist bequem, keine Frage. Aber man geht ja nicht jeden Tag hin.

Liegt dagegen direkt neben dem Haus ein Supermarkt, kann man ihn mehrmals pro Woche nutzen.

Schreibt man Bequemlichkeit grob als Formel auf, sieht das so aus:

Wert im Alltag ≈ Nutzungshäufigkeit × eingesparter Aufwand pro Nutzung

Ob ein Ort, den man einmal im Monat nutzt, 5 Minuten näher rückt oder einer, den man 5-mal pro Woche nutzt: Aufs Jahr gerechnet liegen Welten dazwischen.

Auffällig ist das Erstere. Was einem das Leben nach und nach erleichtert, ist oft das Zweite.

Eine Immobilienanzeige schreibt leicht „berühmte Läden in der Nähe“. „Wenn der Gerstentee im Kühlschrank alle ist, ist das Problem in 30 Sekunden gelöst, ohne dass die Laune absackt“ passt wahrscheinlich schlecht in einen Prospekt.

Doch wenn man erst einmal dort wohnt, wirkt genau so etwas am stärksten.

2. Der Supermarkt ist kein „Einkaufsort“, sondern ein riesiger externer Kühlschrank

Die Stärke eines nahen Supermarkts liegt nicht nur im günstigen Preis.

Man muss keine Vorräte mehr horten.

Das Gefühl „ich muss gleich auch für morgen einkaufen, sonst wird’s lästig“ wird schwächer. Der Druck „wenn ich das kaufe, muss ich alles aufessen“ sinkt. Etwas zu vergessen, wird nicht gleich zur Katastrophe.

Anders gesagt: Der Supermarkt wird zu einem Teil des Stauraums und des Kühlschranks zu Hause.

Selbst wenn wenig im Kühlschrank ist, reicht der Gedanke:

„Na ja, wenn ich was brauche, gehe ich eben hin.“

Das ist erstaunlich viel wert, denn die Vorratshaltung muss nicht mehr zu 100 % zu Hause stattfinden.

Alltagskomfort entsteht nicht nur durch eine luxuriöse Ausstattung.

Wie günstig man sich wieder aufrappeln kann, wenn etwas fehlt.

So betrachtet ist der Supermarkt nicht bloß ein Geschäft, sondern eher so etwas wie Infrastruktur fürs Leben.

3. Die Reduziert-Ecke wird irgendwie zur kleinen Unterhaltung

Noch spannender sind reduzierte Waren.

Wenn man nur kauft, was ohnehin feststeht, wird Einkaufen zur Pflichtaufgabe.

Aber wenn man denkt:

„Was ist heute noch übrig?“ „Oh, das ist runtergesetzt“ „Dann nehme ich heute das“

wird daraus plötzlich ein leichtes Entdeckerspiel.

Fertiggerichte mit 40 % Rabatt. Obst, das billiger geworden ist. Eine gebackene Süßkartoffel, genau die, auf die man Lust hatte.

Es sind Einkäufe von ein paar hundert Yen oder weniger, und trotzdem fühlt es sich an, als hätte man einen kleinen Treffer gelandet.

Natürlich ist es kein Sparen, wenn man wegen eines Rabatts Dinge kauft, die man gar nicht braucht.

Das ist wichtig:

Man kauft nicht, weil es billig ist, sondern freut sich, wenn etwas, das man ohnehin nutzen wollte, billig ist.

In dieser Reihenfolge liegt die Reduziert-Ecke zwischen Haushaltskasse schützen und Unterhaltung.

Sie ist nicht ganz so aufregend wie ein großer Freizeitpark, dafür kostet der Eintritt nichts.

4. Mit Spazierengehen kombiniert wird der Supermarkt zum „Versorgungspunkt“

Ein Laden in der Nähe des Zuhauses lässt sich auch für Spaziergänge nutzen.

Wer losgeht, weil er sich sagt „ich muss mich bewegen“, spürt sofort Pflichtgefühl. Wenn es aber heißt:

„Ich schau mal kurz, was es gibt“ „Wenn es einen günstigen Snack gibt, nehme ich ihn mit“ „Und danach laufe ich einfach mal eine unbekannte Straße entlang“

sinkt die Anlaufschwelle fürs Rausgehen deutlich.

Man kauft eine gebackene Süßkartoffel und läuft essend in eine unbekannte Richtung.

Ein bestimmtes Ziel gibt es nicht. Man biegt ab, wo man will. Wenn eine Gasse neugierig macht, geht man hinein.

Allein dadurch wird der Supermarkt vom Einkaufsort zum

Startpunkt des Spaziergangs und Versorgungsstützpunkt.

Auch Studien bringen die Nähe und Vielfalt von Zielen in der Nachbarschaft mit Zufußgehen zum Zweck der Fortbewegung in Verbindung.[1] Das heißt allerdings nicht, dass „jeder gesund wird, wenn der Supermarkt nah ist“. Es kann zum Beispiel auch sein, dass Menschen, die gern zu Fuß gehen, sich solche Viertel aussuchen.

Trotzdem leuchtet es ein, dass ein Grund zum Rausgehen direkt vor der Haustür die Reibung vor dem Handeln verringert.

5. „Fußgängerfreundliches Viertel = garantiert hohe Zufriedenheit“ stimmt nicht

Hier soll auch ein Gegenargument stehen.

Die Studien zu Zufußgehbarkeit und Lebenszufriedenheit zeigen nicht alle sauber in dieselbe Richtung.

In einer Studie aus Österreich hing die Zufußgehbarkeit positiv mit der Zufriedenheit mit der lokalen Infrastruktur zusammen, während unter anderem auch ein gegenläufiger Zusammenhang mit der allgemeinen Zufriedenheit mit der Nachbarschaft beobachtet wurde.[2]

Eine andere Studie ergab, dass Menschen in gut zu Fuß erschließbaren Gegenden ihre Gesundheit tendenziell besser einschätzten, ihre Lebenszufriedenheit aber nicht zwangsläufig höher war.[3]

Mit anderen Worten:

„Man kann dort laufen“ allein macht ein Viertel noch nicht komplett.

Lärm, Sicherheit, Aussicht, Gedränge, Wohnungsgröße, Verkehrsanbindung, Preis, persönlicher Geschmack. Zum guten Wohnen gehört vieles.

Deshalb lautet auch das Fazit dieses Artikels nicht „Supermarkt in der Nähe schlägt Bahnhofsnähe immer“.

Worauf man achten sollte, ist:

ob sich das, was man sehr oft nutzt, mit wenig Reibung nutzen lässt.

Darum geht es.

6. Was man sich bei der Wohnungssuche vor den „Sehenswürdigkeiten“ ansehen sollte

Wenn man ein neues Viertel oder eine neue Wohnung beurteilt und alle Einrichtungen ringsum gleich gewichtet, verliert man schnell den Überblick.

Deshalb lohnt es sich, sie nach Nutzungshäufigkeit zu sortieren.

Täglich bis mehrmals pro Woche

Supermarkt, Drogerie, Kiosk bzw. Convenience-Store, Müllentsorgung, Spazierwege, alltäglich genutzte Verkehrsmittel.

Mehrmals pro Monat

Krankenhaus, Bibliothek, Baumarkt und Haushaltswarenmarkt (in Japan „Home Center“ genannt), Stammlokale, größere Einkaufszentren.

Gelegentlich

Berühmte Läden, Touristenziele, große Freizeiteinrichtungen, Veranstaltungsorte.

Orte, die man nur gelegentlich nutzt, erreicht man auch dann, wenn sie etwas weiter weg sind, mit ein wenig Planung.

Orte aber, die man täglich nutzt, machen die Entfernung unmittelbar zur Reibung.

Deshalb gilt bei der Wohnungswahl: Nach der Frage

„Was gibt es in der Nähe?“

stellt man am besten gleich die nächste:

„Wie oft im Jahr würde ich das nutzen?“

Das sortiert die Gedanken erheblich.

7. Vielleicht entsteht Lebenszufriedenheit durch die Wiederholung kleiner Annehmlichkeiten

Gibt es glanzvolle Einrichtungen in der Nähe, lässt sich das Viertel leicht beschreiben.

Aber der Alltag ist kein Beschreibungstext.

Man hat Durst. Man hat keine Lust aufs Abendessen. Man möchte ein bisschen laufen. Man hat Lust auf etwas Süßes. Der Kühlschrank ist leer. Man will einfach irgendwie raus.

Solche Kleinigkeiten kommen hunderte Male vor.

Und jedes Mal lässt sich das mit einem

„Ist ja gleich um die Ecke, dann gehe ich eben.“

lösen.

Diese Wiederholung ist stark.

Es ist keine Einrichtung, die das Leben auf einen Schlag verändert. Aber sie räumt die kleinen alltäglichen Lästigkeiten Stück für Stück aus dem Weg.

Und ab und zu gibt es sogar eine reduzierte gebackene Süßkartoffel obendrauf.

Stark.

Fazit: Wer wissen will, wie gut sich ein Viertel wohnt, fragt besser „wie oft nutze ich es?“ als „was ist in der Nähe?“

Einen berühmten Laden in der Nachbarschaft zu haben, macht Spaß.

Aber allein daran entscheidet sich nicht, wie gut man dort wohnt.

Im Alltag wiegt vielmehr manchmal die Summe kleiner Annehmlichkeiten wie diese schwerer:

  • Man kann es sehr häufig nutzen
  • Man kann sofort Nachschub holen
  • Man muss weniger horten
  • Man kann Reduziertes mitnehmen
  • Es ist ein Anlass, rauszugehen
  • Es lässt sich mit Spazierengehen verbinden
  • Man kann es auch ohne Plan nutzen

Wenn Sie sich ein Viertel ansehen, schauen Sie nicht nur auf das „Ranking der fotogenen Orte“, sondern auch darauf,

wie sehr es die Handlungen erleichtert, die in Ihrem Leben immer wieder anfallen.

Dann wirkt der unscheinbare Supermarkt plötzlich wie ein ziemlich starker Charakter.

Quellen (3)

  1. McCormack, G. R. et al. (2007). The relationship between destination proximity, destination mix and physical activity behaviors. Preventive Medicine pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
  2. Grasser, G. et al. (2016). Are residents of high-walkable areas satisfied with their neighbourhood? Journal of Public Health pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
  3. Rogers, S. H. et al. (2016). Are People Living in Walkable Areas Healthier and More Satisfied with Life? Applied Psychology: Health and Well-Being pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
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