0. Kurz gesagt: Man muss Reisen nicht hassen — vielleicht ist man einfach schnell „reise-satt“
Tag eins: neue Stadt, neues Essen, Hotel, Aussicht.
Tag zwei: „War richtig gut.“
Tag drei: „Können wir wieder nach Hause?“
Manche Menschen genießen die ersten ein oder zwei Tage sehr und haben dann plötzlich das Gefühl, genug erlebt zu haben.
Eine plausible Erklärung besteht aus drei Teilen:
Der zusätzliche Neuigkeitswert sinkt, die Reisemüdigkeit steigt weiter und das eigene Zuhause wird wieder attraktiver.
1. Wer Reisen wirklich hasst, hätte wahrscheinlich schon am ersten Tag wenig Spaß
Wenn die ersten beiden Tage schön waren, fehlt es nicht grundsätzlich an Freude.
Vielmehr kann der zusätzliche Nutzen eines weiteren Tages schnell kleiner werden.
Das erste regionale Essen ist etwas Besonderes. Die vierte ähnliche Sehenswürdigkeit vielleicht nicht mehr.
2. Neuigkeit hängt tatsächlich mit Reisezufriedenheit zusammen
Die Tourismusforschung untersucht seit Langem das sogenannte Novelty Seeking, also die Suche nach Erlebnissen, die sich vom Alltag unterscheiden, und dessen Zusammenhang mit Zufriedenheit.[1][2]
Eine Studie aus dem Jahr 2026 mit 1.488 Reisenden zeigte außerdem, dass Menschen mit unterschiedlicher Neigung zur Neuheit Merkmale eines Reiseziels unterschiedlich bewerten.[2]
Am ersten Tag ist fast alles neu. Doch Menschen gewöhnen sich schnell.
Tag eins: „Wow, das Meer!“
Tag drei: „Ja, immer noch das Meer.“
Das Meer ist nicht schlechter geworden. Das Gehirn hat es nur als „bekannt“ abgespeichert.
3. Die Reisemüdigkeit läuft dagegen weiter
Reisen bedeutet laufen, Gepäck tragen, umsteigen, Wege suchen, Fahrpläne prüfen, Restaurants auswählen und in ungewohnter Umgebung schlafen.
Eine Studie von 2024 fand, dass die Reisedauer vor allem mit körperlicher Tourismusmüdigkeit zusammenhing, während die Reisehäufigkeit stärker mit psychischer Müdigkeit verbunden war. Körperliche Müdigkeit verstärkte zudem psychische Müdigkeit, die wiederum die Zufriedenheit beeinflusste.[3]
Der dritte Tag kann sich deshalb so anfühlen:
Der Neuigkeitsbonus schrumpft, aber die körperliche Rechnung wird weiter zum vollen Preis gestellt.
4. Aber es gibt doch die Studie mit dem Wohlbefindens-Peak am achten Urlaubstag?
Eine Studie zu langen Urlauben fand einen Höhepunkt von Gesundheit und Wohlbefinden ungefähr am achten Tag.[4]
Die Teilnehmenden hatten jedoch im Durchschnitt rund 23 Tage Urlaub. Gemessen wurden Gesundheit und Wohlbefinden, nicht die Frage, wie lange jemand an einem Reiseziel Sightseeing machen möchte.
Eine weitere Studie zeigte, dass schon kurze Urlaube von vier bis fünf Tagen Gesundheit und Wohlbefinden verbessern können.[5]
Erholung von der Arbeit und gewünschte Sightseeing-Dauer sind unterschiedliche Fragen.
5. Ist das einfach ein „Dopamin-Problem“?
Dopamin spielt tatsächlich eine Rolle bei Verhaltensweisen rund um Neuheit, und Experimente zeigen, dass Dopamin die Wahl neuer Optionen beeinflussen kann.[6]
Es gibt aber keinen Beleg dafür, dass „am dritten Reisetag das Dopamin leer ist“ oder dass die Vorliebe für kurze Reisen automatisch Abhängigkeit bedeutet.
Vorsichtiger formuliert:
Wer besonders viel Zufriedenheit aus neuen Erlebnissen zieht, kann nach den wichtigsten neuen Eindrücken einen starken Rückgang des Zusatzwerts eines weiteren Tages erleben.
6. Ein besserer Test: Kann man unterwegs auch Nichtstun genießen?
Wer im Hotel sitzen, die Aussicht ansehen, baden, schlafen oder eine Stunde im Café verbringen kann und das angenehm findet, hat nicht automatisch ein Problem mit zu wenig Reiz.
Vielleicht reist man einfach gern, ohne lange wegbleiben zu wollen.
7. Kurze, intensive Reisen können besser passen
Wenn ein oder zwei Tage bereits den Großteil der Zufriedenheit liefern, muss man eine Reise nicht verlängern, nur weil man „schon so weit gefahren ist“.
Eine intensive Übernachtung mit zwei Reisetagen oder zwei Nächte mit einem entspannten Rückreisetag können besser passen.
Reisen ist kein Wettbewerb um die längste Abwesenheit.
8. Fazit
Nach ein oder zwei schönen Tagen nach Hause zu wollen bedeutet nicht automatisch, dass man Reisen nicht mag.
Forschung unterstützt mehrere Teile dieses Musters: Neuigkeit kann mit Zufriedenheit zusammenhängen, längere Aufenthalte können körperliche Tourismusmüdigkeit erhöhen, und auch kurze Urlaube können Erholung bringen.[4][3][2][5]
Nicht belegt ist dagegen die einfache Geschichte: „Am dritten Tag ist das Dopamin alle.“
Vielleicht ist die Antwort viel banaler:
Manche Menschen sind einfach schnell reise-satt.
Quellen (6)
- Albaity & Melhem. Tourism Management Perspectives. 2017 doi.org
- Lança et al. Current Issues in Tourism. 2026 doi.org
- Su et al. Current Issues in Tourism. 2024 doi.org
- de Bloom et al. Journal of Happiness Studies. 2013 doi.org
- de Bloom et al. Stress and Health. 2012 doi.org
- Costa et al. Behavioral Neuroscience. 2014 doi.org

