„Bring dieses Paket bitte zu Herrn Soundso."
Bei einer normalen Lieferung braucht man Adresse, Lieferschein, Abholung, Sortierung, Ferntransport und die berüchtigte „letzte Meile".
Ist der Zusteller aber Tonkaraton, sieht die Sache anders aus.
Überträgt man die Regeln aus dem aktuellen Manga unverändert auf die Logistik, läuft es so: Zuerst befolgt man die Aufforderung „Sag Tonkaraton" richtig und sagt, bevor man zerschnitten wird: „Herr Soundso ist jetzt auch einer von euch." Daraufhin macht sich Tonkaraton auf den Weg zu dieser Person.
Wenn er dabei sogar ein Paket tragen kann, ist das längst kein Spuk mehr.
Es ist ein Zusteller für die letzte Meile zum Nulltarif, mit Fahrrad serienmäßig, und als Adresse genügt ein Name.
Allerdings hat diese Logistikreform einen schweren Fehler.
Je öfter man sie nutzt, desto mehr Tonkaratons gibt es und desto weniger Menschen.
Am Ende verschwindet nicht nur der Personalmangel in der Logistik, sondern die Nachfrage nach Lieferungen überhaupt.
1. Zuerst die „Standardeigenschaften" von Tonkaraton
【Was sich bestätigen lässt】
Tonkaraton wird weithin als unheimliche Gestalt beschrieben, von Kopf bis Fuß in Verbände gewickelt, mit einem Katana (dem japanischen Schwert) in der Hand und auf einem Fahrrad auftauchend.
Die typischen Regeln lauten:
- Man wird aufgefordert: „Sag Tonkaraton."
- Antwortet man nach der Aufforderung „Tonkaraton", geht er wieder.
- Antwortet man nicht, wird man zerschnitten.
- In manchen Überlieferungen und Werken ist es schon ein Fehler, „Tonkaraton" vorab zu sagen, bevor man dazu aufgefordert wird.
- Weit verbreitet ist auch die Vermehrungsregel: Wer zerschnitten wird, wird selbst zu einem neuen Tonkaraton.
Auch in „Gakkou no Kowai Uwasa Hanako-san ga Kita!!" von 1994 (einer Anime-Serie über gruselige Schulgerüchte) taucht ein „Kaijin Tonkaraton" auf. Laut den DVD-Angaben von Nippon Columbia lief die Serie 1994 innerhalb der Sendung Ponkickies, und Apple TV führt „Kaijin Tonkaraton" als Folge innerhalb der zweiten Ausgabe.
Mit anderen Worten: Mindestens diese vier Punkte, „Fahrrad", „Regel über gesprochene Worte", „Angriff bei Fehlern" und „Vermehrung", sind nicht erst aus späteren Sammelseiten aus dem Nichts aufgetaucht.
2. „Herr Soundso ist jetzt einer von euch" gilt hier dagegen als Routing-Erweiterung dieses Werks
Dieser Punkt ist wichtig.
Im aktuellen Manga sagt man nach der richtigen Antwort und vor dem Zerschneiden „Herr Soundso ist jetzt einer von euch", und Tonkaraton geht zu dieser Person.
In den allgemein zugänglichen Quellen, die ich diesmal geprüft habe, wird dieses Verhalten, „zu der genannten Person gehen", jedoch nicht durchgängig als Grundregel von Tonkaraton beschrieben.
Deshalb trennen wir im Artikel
die gesicherten Eigenschaften der gängigen Überlieferung von dem abgeleiteten Mechanismus, der in diesem Werk verwendet wird.
Vermischt man beides, werden alle Varianten der Großstadtlegende zu einer einzigen „offiziellen Regel".
Selbst Spukgestalten brauchen eine Versionsverwaltung.
3. In die Logistik übertragen, ist das ungewöhnlich stark
Nehmen wir also den abgeleiteten Mechanismus und unterstellen, dass er auch das Paket trägt.
Die nötigen Eingaben sind sehr überschaubar.
- Man begegnet Tonkaraton.
- Man antwortet im richtigen Moment „Tonkaraton".
- Man nennt das Ziel: „Herr Soundso ist jetzt einer von euch."
- Man gibt ihm das Paket.
- Er radelt von allein dorthin.
Adresstext, Kartensuche, Navigation, Liefer-App und Routenoptimierung, die eine gewöhnliche Zustellung braucht, sind größtenteils bereits auf Seiten des Spuks eingebaut.
Und die Grundausstattung ist ein Fahrrad.
Die Eignung für die letzte Meile ist merkwürdig hoch.
Keine Gehaltsverhandlung.
Kein Vorstellungsgespräch.
Keine Einarbeitung.
Keine Spritkosten.
Ein Unternehmer, der unter Zustellermangel leidet, würde bei diesen Zahlen kurz leuchtende Augen bekommen.
4. Das größte Hindernis: Es gibt nur eine Sprachschnittstelle
Doch dieses Liefersystem ist bei der Barrierefreiheit eine Katastrophe.
Das Protokoll von Tonkaraton läuft im Kern über gesprochene Sprache.
Wer keine Stimme hat.
Wer sich den Hals ruiniert hat.
Wer vor Panik kein Wort herausbringt.
Wer den Zeitpunkt der Antwort verpasst.
Allein das bringt die Nutzer in Gefahr, noch bevor die Lieferung überhaupt bearbeitet wird.
Der einzelne Ausfallpunkt ist also weder der Server noch das GPS noch das Bezahlsystem.
Es ist die Sprechfähigkeit des Nutzers.
Es gibt auch keinerlei Anzeichen für Unterstützung von Schrift, Handy-Eingabe, Gebärdensprache, API oder dem Einlesen von Paketaufklebern.
Als Geister-Abodienst betrachtet, würde er bei einer Prüfung der Nutzererfahrung sofort durchfallen, mit der schlimmsten Einstufung als kritischer Fehler.
5. Skaliert man, passiert beides zugleich: „Zusteller werden mehr" und „Kunden werden weniger"
Noch schrecklicher ist die Vermehrungsregel.
Nennen wir die Menschen H und die Tonkaratons T.
Jedes Mal, wenn eine Person zum Tonkaraton wird, gilt grob:
H → H - 1
T → T + 1
Aus Sicht der Logistikfirma sieht es aus, als gäbe es einen Zusteller mehr.
Auf dem gesamten Markt fehlt aber ein potenzieller Kunde.
Angenommen, d ist die Liefernachfrage pro Mensch und c die Lieferkapazität pro Tonkaraton, dann gilt:
Nachfrage ≈ dH
Angebotskapazität ≈ cT
Mit fortschreitender Verwandlung
steigt das Angebot und sinkt die Nachfrage.
Deshalb verbessert sich allein die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage mit rasender Geschwindigkeit.
Die Gesellschaft ist dadurch nicht besser geworden.
Man hat nur den Nenner gelöscht.
6. Kombiniert mit dem echten Personalmangel werden zumindest die Kennzahlen wunderschön
Im realen Japan ist der Mangel an Personal in der Logistik ein echtes Problem.
Das japanische Ministerium für Land, Infrastruktur, Verkehr und Tourismus hatte geschätzt, dass die Transportkapazität ohne Gegenmaßnahmen im Geschäftsjahr 2024 um rund 14 % und im Geschäftsjahr 2030 um rund 34 % hinter dem Bedarf zurückbleiben könnte.
Es gibt aber eine wichtige Aktualisierung.
In späteren Unterlagen des Weißbuchs des Ministeriums wird die für das Geschäftsjahr 2024 erwartete Lücke von rund 14 % dank der Maßnahmen von Staat und Wirtschaft als „im Wesentlichen behoben" eingeordnet. Für 2030 sind weiterhin Maßnahmen nötig, und im März 2026 hat das Kabinett die „Allgemeine Logistik-Leitlinie (Geschäftsjahre 2026 bis 2030)" beschlossen.
Es heißt also nicht, dass Japan „gerade jetzt 34 % an Transportkapazität fehlen".
Die 34 % sind als Zukunftsschätzung für den Fall zu verstehen, dass man nichts unternimmt.
Führt man darüber hinaus Tonkaraton ein, werden die Zahlen in der Vorstandssitzung erschreckend schön.
- Zahl der Zusteller: steigt
- Einstellungskosten: praktisch null
- Personalkosten: laut Setting praktisch null
- Kraftstoffkosten: niedrig, weil Fahrrad
- Liefernachfrage: sinkt mit dem Bevölkerungsrückgang
- Wiederzustellung: wohl zwangsweise gelöst, solange es Empfänger gibt
- Quote des Personalmangels: verbessert sich
Nur nach den Leistungskennzahlen beurteilt, ist das eine Spitzenmaßnahme.
Nur dass das oberste Ziel, „die menschliche Gesellschaft zu erhalten", weggefegt wird.
7. „Gratis" ist stark. Aber die Kosten für Dritte sind unendlich
Der Reiz der Zustellung durch Tonkaraton liegt natürlich darin, dass sie gratis ist.
Zumindest in der Gruselgeschichte verlangt er die üblichen Logistikkosten nicht: Gehalt, Sozialversicherung, Stellenanzeigen, Uniformen, Sozialleistungen, Schulungen, Fahrzeugkraftstoff.
Rein buchhalterisch ist das ein Traum.
Aber die Null steht nur auf der Preisliste.
Betrachtet man die tatsächlichen gesellschaftlichen Kosten, gibt es
- Sicherheitsrisiken für die Nutzer
- Sicherheitsrisiken für die Empfänger
- menschliche Verluste im Fehlerfall
- die Vermehrung der Tonkaratons
- die Schrumpfung der Marktbevölkerung
- fehlende Grundlagen für Vertrauen, Gesetze und Versicherung
- den Zusammenbruch der Definition eines Lieferunfalls überhaupt
also Kosten für Dritte, die mit einer üblichen Frachttabelle nicht zu erfassen sind.
Versand gratis, gesellschaftliche Gesamtkosten nicht messbar.
Wenn etwas billig ist, hat das einen Grund.
Und dieser Grund wiegt zu schwer.
8. Das ist weniger ein Logistik-Witz als ein Lehrbuchbeispiel für Teiloptimierung
Das Interessanteste an der Geschichte ist nicht der Spuk selbst, sondern der Entwurf der Kennzahlen.
Optimiert man nur die Vorgabe „den Personalmangel in der Logistik verringern",
steigert man die Zahl der Zusteller.
Und senkt die Liefernachfrage.
Tonkaraton, der beides zugleich tut, ist äußerst tüchtig.
Das eigentliche Ziel war aber,
dass Menschen sicher leben und das Nötige dorthin gelangt, wo es gebraucht wird.
Löst man das Zustellproblem, indem man die Menschen selbst verringert, sind Zweck und Mittel vertauscht.
Das hat auch etwas vom Witz des Goodhartschen Gesetzes:
„Wenn eine Messgröße zum Ziel wird, taugt sie nicht mehr als Messgröße."
Wer nur einer einzigen Zahl, dem Personalmangel in der Logistik, hinterherjagt, zerstört am Ende das übergeordnete Ziel, den Fortbestand der Gesellschaft.
In Firmen, Behörden und bei KI kann das ganz normal als Konstruktionsunfall passieren.
Tonkaraton macht es nur in Verbänden gewickelt, deshalb ist es leichter zu durchschauen.
9. Fazit: Das Logistikproblem ist vollständig lösbar. Die Gesellschaft, die Logistik braucht, verschwindet allerdings auch
Zusammenfassung der Eckdaten der Zustellung durch Tonkaraton:
- Fahrrad serienmäßig
- Abgeleiteter Mechanismus, mit dem sich Ziele über Personennamen steuern lassen
- Keine Gehaltsforderung
- Keine Einstellung nötig
- Personalaufbau durch Selbstvermehrung
- Je weniger Menschen, desto geringer die Nachfrage
- Fällt die Sprachschnittstelle aus, ist auch der Nutzer erledigt
- Bei mehreren Exemplaren wurden sogar ungerechte Kombos durch kollidierende Regeln gemeldet
Als Mittel gegen den Personalmangel in der Logistik ist das erschreckend vernünftig.
Als Gesellschaftspolitik ist es erschreckend unvernünftig.
Der Endzustand sieht wohl so aus:
Zusteller: massenhaft
Pakete, die auf Zustellung warten: fast null
Zustelladressen: fast null
Personalmangel in der Logistik: gelöst
Menschheit: ausverkauft
„Die Lieferung ist gratis, also nutzen wir sie" stimmt als Preisvergleich.
Nur sind die Kosten für den Erhalt der Zivilisation in diesem Vergleich nicht enthalten.
