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Bei der Abstimmung von JR East über die neue Suica-Figur steht eine herrlich seltsame Frage:

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Warum soll Suica-Kandidat B gewinnen, obwohl er etwas unheimlich wirkt? Das lila Kaninchen und der „Myaku-Myaku-Effekt“

Bei der Abstimmung von JR East über die neue Suica-Figur steht eine herrlich seltsame Frage:

„Welche Figur soll Sie in Ihrem Alltag begleiten?“

Dann sieht man Kandidat B.

Lila. Riesige Ohren. Ein fast ausdrucksloses Gesicht. Offiziell ist B ein Kaninchen, das den Stimmen seiner Umgebung zuhört und in die Zukunft springt.

Das Konzept ist nachvollziehbar.

Aber wenn eine lebensgroße Version nachts auf einer dunklen Straße mit voller Geschwindigkeit auf einen zurennen würde, fühlte sich das weniger nach „Begleitung im Alltag“ an. Wahrscheinlich würde man freiwillig das Viertel räumen.

Möchte man B jeden Tag im Portemonnaie oder in der Tasche haben? Vielleicht nicht unbedingt. Eine lebensgroße Figur mitten in der Nacht im Hausflur? Ziemlich erschreckend.

Und trotzdem entsteht dieser merkwürdige Gedanke:

„Ich will wirklich, dass dieses Ding gewinnt.“

Genau das macht B interessant. Die Figur gewinnt Sympathie nicht auf dem üblichen Weg einer niedlichen Unternehmensmascotte.

1. Offiziell ist B kein Monster, sondern ein Kaninchen, das in die Zukunft springt

Zuerst die Fakten.

JR East bezeichnet B ausdrücklich als Kaninchen. Es soll Suica als etwas darstellen, das über Transport hinausgeht, Menschen, Städte und Zukunft verbindet, auf die Umgebung hört und nach vorn springt.

Auch das Lila hat eine offizielle Begründung.

Blau steht für Sicherheit und reibungslose Bewegung, Rot für Spannung und Begeisterung. Beides gemischt ergibt Lila.

Die offizielle Formel ist also ausgesprochen optimistisch:

Sicherheit + Begeisterung = lila Kaninchen. Ab in die Zukunft.

Menschen sehen allerdings zuerst das Bild und lesen erst danach das Designkonzept.

Direkt nach der Vorstellung wurden Reaktionen in sozialen Medien berichtet, in denen B als unheimlich oder kaum als Kaninchen erkennbar beschrieben wurde. Andere fanden gerade diese Seltsamkeit reizvoll, bezeichneten B als „seltsam süß“ oder verglichen die Wirkung mit Myaku-Myaku.

Damit geriet B auf einen Weg, den Unternehmensmaskottchen selten nehmen:

Unheimlich → interessant → Meme → wieder gesehen → plötzlich irgendwie liebenswert.

2. Die Formulierung „im Alltag begleiten“ wird mit B unfreiwillig komisch

Die Abstimmungsseite erklärt, dass Suica sich von einem Transport- und Bezahlmittel zu einem umfassenderen „Gerät für den Alltag“ entwickeln soll. Deshalb sollen die Nutzer eine Figur wählen, die sie gern im täglichen Leben an ihrer Seite hätten.

Die Markenbotschaft ist ernst gemeint.

B verändert den Satz allerdings sofort.

Begleitung im Alltag.

B steht im Eingangsbereich.

B steht im Flur.

Um zwei Uhr morgens holt man Wasser aus dem Kühlschrank und B steht daneben.

B steht vor dem Fenster.

Das ist vielleicht etwas zu viel Nähe.

Weil B nahezu ausdruckslos ist, kann eine lebensgroße Version weniger wie ein freundliches Maskottchen und mehr wie eine Präsenz wirken, deren Absichten niemand lesen kann.

Das Gefühl lautet dann:

„Ich mag dich. Aber bitte nicht so nah.“

Gleichzeitig möchte man B unbedingt auf riesigen Bahnhofswerbungen oder als offizielles Kostüm sehen.

Dieser Widerspruch ist Teil seiner Stärke.

3. Wenn B plötzlich lächeln würde, sähe das womöglich noch verdächtiger aus

Der neutrale Gesichtsausdruck leistet bei B erstaunlich viel.

Bei normalen Maskottchen bedeutet ein Lächeln Sicherheit.

Wenn B plötzlich lächeln würde, könnte die Reaktion genau umgekehrt sein:

„Moment. Was wurde gerade beschlossen?“

„Was passiert jetzt gleich?“

Natürlich gehört das nicht zur offiziellen Hintergrundgeschichte, sondern ist ein Witz, den das Design selbst erzeugt.

Gerade darin zeigt sich aber seine Stärke. Ausdruckslos ist B schon komisch. Mit einem Lächeln wirkt es verdächtig. Wenn es auf die Kamera zuläuft, wird es fast zur urbanen Legende. Eine kleine Änderung der Pose erzeugt sofort eine neue Geschichte.

B besitzt Leerraum, den Betrachter automatisch mit eigenen Erzählungen füllen wollen.

4. „Einmal gesehen, nie vergessen“ ist bei einer Abstimmung ein echter Vorteil

Neben A und C fällt B durch seine lila Farbe und Silhouette deutlich auf.

In der Psychologie ist der von-Restorff-Effekt, auch Isolationseffekt genannt, bekannt: Ein Element, das sich in einem Merkmal deutlich von seiner Umgebung abhebt, wird häufig besser erinnert.

Das bedeutet nicht „auffällig = beliebt = Wahlsieger“.

Aber bevor jemand für eine Figur abstimmt, muss er sich an sie erinnern.

Details von A oder C können verschwimmen, während im Gedächtnis bleibt:

„das lila Ding.“

B kann beim ersten Eindruck Punkte verlieren und gleichzeitig etwas anderes gewinnen: Es lässt sich schwer vergessen.

5. Was zuerst unheimlich ist, kann durch Wiederholung sympathischer werden — aber das ist keine Magie

Ein weiteres passendes Konzept ist der Mere-Exposure-Effekt.

Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2017 untersuchte 268 Kurvenschätzungen aus 81 Arbeiten und fand insgesamt einen positiven Zusammenhang zwischen wiederholter Darbietung und Gefallen, aber auch einen umgekehrt U-förmigen Anteil. Endlose Wiederholung garantiert also nicht endlos steigende Sympathie.

Trotzdem ist folgende Entwicklung plausibel:

„Unheimlich“ → im Meme wiedersehen → Fan-Art sehen → offiziell wiedersehen → „Moment… ist das vielleicht doch süß?“

Interessant ist, dass B nicht jedes Mal identisch wiederholt wird. In sozialen Medien taucht die Figur in neuen Posen, Situationen und Witzen auf; jede Begegnung fügt eine neue Interpretation hinzu.

Schon am Tag nach der Vorstellung wurde berichtet, dass Fan-Art die Stimmung veränderte. Menschen schrieben, alle drei Kandidaten wirkten inzwischen niedlich oder dass sie ihren Charme erst beim eigenen Zeichnen verstanden hätten.

B ist vielleicht keine Figur, die beim ersten Blick universell süß wirkt. Vielleicht wächst ihre Bedeutung mit jeder Begegnung.

6. Das fühlt sich stark nach dem Myaku-Myaku-Phänomen an — aber das Auswahlverfahren ist anders

Der Vergleich mit Myaku-Myaku, der offiziellen Figur der Osaka-Kansai Expo, liegt nahe.

Ein ungewohntes Design erzeugt zunächst starke Reaktionen. Durch häufige Sichtbarkeit und Fan-Werke wird aus „Was ist das?“ irgendwann „Irgendwie mag ich es.“

Das Auswahlverfahren war allerdings anders.

Myaku-Myakus Design wurde aus 1.898 Einsendungen auf drei Finalisten reduziert. Danach gingen 40.704 öffentliche Stellungnahmen ein, und ein abschließendes Auswahlkomitee bestimmte den Gewinner.

Es war keine einfache öffentliche Abstimmung nach dem Prinzip „die meisten Stimmen gewinnen“.

Bei Suica ist die Regel anders: JR East erklärt, dass nach Prüfung und Auszählung die Figur mit den meisten Stimmen zum neuen Suica-Charakter wird.

Falls B gewinnt, wäre die Geschichte deshalb besonders schön:

Eine ungewöhnliche Figur, die dem Internet ähnlich wie Myaku-Myaku langsam ans Herz gewachsen ist, erhält diesmal tatsächlich durch die höchste Stimmenzahl den offiziellen Job.

7. Selbst der Hinweis auf hohen Website-Traffic lässt das Ganze wie eine echte Wahl wirken

JR East warnt, dass konzentrierte Zugriffe dazu führen können, dass das Abstimmungsformular zeitweise schwer erreichbar ist.

Eigentlich wird nur ein Suica-Maskottchen gewählt, trotzdem braucht die Seite einen Hinweis auf Serverlast.

Allein das verleiht der Sache überraschend viel Wahlkampf-Atmosphäre.

Eine Unterscheidung ist allerdings wichtig:

Hoher Traffic beweist nicht, dass B-Fans den Server überrennen.

Auch A-Wähler, C-Wähler, Fans des bisherigen Suica-Pinguins und neugierige Besucher erzeugen Zugriffe. JR East veröffentlicht keine Zwischenstände, daher lässt sich weder behaupten, B liege derzeit auf Platz eins, noch dass B die tatsächliche Abstimmung dominiert.

Sagen lässt sich nur, dass B online auffällig viel Aufmerksamkeit erzeugt und die Abstimmung insgesamt viel Interesse weckt.

Eine friedliche Maskottchenwahl mit Überlastungshinweis bleibt trotzdem ein ziemlich gutes Bild.

8. Vielleicht will man B nicht im eigenen Haus. Aber man möchte die Welt sehen, in der JR East B wirklich gewählt hat

Das Gefühl gegenüber B lässt sich in einem Satz zusammenfassen:

„Du musst nicht bei mir zu Hause sein. Aber bitte sei bei Suica.“

Ein lebensgroßes B im Haus könnte erschrecken.

B, das nachts auf einen zurennt, wäre noch schlimmer.

Ein lächelndes B könnte aussehen, als wüsste es etwas, das man selbst nicht weiß.

Und trotzdem möchte man die Zukunft erleben, in der dieses lila Kaninchen auf Bahnhofspostern, Karten, Merchandise, riesigen Installationen und offiziellen Kostümen auftaucht.

Das ist etwas anderes als „süß, deshalb möchte ich es besitzen“.

Es ist eher:

„Ich möchte sehen, was passiert, wenn ein großer Bahnkonzern diese Kreatur ernsthaft als offizielles Gesicht betreibt.“

Vielleicht stimmt man nicht nur für die Figur ab, sondern auch für das kulturelle Phänomen, das danach entstehen könnte.

9. Abstimmung bis 23. September, 23:59 Uhr; Ergebnis am 18. November

Die Abstimmung läuft vom 8. September bis zum 23. September 2026 um 23:59 Uhr. Pro Person ist eine Stimme erlaubt. Teilnehmen kann jeder, der den Regeln zustimmt und die Pflichtfelder ausfüllt; Alter, Geschlecht, Beruf und Nationalität spielen keine Rolle.

Der Kandidat mit den meisten gültigen Stimmen wird die neue Figur. Das Ergebnis soll am 18. November, dem Jahrestag der Einführung von Suica, bekannt gegeben werden. Der bisherige Suica-Pinguin verabschiedet sich am 31. März 2027, der Nachfolger übernimmt am 1. April 2027.

Der Gewinner steht also noch nicht fest.

Aber B hat bereits eines bewiesen:

Unheimlich zu wirken ist nicht automatisch ein Nachteil, wenn gerade das Unheimliche selbst zum Inhalt wird.

Das Formular fragt erneut:

„Welche Figur soll Sie in Ihrem Alltag begleiten?“

Beim Blick auf B könnte die Antwort lauten:

Du musst nicht zu mir nach Hause kommen. Werde einfach das Gesicht von Suica.


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Verfasst von

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