Man mag RPGs und sucht deshalb nach den aktuell bestbewerteten Titeln.
Früher oder später taucht Baldur’s Gate 3 auf.
Die Wertungen sind enorm. Die Auszeichnungen ebenfalls. Die Freiheit wirkt gewaltig. Je mehr man liest, desto verständlicher wird, warum das Spiel als wichtiges Werk der jüngeren RPG-Geschichte gilt.
Dann kommen die Begriffe.
D&D fünfte Edition. Attribute. Fertigkeiten. Beherrschungen. Würfelproben. Zauberplätze. Rettungswürfe. Fraktionen. Dialogverzweigungen. Positionierung. Umweltinteraktionen. Klassenkombinationen.
Und plötzlich entsteht ein einfacher Gedanke:
„Ich glaube sofort, dass das großartig ist. Ich weiß nur nicht, ob ich das alles gerade lernen möchte.“
Das bedeutet nicht, dass die Bewertungen falsch sind. Es bedeutet auch nicht, dass man RPGs plötzlich nicht mehr mag.
Es bedeutet nur: Qualität und persönliche Passung sind zwei verschiedene Variablen.
1. Ein Spiel mit 96 Punkten macht den eigenen Spielspaß nicht automatisch zu 96 Punkten
Wertungen und Rankings sind nützlich.
Sie helfen dabei zu erkennen, ob ein Spiel ausgereift ist, ob sein Design breite Zustimmung findet und ob Geschichte, Kampf, Musik oder Systeme viele Spieler überzeugt haben.
Ein Ranking misst aber vor allem, wie hoch ein Werk bewertet wird.
Es misst nicht, worauf man heute Abend Lust hat.
Das beste Sushi-Restaurant der Stadt verliert trotzdem, wenn man heute unbedingt Curry essen möchte.
Bei Spielen ist es genauso.
Game of the Year ist kein Partnervermittlungsdienst.
2. BG3 hat sehr gute Gründe für seinen Ruf
Baldur’s Gate 3 spielt in der Welt von Dungeons & Dragons und nutzt rundenbasierte Kämpfe auf Basis des D&D-5e-Regelwerks. Larian betont die Freiheit zu erkunden, zu experimentieren, mit der Welt zu interagieren und das Abenteuer durch Entscheidungen zu formen.
Die Stärke besteht nicht einfach aus einer „guten Geschichte“.
Man kann:
- Probleme im Gespräch lösen,
- kämpfen,
- schleichen,
- erhöhte Positionen nutzen,
- Objekte manipulieren,
- mit Charakterfähigkeiten neue Lösungen öffnen,
- Verbündete und Feinde wählen,
- und später mit den Folgen der eigenen Entscheidungen leben.
Je besser man die Regeln versteht, desto mehr Möglichkeiten erkennt man.
Je mehr man nachdenkt, desto stärker reagiert das Spiel.
Oft sucht man nicht nach einer einzigen vorgesehenen Lösung, sondern versucht, die eigene Lösung innerhalb der Welt funktionieren zu lassen.
Das ist starkes Design.
Der Ruf ist nachvollziehbar.
3. Genau diese Stärke kann den Einstieg schwer machen
Hier liegt der Haken.
Die Freiheit von BG3 bedeutet auch, dass viele Systeme umso interessanter werden, je besser man sie versteht.
Man betrachtet Attribute, Fertigkeiten, Zauber, Ausrüstung, Dialogoptionen, Höhenunterschiede, Gegnerpositionen, Oberflächen und manchmal ein verdächtiges Fass mit dem Gedanken: „Das explodiert doch bestimmt.“
Für den passenden Spieler ist das ein Festmahl.
Aber manchmal möchte man ein RPG beginnen und nicht den Endbosskampf gegen das Handbuch starten.
Die sinnvolle Schlussfolgerung lautet nicht: „Komplexe Spiele sind schlecht.“
Sondern:
„Das ist gerade nicht die Art von geistiger Belastung, die ich möchte.“
4. Clair Obscur: Expedition 33 kommt aus einer anderen Richtung
Clair Obscur: Expedition 33 ist ebenfalls ein sehr hoch bewertetes RPG, aber der Einstieg funktioniert anders.
Die Entwickler bezeichnen das Kampfsystem als reaktives Rundenkampfsystem.
Im eigenen Zug wählt man Befehle wie in einem klassischen RPG. Greift der Gegner an, bleibt man jedoch aktiv: Ausweichen, Parieren und Kontern geschehen in Echtzeit. Auch eigene Angriffe können Timing-Eingaben enthalten, und mit freiem Zielen lassen sich Schwachpunkte treffen.
Kurz gesagt:
Nachdenken wie im Rundenkampf. Ausführen mit dem Gefühl eines Actionspiels.
Die Freude an der Planung des nächsten Schritts bleibt erhalten.
Der gegnerische Zug wird aber nicht automatisch zur Erlaubnis, aufs Handy zu schauen.
Für Spieler, die Rundenkämpfe mögen und trotzdem direkt eingreifen möchten, ist diese Mischung attraktiv.
5. Auch die Welt setzt ihren Haken sehr schnell
Die Grundidee ist sofort verständlich.
Einmal im Jahr malt die Paintress eine Zahl auf einen riesigen Monolithen.
Menschen in diesem Alter oder darüber verschwinden.
Die Zahl sinkt jedes Jahr.
Als Nächstes kommt „33“.
Deshalb bricht Expedition 33 auf, um die Paintress zu töten.
Die von Frankreichs Belle Époque inspirierte Fantasy-Welt sorgt zudem sofort für eine eigene visuelle Identität.
Bevor man zwanzig Eigennamen gelernt hat, weiß man bereits, warum die Reise beginnt.
Das ist ein großer Vorteil beim Einstieg.
6. Auch im September 2026 waren die Bewertungen extrem stark
Bei einer Prüfung auf Steam am 27. September 2026 hatte Clair Obscur: Expedition 33 ungefähr 91–92 % positive aktuelle Rezensionen. Die englischen Rezensionen lagen bei über 100.000 mit ungefähr 96 % positiven Stimmen; die japanischen Rezensionen bei etwa 85 % positiv.
Baldur’s Gate 3 blieb ebenfalls außergewöhnlich: ungefähr 95 % positive aktuelle Rezensionen und 96 % positive Stimmen bei rund 450.000 englischen Rezensionen.
Interessant ist nicht nur, dass beide Spiele hervorragend bewertet sind.
Interessant ist, dass zwei Spiele im gleichen Bereich „außergewöhnlich positiv“ liegen können und trotzdem völlig unterschiedliche Dinge vom Spieler verlangen.
Die Zahlen passen in dieselbe Tabelle.
Die geistigen Kosten nicht.
7. Fünf Arten von Belastung sind hilfreicher als eine einzige Punktzahl
1. Regellast
Wie viel muss man verstehen, bevor das Spiel richtig interessant wird?
In BG3 erweitert Regelverständnis die Freiheit.
Expedition 33 besitzt ebenfalls einen tiefen Charakteraufbau, aber die grundlegende Kampfschleife ist schneller sichtbar.
2. Eingabelast
Möchte man langsam planen, schnell reagieren oder beides?
Expedition 33 verbindet Befehlsauswahl mit Verteidigung in Echtzeit.
3. Dialog- und Erkundungslast
Wie zentral sollen Gespräche, Entscheidungen und explorative Problemlösung sein?
In BG3 ist Reden ein Teil der Mechanik.
4. Freiheitslast
Mehr Freiheit ist nicht automatisch besser.
Hundert Optionen bedeuten auch die Arbeit, aus hundert Optionen auszuwählen.
Freiheit ist köstlich, aber wenn die Speisekarte zum Telefonbuch wird, dauert schon die Bestellung.
5. Wiedereinstiegslast
Wie schnell findet man nach einer Woche Pause zurück?
Wenn man Charakteraufbau, Verbündete, Aufgaben und alte Pläne rekonstruieren muss, steigt der Wiedereinstiegsaufwand.
Für viele Erwachsene ist der wahre Endboss kein Drache.
Sondern: „Was habe ich letztes Mal eigentlich gemacht?“
8. Rankings als Kandidatengeneratoren nutzen, nicht als Kaufknöpfe
Eine bessere Methode:
- Kandidaten aus den oberen Plätzen sammeln,
- fünf Minuten Kampf ansehen,
- etwas vom Anfang anschauen,
- negative Rezensionen lesen,
- prüfen, ob deren Kritik für einen selbst wirklich ein Nachteil ist.
Negative Rezensionen sind besonders nützlich.
„Zu viele Dialoge“ kann wie eine perfekte Empfehlung klingen.
„Parieren ist zu wichtig“ kann genau das sein, worauf man gewartet hat.
Nicht nur positive und negative Stimmen zählen.
Entscheidend ist, worauf die Person eigentlich reagiert.
9. BG3 und Expedition 33 sind keine Stufen, sondern zwei verschiedene Türen
| Gewünschtes Erlebnis | Natürlichere Richtung |
|---|---|
| Die Welt durch Dialoge und Entscheidungen verändern | BG3 |
| D&D-Regeln und Charakteraufbau vertiefen | BG3 |
| Taktik schon vor Kampfbeginn planen | BG3 |
| Eine RPG-Reise mit schnell verständlichem Ziel | Expedition 33 |
| Rundenkampf mit aktiver Reaktion auf Gegner | Expedition 33 |
| Ausweichen und Parieren innerhalb eines RPG | Expedition 33 |
| Ein schneller visueller, musikalischer und erzählerischer Haken | Expedition 33 |
Wenn BG3 zu schwer wirkt, bedeutet das nicht, dass RPGs nichts für einen sind.
Wenn Expedition 33 leichter zugänglich wirkt, bedeutet das nicht, dass es oberflächlich ist.
Die Komplexität sitzt einfach an anderen Stellen.
10. Eine hohe Wertung ist kein Befehl zu spielen
Wenn ein überall gelobtes Spiel nicht sofort anspricht, muss man den eigenen Geschmack nicht anzweifeln.
Wertungen sind Qualitätssignale.
Passung beschreibt, wie gut das Erfahrungsdesign zu einem selbst passt.
Das sind unterschiedliche Dinge.
Man kann über BG3 lesen und denken: „Das klingt unglaublich, aber heute nicht.“
Und danach Expedition 33 sehen und denken: „Das möchte ich ausprobieren.“
Das ignoriert Bewertungen nicht.
Es nutzt Rankings sinnvoll: gute Kandidaten finden, ihr Design ansehen und dann die Erfahrung wählen, die man wirklich möchte.
Das bestplatzierte RPG ist nicht unser König.
Es hat keine Herrschaft über unsere nächsten hundert Stunden.

