„Ich habe keine Lust auf Arbeit!“ Und trotzdem sitzt jemand spätabends vor einem KI-Tool und verfolgt gespannt, wie ein 404-Fehler behoben wird. Der Witz: Die Nachtschicht macht vor allem die KI.
Feierabend für die Arbeit, Startschuss für das Hobby
Nach Feierabend entsteht eine Idee für eine Webseite, ein kleines Spiel oder ein automatisiertes Werkzeug. Die KI soll einen Prototyp bauen, danach wird getestet, der Besucherverlauf betrachtet und weiter verbessert. Viel Geld bringt das Projekt bislang nicht. Aber der Weg dorthin macht Spaß, und niemand muss einen dazu auffordern.
Eines Abends meldet die Seite einen 404-Fehler. „Bitte beheben“, lautet der Auftrag an die KI. Eigentlich wollte der Mensch nur kurz den Fortschritt anschauen. Hat sie die Ursache gefunden? Klappt der nächste Versuch? Plötzlich ist der Fehler ein Endgegner, die KI das Teammitglied und der Mensch der Taktiker auf dem Sofa.
Die Pointe: Der Mensch darf schlafen gehen
Hier tippt nicht unbedingt jemand stundenlang selbst Code. Die KI versucht Änderungen, der Mensch legt Ziele fest, trifft Entscheidungen und prüft die Ergebnisse. Wenn er müde wird, geht er schlafen. Am Morgen wartet vielleicht ein fertiger Lösungsversuch. Als hätte eine Spielfigur über Nacht Erfahrungspunkte gesammelt.
„Erledigt“ im Chat ist allerdings noch kein Qualitätsnachweis. Die echte Seite muss geladen, der Fehler erneut getestet und die übrige Funktion überprüft werden. Ausführung delegieren und Verantwortung für das Ergebnis behalten passen zusammen.
Warum fühlt sich das wie Spielen an?
Ein selbst gewähltes Projekt vermittelt Selbstbestimmung. Eine gelungene Reparatur stärkt das Gefühl, etwas zu können. Zeit für nahestehende Menschen erfüllt das Bedürfnis nach Verbundenheit. In der Selbstbestimmungstheorie gelten genau diese drei Bereiche als wichtig für Motivation und Wohlbefinden.
Eine Metaanalyse zu Arbeitsplätzen fand zudem einen Zusammenhang zwischen unterstützenden Führungskräften und selbstbestimmter Arbeitsmotivation. Das sind allgemeine Forschungsergebnisse, keine Diagnose über eine einzelne Person, die einer KI beim Coden zusieht.
„Sei selbstständig, aber ändere bitte nichts“
Eine eintönige Aufgabe kann reizvoll werden, wenn man sie verbessern darf. Wird ein vorsichtiger Verbesserungsvorschlag dagegen als Angriff auf Autorität verstanden, verwandelt sich die Sachfrage in einen Machtkampf.
Gute Zusammenarbeit verlangt nicht, jede Idee anzunehmen. Grenzen durch Sicherheit, Kosten oder Termine können sinnvoll sein. Entscheidend ist, dass man über sie sprechen und gemeinsam nach Alternativen suchen kann.
Erfolg zählt – die Freude am Bauen auch
Mehr Besucher sind schön. Stagniert der Traffic, sucht man nach Ursachen und testet Verbesserungen. Ist kaum noch Potenzial da, wird eben ein anderes Spiel oder Werkzeug gebaut. Verschiedene Projekte zu verknüpfen kann Besuchern helfen, weitere interessante Inhalte zu entdecken.
Das Ergebnis ist eine Belohnung. Der Weg dorthin ebenfalls: neugierig sein, etwas erschaffen, Fehler finden, Lösungen ausprobieren. Auch ohne großen Umsatz kann das eine erfüllende Beschäftigung sein.
Es geht um Wahlfreiheit, nicht um ewigen Müßiggang
Ein reizvolles Leben könnte so aussehen: auf Reisen eine Idee haben, sie an die KI weitergeben, durch eine fremde Stadt spazieren und später das Ergebnis prüfen. Finanzielle Unabhängigkeit schafft die Möglichkeit, schlechte Arbeitsbedingungen abzulehnen und interessante Arbeit freiwillig fortzusetzen.
Nur die Grenze kennt jeder aus Videospielen: Wenn „nur noch ein Update“ regelmäßig Schlaf oder Zeit für geliebte Menschen verdrängt, ist eine Pause sinnvoll. Die KI darf Nachtschicht machen, der Mensch geht ins Bett.
Am Ende hat sich der selbst ernannte Arbeitsverweigerer ein erstaunliches Hobby ausgesucht: neue Aufgaben erfinden, sie an eine KI verteilen und ihr begeistert bei der Arbeit zusehen. Sehr beschäftigt, aber aus freien Stücken.
Quellen (4)
- Ryan und Deci (2000), Selbstbestimmungstheorie: https://doi.org/10.1037/0003-066X.55.1.68
- Slemp et al. (2018), Metaanalyse zur Autonomieunterstützung: https://doi.org/10.1007/s11031-018-9698-y
- Vallerand et al. (2010), Leidenschaft und Konflikte zwischen Arbeit und Leben: https://doi.org/10.1111/j.1467-6494.2009.00616.x
- CDC, Grundlagen zum Schlaf: https://www.cdc.gov/sleep/about/
