0. Kurz gesagt: nicht weil sie besonders gern in Gruppen sind, sondern weil Menschen, die sofort verstehen, selten und wertvoll sind
Warum landen Menschen, die tief in Anime, Games, Idols, Modellbau oder anderen Nischenhobbys stecken, so oft bei Gleichgesinnten?
Die einfache Antwort ist ziemlich normal: Mit jemandem zu reden, der den gleichen Hintergrund schon kennt, ist viel leichter.
Bei einer fremden Person muss man erst herausfinden, was sie weiß, was sie interessiert und wie viel man erklären muss. Zwei Menschen mit hundert Stunden im selben Spiel können direkt fragen: „Jeder Guide empfiehlt diese Waffe, aber ist sie im echten Kampf nicht viel zu langsam?“
Die Soziologie zeigt seit Langem, dass ähnliche Menschen leichter Beziehungen miteinander bilden. Je spezieller und tiefer ein Interesse wird, desto wertvoller ist jemand mit demselben Wissenshintergrund.
Es ist also weniger „Otakus laufen gern im Rudel“ als „dichte gemeinsame Sprache macht Verbindung billig“.
1. Ein gemeinsames Hobby senkt die Startkosten eines Gesprächs drastisch
Smalltalk verlangt überraschend viel unsichtbare Arbeit.
Worüber rede ich? Ist diese Frage komisch? Interessiert das die andere Person? Wie viel muss ich zuerst erklären?
Wenn beide dasselbe Spiel oder dieselbe Serie kennen, fällt ein großer Teil davon weg.
„Auf dem Papier ist dieser Build stark, aber kommt er nicht viel zu langsam ins Rollen?“ „Genau. Die Werte sehen gut aus, aber gegen normale Gegner ist er umständlich.“
In zwei Sätzen sieht man Wissensstand, Spielstil und Prioritäten.
Ein gemeinsames Hobby ist nicht nur ein Thema. Es ist Kontextkompression: Dutzende Stunden Vorwissen passen in wenige Wörter.
2. Dass ähnliche Menschen sich verbinden, ist kein Otaku-Sonderfall
Eine große soziologische Übersicht von 2001 fasste ein Muster namens Homophilie zusammen: Ähnliche Menschen bilden über Freundschaft, Arbeit, Informationsaustausch und viele andere Bereiche hinweg leichter Beziehungen.
Das passiert genauso bei Fußball, Angeln, Autos, Investieren, Fotografie oder Fitness.
Otaku-Hobbys haben nur ungewöhnlich viel gemeinsam teilbares Material: Figuren, Lore, Folgen, Mechaniken, Strategien, Events, Memes und Fanwerke.
Darum kann aus „Ich mag das Spiel auch“ schnell werden:
„Moment, du hast diese versteckte Mechanik auch bemerkt?“
Je tiefer das Hobby, desto mehr fühlt sich die Gemeinsamkeit wie ein gemeinsamer privater Schlüssel an.
3. „Hier muss ich nicht alles erklären“ kann Zugehörigkeit schaffen
Forschung zu Geek-Kultur hat Zusammenhänge zwischen gemeinsamen Interessen, sozialen Beziehungen, erwarteter Akzeptanz und Geek-Identität gefunden.
Fandom-Forschung unterscheidet außerdem zwischen privatem Gefallen an einem Werk und der sozialen Seite des Fandoms. Einige Studien zeigen, dass Fan-Freundschaften und soziale Aktivitäten einen Teil des Zusammenhangs zwischen Fandom-Identifikation und psychischem Wohlbefinden erklären können.
Im Alltag ist das leicht zu verstehen.
In Schule oder Beruf kommen Fragen wie: „Was ist das überhaupt?“ „Spielst du das immer noch?“
In einer Fan-Gruppe muss man das Hobby nicht erst verteidigen, bevor man darüber sprechen darf.
Nicht alle kommen zusammen, weil sie einsam sind. Ein Ort ohne ständige Gebrauchsanweisung ist einfach angenehm.
4. Gruppen entwickeln auch ihren eigenen Ton
Das ist der Teil, den Außenstehende am schnellsten bemerken.
Mit der Zeit entstehen Insiderwitze, typische Reaktionen, Lautstärke, Lieblingsausdrücke und Wege zu zeigen: „Ich kenne das.“ Die Sozialpsychologie untersucht, wie Gruppennormen Verhalten und Kommunikation beeinflussen.
Eine Person redet normal. Freunde kommen dazu. Insiderwitze funktionieren. Die Reaktionen werden größer. Die größeren Reaktionen werden Teil des normalen Rhythmus.
Daraus folgt aber nicht, dass jeder Otaku ständig „WAS!? LOL“ ruft.
Der lauteste Stil fällt einfach stärker auf als der stille Fan.
5. Wichtiger als „auf die Meinung anderer achten“ ist, die eigene Intensität anpassen zu können
Menschen, die bestimmte Otaku-Gruppen nicht mögen, stören sich oft nicht an tiefem Wissen. Sie stören sich daran, dass jemand nicht reguliert.
Insiderwitze in voller Lautstärke an einem ruhigen Ort. Referenzen ohne Erklärung gegenüber jemandem, der sie nicht kennt. Ein zehnminütiger Monolog. Keine Reaktion darauf, ob die andere Person noch zuhören möchte.
Die sinnvolle Trennlinie ist nicht „normale Menschen gegen Otakus“.
Es geht darum, ob jemand seine Kommunikation an Ort und Person anpassen kann.
Auf einer Convention: volle Leistung. Im ruhigen Café: Lautstärke runter. Mit einem anderen Experten: tief rein. Mit einem Anfänger: zuerst einen Einstieg bauen.
Das Hobby wird nicht versteckt. Die Bandbreite wird angepasst.
6. Der „stereotype peinliche Otaku“ kann durch Beobachtungsverzerrung häufiger wirken
Sichtbare Fans sind keine Zufallsstichprobe aller Fans.
Die laute Person auf einem Event ist sichtbar. Wer zwanzigmal am Tag postet, ist sichtbar. Wer ständig in einem Server schreibt, ist sichtbar.
Wer 300 Stunden spielt, jeden Patch liest, die gesamte Lore kennt und nie postet, ist fast unsichtbar.
Forschung zu Online-Communities findet seit Langem große Gruppen von Menschen, die viel lesen und wenig schreiben. Gründe sind unter anderem kein Bedürfnis zu posten, die Gruppe erst beobachten zu wollen, schlechte Passung zur Gruppendynamik, wenig Zeit sowie Sorgen um Privatsphäre und Sicherheit.
Wer nur aktive Communities beobachtet, sieht zwangsläufig überproportional viele Menschen, die gern in Communities aktiv sind.
7. Der tiefste Fan kann zugleich der unsichtbarste sein
Expertise führt nicht automatisch zu Community-Teilnahme.
Jemand kann extrem viel wissen, große Gruppen anstrengend finden, oberflächliche Gespräche langweilig finden, bei Fremden vorsichtig sein und fast nie posten.
Von außen sieht diese Person nur aus wie „jemand, der ein bisschen spielt“.
Nun gibt es zwei solcher Menschen.
Insel A: „Niemand ist so tief drin wie ich.“ Insel B: „Dachte ich auch.“
Wenn keine Insel Rauch sendet, entdecken sie einander nie.
Die Inseln sind nicht leer. Die Bewohner laufen nur im Stealth-Modus.
8. Fazit: Otakus sind nicht besonders herdenorientiert; dichte gemeinsame Sprache macht Gruppierung einfach sehr effizient
Mehrere Faktoren lassen Otaku-Gruppen auffallen.
Gemeinsame Interessen erleichtern Gespräche. Ähnliche Menschen verbinden sich leichter. Es ist angenehm, das eigene Hobby nicht ständig erklären zu müssen. Gruppen entwickeln eigene Normen und Stile. Und tiefe, stille Fans sind kaum sichtbar.
„Otakus laufen immer im Rudel“ ist deshalb zu grob.
Genauer wäre:
„Je dichter das gemeinsame Wissen, desto schneller kann Verbindung entstehen; wer nicht teilnimmt, bleibt fast unsichtbar.“
Otakus sind keine andere Spezies.
Sie teilen nur absurd viel Kontext.
Normale Freundschaft kann Wi-Fi sein. Zwei Menschen mit jeweils 300 Stunden im selben Spiel hängen praktisch direkt am Ethernet-Kabel.
9. Verwendete Forschung
- McPherson, Smith-Lovin & Cook (2001), Birds of a Feather: Homophily in Social Networks.
- McCain, Gentile & Campbell (2015), A Psychological Exploration of Engagement in Geek Culture.
- Forschung zu Fan-Freundschaften, sozialen Fan-Aktivitäten und psychischem Wohlbefinden.
- Hogg & Reid (2006), Social Identity, Self-Categorization, and the Communication of Group Norms.
- Sun, Rau & Ma (2014), Understanding lurkers in online communities.
- Amichai-Hamburger et al. (2016), Psychological factors behind the lack of participation in online discussions.
