Der Kopf ein Forscher, der Körper eine Katze: Was passiert beim „Miau“ vor dem Schlafen?

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Der Plan für morgen steht. Auch für das, was einen beschäftigt hat, gibt es inzwischen eine halbwegs schlüssige Erklärung. Und trotzdem: Kaum ist das Licht aus, bleibt dieses unruhige Gefühl in der Brust, und unter der Bettdecke möchte man ein leises „Miau“ von sich geben. Es ist einer dieser Abende, an denen die Sitzung im Kopf vorbei ist, der Körper aber noch über den Flur streift.

Vielleicht hilft dann das Bild: „Der Kopf ist ein Forscher, der Körper eine Katze.“ Damit lässt sich der eigene Zustand womöglich etwas leichter betrachten. Es bleibt allerdings eine Metapher. Eine besondere schlaffördernde Wirkung von Katzenlauten beim Menschen ist nicht nachgewiesen. Interessant ist weniger, welches Wort man sagt, als vielmehr, was dabei mit Stimme, Atmung, Bettzeug und Aufmerksamkeit geschieht.

Was der Kopf geklärt hat und wie sich der Körper anfühlt, sind zwei Fragen

Die Antwort auf eine Nachricht ist verschickt, und man denkt: „Jetzt gibt es wirklich nichts mehr zu erledigen, worüber ich mir Sorgen machen müsste.“ Trotzdem können die Schultern angespannt oder das Zimmer zu warm sein. Wer daraus vorschnell folgert: „Ich habe es doch verstanden, also müsste ich sofort einschlafen“, bekommt gleich den nächsten Auftrag: sich selbst noch einmal zum Schlafen zu überreden.

Hier kommt die Katze ins Spiel. Statt ihr die Sicherheit des Schlafzimmers in einer Präsentation zu erläutern, wäre es vermutlich einfacher, das grelle Licht zu dimmen und nachzusehen, ob ihr Schlafplatz gemütlich ist. Auch Menschen können leichter entscheiden, was sie ausprobieren möchten, wenn sie konkret benennen, was gerade stört: die Sorge vor morgen, die Wärme am Hals oder der ständige Blick auf die Uhr. Dafür muss niemand seine Persönlichkeit als „Katzentyp“ einordnen.

Das „Miau“ braucht kein bestimmtes Organ als Empfänger

Wer leise einen Laut von sich gibt, hört die eigene Stimme, spürt eine Vibration im Hals und verändert dabei auch die Atmung. Wer die Decke zurechtrückt, verändert das Gefühl auf der Haut. Solche Veränderungen lassen sich einzeln beobachten. Daraus lässt sich aber nicht unmittelbar ableiten: „Dieser Laut hat den Vagusnerv stimuliert und dem Gehirn Sicherheit signalisiert.“

Zum Vergleichen reichen Beschreibungen wie: „Mit einem Laut lasse ich mir beim Ausatmen mehr Zeit“, „Ohne Stimme ist es angenehmer“ oder „Wenn ich auf meine Brust achte, fällt mir die Unruhe erst recht auf“. Was beruhigt, ist von Mensch zu Mensch verschieden. Ein Katzenlaut, gewöhnliches Summen oder Stille sind gleichermaßen mögliche Optionen. Auch eine Hand auf Brust oder Bauch zu legen, gehört nicht zum Pflichtprogramm.

Forschung über langsames Atmen ist kein Einschlafversuch mit Katzenlauten

In einer Studie von You und Kollegen aus dem Jahr 2021 atmeten 59 Personen unter Versuchsbedingungen im Tempo von sechs Atemzügen pro Minute. Verglichen wurden Zeitspannen von 5, 10, 15 und 20 Minuten sowie eine Kontrollbedingung ohne vorgegebenes Atemtempo. Während des langsamen Atmens war RMSSD, ein Maß für die Schwankungen der Zeitabstände zwischen aufeinanderfolgenden Herzschlägen, höher als unter der Kontrollbedingung. Zwischen den verschiedenen Übungsdauern zeigte sich bei diesem Wert hingegen kein Unterschied.[1]

Das Ergebnis lautet also nicht: „Fünf Minuten miauen, dann schläft man ein.“ Gemessen wurde ein Kennwert der Herzratenvariabilität, weder die Zeit bis zum Einschlafen noch die Wirkung von Katzenlauten. Ebenso wenig lässt sich daraus schließen, dass länger immer besser ist oder man das Ausatmen bis an die eigene Grenze verlängern sollte. Wer etwas ausprobieren möchte, bleibt bei einer angenehmen Atmung, ohne den Hals anzuspannen oder fortwährend besonders tief einzuatmen. Bei Schwindel oder Atemnot aufhören.

Das Schnurren echter Katzen ist auf andere Weise spannend

Wie schafft es der Kehlkopf einer Katze, einen so tiefen Ton zu erzeugen? Herbst und Kollegen leiteten in einem Experiment von 2023 Luft durch die entnommenen Kehlköpfe von acht Katzen. Dabei entstanden tiefe Töne in einem schnurrähnlichen Frequenzbereich, auch ohne Nervenimpulse oder Muskelkontraktionen. Welche Rolle Nerven und Muskeln beim Schnurren lebender Katzen spielen, lässt sich mit diesem Experiment allein allerdings nicht vollständig erklären.[2]

Die Studie zeigt, wie überraschend die Mechanik der Lauterzeugung sein kann. Sie belegt weder, dass Menschen durch Nachahmen besser gegen Schlaflosigkeit ankommen, noch dass bestimmte Schwingungen Organe heilen. Wer sich etwas von der Katze abschauen möchte, braucht ihre Frequenzen nicht möglichst genau nachzubauen. Das entspannte Bild „Ich darf mir einen gemütlichen Platz suchen“ genügt völlig.

Beim Dimmen des Lichts geht es um die innere Uhr und um Behaglichkeit

Zum Zusammenhang zwischen abendlichem Licht und der inneren Uhr gibt es Forschung. An einer kleinen Studie von Burgess und Kollegen aus dem Jahr 2014 nahmen acht gesunde Personen teil. Sie verbrachten jeweils eine Woche mit gedimmter beziehungsweise heller Beleuchtung zu Hause, beginnend vier Stunden vor ihrer üblichen Schlafenszeit. Nach der hellen Woche setzte der Anstieg des Melatonins im Durchschnitt etwa eine Stunde später ein als nach der dunkleren Woche.[3]

Damit ist nicht gezeigt, dass beim Dimmen sofort ein „Katzenmodus“ anspringt oder völlige Dunkelheit für alle ideal wäre. Manche Menschen fühlen sich bei gedämpftem Licht wohler; andere nehmen ihre Sorgen oder ihren Herzschlag umso stärker wahr, je ruhiger es wird. Vor dem Schlafen auf starkes Licht zu verzichten, lässt sich damit verbinden, Wege sicher auszuleuchten und eine Helligkeit zu wählen, bei der man sich wohlfühlt. Dunkelheit auszuhalten muss kein Wettkampf werden.

Lieber eine Sache verändern als noch ein Ritual einführen

Wer für heute Abend etwas ausprobieren möchte, benennt zuerst eine Sache, die stört. Bei Blendung wäre das die Beleuchtung, bei Wärme das Bettzeug, bei unerledigten Aufgaben im Kopf eine kurze Notiz. Wird alles gleichzeitig verändert, ist hinterher schwer zu erkennen, was angenehm war. Wer die Stimme ausprobieren möchte, kann bei vorhandener Schläfrigkeit ein leises „Mmm“ oder „Miau“ mit einem mühelosen Ausatmen verbinden.

Die Stimme nur kurz und so einsetzen, wie es sich angenehm anfühlt. Sobald man schläfrig wird, darf man aufhören, auch mitten in der Übung. Für die Zahl der durchgehaltenen Minuten gibt es keine Noten. Ist eine gewöhnliche Bettdecke gemütlich genug, braucht es keine zusätzliche schwere Decke. Das Gesicht frei lassen und den Körper nicht so fest einwickeln, dass das Atmen schwerfällt. Bei Wärme oder unangenehmem Druck das Bettzeug anpassen. Das ist kein als Behandlung etabliertes „Miau-Programm“, sondern ein Beispiel dafür, wie man kleine, wenig belastende Veränderungen auswählen kann.

Falls Gedanken wie „Ohne Laut kann ich bestimmt nicht einschlafen“ oder „Ich muss die richtige Anzahl schaffen“ neue Anspannung erzeugen, lohnt es sich, diese Regeln zu lockern. Eine beruhigende Gewohnheit sollte nicht zur zusätzlichen Prüfung vor dem Schlafen werden. Warum etwas geholfen hat, lässt sich auch am nächsten Tag untersuchen. Wenn die Katze gerade einschläft, muss man den Forscher nicht zurückrufen.

Wenn der Schlaf ausbleibt, gibt es mehr Möglichkeiten als weiterzumiauen

Wer wach liegt und zunehmend gereizt ist, muss sich nicht weiter mit Lauten bemühen. Das US-amerikanische National Heart, Lung, and Blood Institute stellt die Stimuluskontrolle als einen Ansatz bei Schlaflosigkeit vor: erst ins Bett gehen, wenn man schläfrig ist, und es vorübergehend verlassen, wenn man nicht schlafen kann. Wer sich sicher bewegen kann, könnte an einem anderen Ort etwas Ruhiges tun und erst ins Bett zurückkehren, wenn die Schläfrigkeit wiederkommt.[4]

Ärztlicher Rat ist sinnvoll, wenn anhaltende Einschlafprobleme den Alltag beeinträchtigen, wenn schon das Schlafengehen Angst macht oder wenn Laute auftreten, die sich nur schwer selbst unterbrechen lassen. Auch lautes Schnarchen und beobachtete Atemaussetzer im Schlaf sollte man nicht als bloße Einschlafgewohnheit abtun. Bei länger anhaltender Schlaflosigkeit wird üblicherweise die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie, kurz CBT-I, als erste Behandlungsoption empfohlen.[4]

Heute Abend geht es nicht um die Bestnote im Katzenhalten

Das Bild vom Forscher im Kopf und der Katze im Körper kann helfen, die eigene Wachheit nicht als Faulheit zu bewerten, sondern nach dem eigenen Wohlbefinden zu sehen. Wem die Katze als Bild nicht liegt, der kann sie einfach weglassen. Entscheidend ist herauszufinden, was Erleichterung bringt und was zusätzlich belastet.

Es darf Abende geben, an denen ein „Miau“ die Schultern lockert, und andere, an denen Nichtstun das Einschlafen leichter macht. Niemand muss jede Nacht dasselbe Ergebnis liefern. Das Licht dimmen, die Decke zurechtrücken und die Recherche für heute beenden: So ein kleiner Feierabend kann der Anfang einer Ruhepause sein.

[1] You, M. et al. (2021). Single Slow-Paced Breathing Session at Six Cycles per Minute: Investigation of Dose-Response Relationship on Cardiac Vagal Activity. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34886206/

[2] Herbst, C. T. et al. (2023). Domestic cat larynges can produce purring frequencies without neural input. https://doi.org/10.1016/j.cub.2023.09.014

[3] Burgess, H. J. & Molina, T. A. (2014). Home lighting before usual bedtime impacts circadian timing: a field study. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/24918238/

[4] NHLBI. Insomnia: Treatment. https://www.nhlbi.nih.gov/health/insomnia/treatment

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  • Inside of a dog (englische Ausgabe)

    Alexandra Horowitz / Thorndike Press / 2009

    Ein Buch über Haustiere, das Thema dieses Artikels.

  • Cat Sense (englische Ausgabe)

    John W. S. Bradshaw / Allen Lane / 2013

    Ein Buch über Haustiere, das Thema dieses Artikels.

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