An einem Werktagnachmittag habe ich in einem klassischen Hotel in Gamagori in der Präfektur Aichi Teppanyaki zu Mittag gegessen. Das Restaurant heißt "Rokkakudo" und gehört zum Hotel. Laut der offiziellen Website ist es ein Teppanyaki-Restaurant, in dem der Koch Rindfleisch und Meeresfrüchte direkt vor den Gästen grillt, und es gibt ein Mittagsangebot, das nur werktags gilt.
Nach dem Essen musste ich zur Toilette. Also sagte ich an der Rezeption: "Ich war gerade im Rokkakudo essen." Die Antwort kam sofort: "Selbstverständlich, bitte hier entlang."
Mehr war es nicht, und trotzdem fühlte ich mich auf seltsame Weise wie ein Wichtigtuer.
Ich war nicht mehr "jemand, der mal aufs Klo muss", sondern "jemand, der werktags mittags in einem klassischen Hotel Teppanyaki gegessen hat".
Und an meiner Tasche hängt auch noch ein Momonga-Plüschtier aus Chiikawa (einer in Japan extrem beliebten Comic- und Figurenreihe).
Ein Hotel mit Tradition. Mittagessen unter der Woche. Rokkakudo. Und Momonga.
Mein Charakterprofil steckt im Stau.
1. Wir erfinden aus Bruchstücken ein "Charakterprofil"
Wenn wir jemanden ansehen, bleiben wir nicht bei den tatsächlich beobachtbaren Fakten stehen.
"Werktags in einem vornehm wirkenden Hotel" → hat wohl viel Zeit → hat wohl auch viel Geld → hat wohl einen hohen sozialen Status → ist wohl gut im Job
Wir füllen sogar die Teile auf, für die es keinen Beleg gibt.
Das ist nicht reine Einbildung, sondern eher ein Grundmuster der sozialen Wahrnehmung. In einer Studie, die 2020 in Nature Human Behaviour erschien, wurde dasselbe Gesicht als kompetenter bewertet, wenn es Kleidung trug, die wohlhabend wirkte. Das Ergebnis wiederholte sich in 9 Studien, und der Effekt blieb sogar bestehen, wenn die Leute die Kleidung ignorieren sollten.
Auch wenn du also denkst "Kleidung spielt für mich keine Rolle", schreibt dein Gehirn trotzdem munter sein eigenes Charakterhandbuch.
2. Luxusgüter senden gleichzeitig "kompetent" und "irgendwie unsympathisch"
Die Forschung zum Luxuskonsum ist noch spannender.
Eine 2025 online veröffentlichte Studie fand, dass Menschen, die Luxusgüter nutzen, von Beobachtern als statushöher wahrgenommen und deshalb eher als fähig eingeschätzt werden. Zugleich ließen dieselben Luxusgüter aber auch vermuten, "die wollen wohl ihren Status zeigen", und senkten teils die Bewertung von Freundlichkeit und Wärme.
Ein Luxusgut kann also zwei Gedanken gleichzeitig auslösen:
- "Die Person wirkt erfolgreich."
- "Aber vielleicht ist sie ein bisschen angeberisch."
Im "Stereotype Content Model" der Sozialpsychologie werden ebenfalls zwei große Achsen genannt, nach denen wir Menschen beurteilen: competence (Fähigkeit, Tüchtigkeit) und warmth (Wärme, Freundlichkeit). Status hängt leicht mit der Einschätzung der Fähigkeit zusammen, und wer als konkurrierend wahrgenommen wird, wirkt oft weniger warmherzig.
Kurz gesagt: Ausstattung, die den Status hebt, hebt nicht automatisch auch die Sympathie.
3. Und dann plötzlich: Momonga
Hier beginnt der Momonga an der Tasche zu arbeiten.
Mit nur klassischem Hotel und Teppanyaki könnte im Kopf eines anderen eine Figur entstehen wie "jemand, der es sich leisten kann", "jemand, der im Job gut ist" oder "vielleicht reich".
Aber aus der Tasche ragt ein eigensinniger, dreister Momonga mit niedlichem Gesicht, der macht, was er will.
Plötzlich ist die Person schwer einzuordnen.
Das ist nichts Schlechtes. Im Gegenteil: Ein eintöniges Statussignal, das nur "Luxus" sagt, bekommt andere Informationen beigemischt, nämlich Hobby, Verspieltheit und Nahbarkeit.
Vornehmheit − Einschüchterung + Niedlichkeit + Rätselhaftigkeit.
Ein Markendesign, das niemand beabsichtigt hat.
Übrigens heißt es nicht, dass ich alles gutheiße, was Momonga tut, nur weil ich ihn mag. "Süß", "lustig", "Charakter ziemlich fragwürdig" und "es wäre fast unterhaltsam, wenn er endlich mal eins auf den Deckel bekäme" können gleichzeitig stimmen. Wenn man eine unsympathische fiktive Figur ins Herz schließt, muss man einen echten Menschen wie sie nicht gutheißen. Man genießt einfach, wie gut die Figur gebaut ist und welche Rolle sie in der Geschichte spielt.
4. Manche lesen Luxus als "reich", andere als "gibt bestimmt das Geld mit vollen Händen aus"
Dreht man die Perspektive um, wird es noch lustiger.
Beim Anblick einer teuren Uhr oder einer Designertasche denken manche "Der ist reich!", andere denken "Der gibt bestimmt zu viel Geld aus".
Dasselbe Signal, andere Deutung.
Wenn die beobachtende Person in der Vergangenheit immer wieder Folgendes erlebt hat:
"Besitzt viele Markenartikel" → die Person selbst: "Ich hab keine Ersparnisse (lach)"
dann lernt ihr Gehirn ganz natürlich "Luxus = Ausgaben" statt "Luxus = Vermögen".
Das ist eine A-priori-Wahrscheinlichkeit, die aus der eigenen Erfahrung entstanden ist. Mit anderen Worten: ein Bayes'sches Update im Kopf.
Erfährt sie später den Beruf und denkt "Ah, in dem Job verdient man gut", wird die Schätzung wieder angepasst.
Eines dürfen wir dabei aber niemals vergessen.
5. Vermögen und Gedanken anderer kann man nicht lesen!
Das Vermögen anderer Menschen sieht man von außen nicht.
Jemand, der eine Uhr für 300.000 Yen trägt, könnte sein:
- jemand mit 20 Millionen Yen Jahreseinkommen
- jemand mit 5 Millionen Yen Jahreseinkommen, der sich dafür verausgabt hat
- jemand, der sie 10 Jahre lang tragen will
- jemand, der sie günstig gebraucht gekauft hat
- jemand, der sie geschenkt bekommen hat
- jemand mit mehreren Dutzend Millionen Yen an Finanzvermögen
- jemand, der wirklich keinerlei Ersparnisse hat
Allein am Äußeren erkennt man das nicht.
Und was im Kopf vorgeht, ist noch weniger lesbar.
Die Person besitzt Markenartikel.
Bis hierhin ist es Beobachtung.
"Vielleicht will sie sich zeigen" ist eine Vermutung.
"Sie giert nach Anerkennung, ist eitel und verschwenderisch" ist schon Fanfiction.
In der Psychologie bezeichnet der "fundamentale Attributionsfehler" die Neigung, den Einfluss von Persönlichkeit und Einstellung auf das Verhalten anderer zu überschätzen und das Gewicht der jeweiligen Situation zu unterschätzen. Aus einem einzigen Luxusgegenstand die ganze Persönlichkeit abzuleiten, ist eine leichte Falle.
6. Sichtbar ist der Konsum, unsichtbar ist das Sparen
Es gibt noch eine Falle.
Das Auto, die Kleidung, die Reise und das Essen im Restaurant, die andere gekauft haben, sehen wir.
Aber "heute habe ich nichts gekauft", "diesen Monat 100.000 Yen zurückgelegt" oder "zu Hause still in Indexfonds investiert" sehen wir nicht.
Eine Studie des NBER (eines US-amerikanischen Wirtschaftsforschungsinstituts) stellt ein Modell vor, nach dem diese Sichtbarkeitsverzerrung, bei der Konsum auffällt und Nichtkonsum nicht, dazu führt, dass man glaubt, andere konsumierten mehr als tatsächlich, und dass dies auch das eigene Sparverhalten beeinflussen kann.
Die "reich wirkenden Leute", die wir beim Spaziergang durch die Stadt sehen, sind also von vornherein eine verzerrte Stichprobe.
Jemand mit 50 Millionen Yen Vermögen, der Uniqlo (eine japanische Kette für günstige Kleidung) trägt, zählt beim Vorbeigehen nicht als "Person mit 50 Millionen Yen".
Wer dagegen 30.000 Yen Ersparnisse hat und von Kopf bis Fuß in Marken gekleidet ist, fällt sofort auf.
Auffällige Menschen sind statistisch bloß leichter zu finden. Das heißt nicht, dass sie repräsentativ sind.
7. Man muss das Vermuten nicht lassen. Man darf Vermutungen nur nicht als Fakten behandeln
Menschen sind Wesen, die vermuten, deshalb ist "Ich werde nie wieder etwas über andere vermuten!" wohl unmöglich.
Praktisch ist es, im Kopf drei Stufen zu trennen.
Fakt: besitzt Markenartikel.
Vermutung: gibt vielleicht viel aus.
Charakterhandbuch: eitel, giert nach Anerkennung und hat wohl keine Ersparnisse.
Sobald du bei Stufe drei landest, merk einfach: "Huch, die Fanfiction hat angefangen."
Und dann nenne genau eine andere Erklärung.
"Vielleicht liebt sie einfach Uhren." "Vielleicht ist das für ihr Einkommen günstig." "Vielleicht ist es ein Andenken." "Vielleicht ist es gebraucht."
Dabei hörst du auf.
Vermögen und Gedanken anderer kann man nicht lesen!
8. Fazit: Jeder von uns führt ein inoffizielles Charakterhandbuch über andere
Werktags im klassischen Hotel Teppanyaki essen.
Allein das macht dich im Kopf von jemandem vielleicht zu einem "Menschen, der es sich leisten kann".
Trägst du eine teure Uhr, wirkst du auf die einen "kompetent" und auf andere "verschwenderisch".
Und hängst du einen Momonga an die Tasche, bekommt das gerade fertige Charakterbild einen rätselhaften Patch.
Aber alles sind nur Bruchstücke, die man von außen sieht.
Kleidung sieht man. Uhr sieht man. Hotel sieht man. Das Plüschtier sieht man auch.
Das Bankkonto sieht man nicht. Das Haushaltsbuch sieht man nicht. Und was im Kopf der Person vorgeht, erst recht nicht.
Hypothesen zu bilden, um andere zu verstehen, ist in Ordnung.
Nur befördere eine Hypothese nicht vom Fan-Handbuch zum offiziellen Kanon.
Schon das macht deine Menschenbeobachtung deutlich genauer.
Und auch heute hängt irgendwo an einem vornehmen Ort ein Momonga an einer Tasche.
Das Bild seines Besitzers steht bis zum Schluss nicht fest.
