Die Frage nach dem Gehalt nach dem Jobwechsel: Gehaltstabellen, sozialer Vergleich und eine Karte, die nur golden aussieht
Bei einem Trinkabend wurde jemand, der gerade den Job gewechselt hatte, von einem Freund gefragt:
„Verdienst du jetzt eigentlich mehr, seit du gewechselt hast?"
Der Wechsler war leicht angetrunken und antwortete ziemlich konkret.
Danach kippte die Stimmung ein kleines bisschen.
Der Freund läuft beruflich ohnehin gut und ist in seiner Firma weit vorn dabei. Auch sein Einkommen ist keineswegs niedrig. Im Gegenteil: Gemessen an der Firmengröße und der Karrierestufe liegt er klar im oberen Bereich.
Trotzdem sticht es kurz, wenn man erfährt, dass ein Freund aus dem eigenen Umfeld allein durch einen Jobwechsel in ein höheres Gehaltsgefüge gewechselt ist. Das ist menschlich.
Dazu kam: Der Freund war an diesem Abend schon vor dem Gehaltsthema irgendwie im Vergleichsmodus, in dem man sich mit anderen misst.
Und am Ende wurde sogar seine alte Kreditkarte, die gratis ist und nur golden aussieht, zum „Beweis, dass er schon immer wohlhabend wirkte" befördert.
Dabei hat sich an der Karte nichts geändert.
In diesem Artikel geht es um diesen seltsam menschlichen Abend und um Gehaltstabellen, sozialen Vergleich, Jobwechsel, Marktwert und die Frage, warum manche Menschen Vergleiche als Treibstoff nutzen können und andere nicht.
Das Wichtigste vorab
- Das Gehalt ist nicht dasselbe wie die eigene Fähigkeit. Es hängt stark vom Lohnniveau der jeweiligen Firma ab.
- Wer sein Einkommen mit Menschen aus dem nahen Umfeld vergleicht, wird dadurch eher weniger glücklich.
- Der Blick nach oben kann aber unter bestimmten Bedingungen auch motivieren: „Vielleicht schaffe ich das auch."
- Deshalb darf man das eigene konkrete Gehalt für sich behalten. Dagegen lohnt es sich, Informationen wie „Mit diesem Lebenslauf liegt die Marktspanne ungefähr hier" zu teilen.
1. Sobald das Gehalt fällt, wird aus dem Gespräch über den Jobwechsel eine Rangliste
Ein Gehalt ist eine seltsame Zahl.
„Ich habe gewechselt", „meine Aufgaben sind andere" oder „ich mache weniger Überstunden" hört man noch als ganz normale Karrieregeschichte.
Sobald aber ein konkretes Gehalt im Spiel ist, taucht im Kopf plötzlich eine Rangliste auf.
Ich bekomme so viel. Du bekommst so viel. Der Unterschied beträgt so viel.
Eigentlich unterscheiden sich Aufgaben, Firmengröße, Zusatzleistungen und Arbeitszeiten. Doch eine einzige Zahl reicht, und man will alles in eine Reihe stellen.
Auch Studien zeigen: Wie stark man sein Einkommen vergleicht, hängt mit dem subjektiven Wohlbefinden zusammen. Besonders schwer auszublenden sind Vergleiche mit nahen Bezugspersonen wie Kollegen, Menschen im gleichen Beruf oder Freunden. Es gibt außerdem eine Untersuchung auf Basis von Verwaltungs- und Umfragedaten, nach der der Einkommensrang im Betrieb stärker mit dem Wohlbefinden zusammenhängt als der Vergleich mit den Nachbarn.
Was den Fall hier noch komplizierter macht: Der Freund war schon im Vergleichsmodus, bevor er die Zahl hörte.
Menschen nehmen Informationen nicht immer gleich auf. Wenn an einem bestimmten Tag die Gedanken um Karriere, Aufstieg, Zukunft und den Abstand zu anderen kreisen, trifft auch eine Information hart, die man sonst achselzuckend überhört hätte.
Es wäre also nicht ganz richtig, allein die Nennung der konkreten Summe verantwortlich zu machen.
Die Vergleichsmaschine war schon warm gelaufen, und das Gehalt war der Super-Sprit, der noch draufgekippt wurde.
Das brennt.
2. Das Gehalt des Freundes ist nicht niedrig. Der Wechsler ist einfach in eine andere Gehaltstabelle gesprungen
Das ist der wichtigste Punkt.
Der Freund verdient keineswegs wenig.
In seiner Firma wird er ordentlich bewertet und steigt schnell auf. Sein Gesamteinkommen inklusive Überstunden liegt, gemessen an Firmengröße und Karrierestufe, klar im oberen Bereich.
Wie kann ihn dann jemand überholen, der gerade gewechselt hat?
Weil dieselbe Person in einer anderen Firma ein anderes Preisschild bekommt.
In der Arbeitsökonomie erforscht man seit Langem Lohnunterschiede zwischen Firmen, die sich nicht allein mit Fähigkeiten und persönlichen Merkmalen erklären lassen. Auch neuere Übersichtsarbeiten zeigen: Firmen mit hohen Löhnen unterscheiden sich in vielem, etwa bei Produktivität, Größe, Beliebtheit bei Beschäftigten und Arbeitsumfeld. Die Firma, bei der man arbeitet, hat also einen spürbaren Einfluss aufs Gehalt.
Das heißt: Auch wenn die eigene Fähigkeit durch den Wechsel nicht plötzlich ein Update bekommt, kann sich das Gehalt stark verändern.
Zwischen dem Ich von gestern und dem Ich von heute haben sich Denkgeschwindigkeit, Erfahrung und Charakter kaum verändert.
Geändert hat sich nur der Laden, der das Preisschild anbringt.
Deshalb wirkt es wie ein Bug, bei dem man einfach in eine andere Gehaltstabelle rutscht.
Natürlich gibt es bei einem Wechsel ein Auswahlverfahren, und nicht jeder kommt ohne Weiteres in eine andere Firma. Trotzdem ist es zu grob zu denken: „Hohes Gehalt heißt, dass man in diesem Moment fähig ist, niedriges Gehalt heißt, dass man es nicht ist."
Ein Gehalt ist kein Punktestand in einem Fähigkeitstest.
3. Was beim Nachfassen rüberkommen sollte: kein Unterschied in der Fähigkeit, sondern die Preisgestaltung des Marktes
Nachdem er die Summe genannt hatte, merkte auch der Wechsler: „Oh, das hat vielleicht gesessen."
Also sagte er lachend sinngemäß:
„Ich bin nicht plötzlich besser geworden oder leiste mehr. Ich habe nur die Firma gewechselt, und damit hat sich die Tabelle geändert."
Außerdem zeigte er, wie viele Auswahlrunden er bei der Jobsuche bestanden hatte.
Das war keine Angeberei.
Es macht nämlich einen riesigen Unterschied, ob man ein „Sonderfall ist, den nur eine einzige Firma wundersam aufgefischt hat" oder ob „eine ganze Reihe von Firmen diesen Lebenslauf in dieser Spanne bewertet".
Und dem Freund sagte er: „Ich glaube, das könntest du auch schaffen."
Auch das war kein Trost. Es war eine Einschätzung, weil er gesehen hatte, dass der Freund in seiner jetzigen Firma geschätzt wird, verantwortungsvolle Aufgaben bekommt und seine Karriere aufbaut.
Kurz gesagt wollte er Folgendes vermitteln:
Nicht „ich bin plötzlich stärker als du", sondern „wenn man den Markt wechselt, bekommt dieselbe Fähigkeit ein anderes Preisschild. Und das kann auch für dich gelten."
Wenn man das nicht als Rangunterschied zwischen Menschen versteht, sondern als Struktur des Arbeitsmarkts, wird aus dem Schock eine nützliche Information.
4. Eine Gratis-Karte, die nur golden aussieht, wird plötzlich zur „Vorankündigung eines Erfolgsmenschen"
Das Lustigste an diesem Abend war die Kreditkarte.
Der Freund sah die goldene Karte, die er schon lange benutzt, und deutete sie nach dem Gespräch über das Einkommen so: „Er hatte ja schon immer eine Goldkarte."
Tatsächlich ist es nicht einmal eine Goldkarte. Sie ist nur golden und kostet nichts.
Dieselbe Karte vor dem Jobwechsel.
Dieselbe Karte nach dem Jobwechsel.
Die Karte hat keinerlei Karriere gemacht.
Und doch wirkt das alte Requisit auf einmal wie ein Vorzeichen des Erfolgs, sobald man die neue Gehaltsinformation kennt.
Ganz exotisch ist das nicht. In einem Experiment wurden Gesichter schon aufgrund feiner Hinweise auf den wirtschaftlichen Status, etwa der Kleidung, als fähiger eingeschätzt. Und der Rückschaufehler ist gut bekannt: Wenn man das Ergebnis kennt, deutet man die Vergangenheit um und glaubt, man habe es von Anfang an kommen sehen.
Die Rechnung dieses Abends sah so aus:
Goldene Karte → wirkt teuer → Gehalt erfahren → er war wohl schon immer wohlhabend, oder?
Die tatsächlichen Daten lauten aber:
Gratis-Karte in Goldfarbe → immer dieselbe → das war's.
So schnell verliert die menschliche Wahrnehmung gegen ein bisschen Goldfarbe.
5. Vergleiche drücken das Glück. Aber sie können auch Treibstoff sein
Wer daraus schließt: „Dann hören wir eben ganz auf, uns mit anderen zu vergleichen", sieht nur die halbe Geschichte.
Dass Einkommensvergleiche das Wohlbefinden schädigen können, ist gut untersucht.
Der Blick nach oben hat aber auch ein anderes Gesicht.
Wenn man jemanden sieht, der weiter ist als man selbst, kann es bei
„Ich bin eben nicht gut genug"
enden, aber auch zu
„Wenn der das schafft, existiert diese Welt wirklich"
werden.
Eine Studie wertete über 5.400 soziale Vergleiche im Alltag aus. Gab es einen Abstand nach oben, strengten sich die Leute eher mehr an. War der Abstand extrem, nahm aber auch das Aufgeben zu. Je stärker das Gefühl war, die eigene Lage selbst verändern zu können, desto eher führte der Blick nach oben zu mehr Einsatz.
Auch eine andere Studie fand: Wer bewusst mehr Vergleiche nach oben anstellte, hatte kurzfristig zugleich mehr Motivation zur Selbstverbesserung und mehr negative Gefühle.
Es gilt also:
Es kann einen treffen und trotzdem anspornen.
Ein Vergleich kann Gift sein oder Benzin.
Es kommt darauf an, womit man sich vergleicht. Und darauf, ob man den Abstand als unveränderlichen Standesunterschied liest oder als eine Distanz, für die man den Weg recherchieren kann.
6. „Da ist jemand, der mir ähnlich ist" wird zur Karrierekarte
Der Wechsler hatte schon vorher auf höhere Gehaltsspannen geschaut.
Auf Leute in der eigenen Firma, die schon weiter sind, auf Leute in verantwortungsvollen Positionen, auf Menschen mit ähnlichem Werdegang in anderen Firmen.
Wenn man konkrete Zahlen sieht, sticht es natürlich ein bisschen.
Aber man kann zugleich denken:
„Aha, es gibt tatsächlich Leute, die von so einer Summe leben."
Das war der entscheidende Punkt.
Ferne Milliardäre bringen wenig.
Wenn aber jemand mit ähnlichem Werdegang ein Stück weiter vorn ganz normal arbeitet, wird diese Realität zur Karte, die zeigt: Diese Spanne gibt es wirklich.
Von dort aus kann man nachforschen:
- Erreicht man das durch eine Beförderung in der eigenen Firma?
- Erreicht man das durch einen Firmenwechsel?
- Muss man dafür den Beruf wechseln?
- Welche Erfahrung wird honoriert?
Auch der Freund hatte sich schon länger gefragt: „Ist es richtig, dass es so bleibt?" und „Passen Verantwortung und Bezahlung eigentlich zusammen?"
Dann kann dieses Gespräch ihn zwar kurz treffen, aber trotzdem den Horizont erweitern.
Wechseln muss man dafür nicht.
Schon zu wissen, dass „die Gehaltstabelle der eigenen Firma nicht die ganze Welt ist", hat einen Wert.
7. Deshalb nenne ich mein konkretes Gehalt künftig nicht mehr, behalte aber Marktinfos nicht für mich
Aus diesem Abend ist eine Regel entstanden.
Mein konkretes Gehalt sage ich künftig eher nicht mehr.
Eine Zahl ist einfach zu stark.
Selbst wenn man selbst über den Markt reden will, kann sie im Kopf des anderen zu einer „Rangliste unter Freunden" werden.
Und jeder verarbeitet Vergleiche anders.
Der eine macht aus
„Wow, da ist ein Abstand" die Frage „Wie komme ich da hin?"
Ein anderer bleibt vielleicht bei
„Wow, da ist ein Abstand" und „Bin ich etwa schlecht?" stehen.
Darauf hat man selbst keinen Einfluss.
Deshalb muss man die pure, unverdünnte Zahl nicht herausgeben.
Dagegen kann man Marktinfos teilen, zum Beispiel:
„Mit dieser Erfahrung sind in solchen Firmen etwa diese Spannen möglich."
„Wenn man die Firma wechselt, sieht die Gehaltstabelle ganz anders aus."
„In meinen Bewerbungen haben mehrere Firmen in ähnlicher Weise reagiert."
Keine Rangliste von Menschen weitergeben, sondern nur die Karte.
Das passt ganz gut.
8. Fazit: Das Gehalt ist nicht der Kampfwert deiner Persönlichkeit
Das Wichtigste, was man sich merken sollte: Das Einkommen des Freundes war nicht niedrig.
Der Freund kommt in seiner jetzigen Firma ordentlich voran und wird geschätzt.
Nur der Wechsler ist in eine andere Gehaltstabelle gewechselt.
Allein dadurch wirkt die Rangfolge plötzlich umgedreht.
Wer das Gehalt wie den „Gesamtkampfwert" auf dem Charakterbildschirm eines Spiels liest, läuft deshalb in einen Unfall.
Ein Gehalt ist das Ergebnis einer Mischung aus Fähigkeit, Erfahrung, Beruf, Firmengröße, Gewinnmarge, Region, Verhandlung, Einstellungszeitpunkt, Arbeitsmarkt und firmeninternen Regeln.
Natürlich ist es normal, dass man vergleicht.
Und es ist auch normal, dass einen so ein Vergleich kurz schockt.
Aber man muss nicht dort stehen bleiben. Wenn man sich einmal fragt:
„Ist dieser Unterschied ein Unterschied im Wert als Mensch? Oder ein Unterschied zwischen Gehaltstabellen?"
sieht die Welt schon deutlich anders aus.
Und wenn man den Erfolg eines anderen nicht als
„Ich habe verloren"
liest, sondern als
„Diese Welt gibt es also wirklich",
dann lässt sich ein Vergleich ein bisschen besser nutzen.
Und zur goldenen Karte sage ich es gern immer wieder:
Sie ist nur golden und kostet nichts.

