„Vermiss dich.“
Zwei Wörter. Kein neuer Termin, keine Forderung, den Abend freizuräumen. Einfach Zuneigung per Chat.
Und plötzlich antwortet jemand, der sonst fast immer schnell schreibt, stundenlang nicht. Hat diese winzige Nachricht etwa eine außerordentliche Sitzung der Terminabteilung ausgelöst?
1. Aus Zuneigung wird eine vermeintliche Verpflichtung
Vielleicht steht das nächste Treffen längst fest. „Ich vermisse dich“ soll dann nur heißen: „Ich freue mich auf dich.“
Wer andere ungern enttäuscht, könnte etwas anderes hören: „Will mein Partner mich früher treffen?“, „ich wollte heute allein bleiben“, „wirkt mein Nein wie mangelnde Liebe?“.
Eine Gefühlsäußerung wird zum vermeintlichen Antrag, der angenommen oder abgelehnt werden muss.
Der Absender schickt ein Herz. Im Kopf öffnen sich Kalender, Entschuldigungsschreiben und Beziehungs-Risikobericht. Ein erstaunlicher Verwaltungsaufwand für zwei Wörter.
2. Eine Entscheidung treffen ist etwas anderes als Nein sagen
Manche Menschen suchen problemlos ein Restaurant aus, schlagen Ausflüge vor und kennen ihre Vorlieben. Trotzdem fällt ihnen „Heute brauche ich Zeit für mich“ schwer.
Ein angenehmes Ziel auszusuchen ist etwas anderes, als dem Partner einen abweichenden Wunsch mitzuteilen.
Zu wissen, was man möchte, und diesen Wunsch bei möglicher Enttäuschung auszusprechen, sind unterschiedliche Fähigkeiten.
Wer selbst sagt, dass er zu viel Rücksicht nimmt und kaum ablehnen kann, hat möglicherweise weniger ein Entscheidungsproblem als ein Problem mit der befürchteten Reaktion.
3. Alte Regeln können lange nachwirken
Wer als Kind für eigene Wünsche häufig Ärger oder Schuldzuweisungen erlebt hat, konnte Schweigen als Schutzstrategie lernen.
Später kann dieselbe Gewohnheit auftauchen, obwohl der jetzige Partner ein ruhiges „Heute nicht“ problemlos akzeptieren würde.
Eine Langzeitstudie mit 184 Menschen zwischen 13 und 21 Jahren fand Zusammenhänge zwischen psychologischer Kontrolle durch Eltern und späteren Schwierigkeiten, Eigenständigkeit und Nähe in Beziehungen miteinander zu verbinden.[1] Eine Untersuchung mit 1.502 jungen Erwachsenen in Spanien fand ebenfalls Zusammenhänge zwischen wahrgenommener elterlicher Kontrolle und Angst beziehungsweise Vermeidung in romantischen Beziehungen.[2]
Diese Befunde erklären Gruppenmuster, nicht eine konkrete unbeantwortete Nachricht. Arbeit, Müdigkeit oder ein ungünstiger Moment können genauso zu langen Pausen führen.
4. Entscheidend ist die Antwort danach
Wer immer langsam antwortet, hat vielleicht einfach dieses Tempo. Wer nur bei Einladungen oder möglichen Absagen stockt, könnte sich mit dem Enttäuschen schwertun. Zwei Beobachtungen sind allerdings erst einmal Anhaltspunkte.
„Ich vermisse dich auch, freu mich auf unser geplantes Treffen!“ nimmt die Zuneigung an. „Dieses Wochenende brauche ich Zeit allein; nächste Woche gern“ nennt eine Grenze. „Ich muss darüber nachdenken“ gibt ebenfalls hilfreiche Informationen.
Problematischer wäre es, wiederholt widerwillig zuzustimmen und später Vorwürfe wegen nie ausgesprochener Wünsche zu machen. Forschung zu tatsächlichen Konflikten in Ehen verbindet das Muster „einer drängt, der andere zieht sich zurück“ mit schlechterer Konfliktlösung.[3] Eine stundenlange Chatpause ist damit nicht gleichzusetzen.
5. Muss jedes Mal „Kein Druck, wirklich!“ hinterher?
Einmal zu sagen „Du darfst Nein sagen, sag mir lieber, was du willst“ ist freundlich. Muss nach jeder Pause aber derselbe Mensch Gründe erraten und beruhigende Zusätze liefern, entsteht ein Gefühls-Kundendienst rund um die Uhr.
Natürlich auf eine Antwort zu warten ist etwas anderes, als absichtlich zu schweigen, um jemanden zu testen.
Wenn gemeinsame Pläne geändert werden müssen, reicht ein kurzer Hinweis: „Heute will ich allein sein“, „Ich habe private Gründe“ oder „Nächste Woche passt“. Wer das Nein hört, muss es auch tatsächlich respektieren.
Schluss: Aus zwei Wörtern wird eine Vorstandssitzung
Jemanden vermissen und einen Abend für sich wollen – beides kann gleichzeitig wahr sein.
Falls „Vermiss dich“ wirklich sechs Stunden Beratung auslöst, gehört ganz oben auf die Tagesordnung:
War das eine Sitzungseinladung oder einfach eine Liebeserklärung?
Quellen (3)
- [1] Oudekerk, B. A. et al. (2015). The Cascading Development of Autonomy and Relatedness From Adolescence to Adulthood. Child Development. https://doi.org/10.1111/cdev.12313
- [2] Díez, M., Sánchez-Queija, I., & Parra, Á. (2019). Why are undergraduate emerging adults anxious and avoidant in their romantic relationships? The role of family relationships. PLOS ONE. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0224159
- [3] Papp, L. M., Kouros, C. D., & Cummings, E. M. (2009). Demand-Withdraw Patterns in Marital Conflict in the Home. Personal Relationships. https://doi.org/10.1111/j.1475-6811.2009.01223.x
