Am Anfang war es nur eine.
„Oh, da ist eine kleine Ameise.“
Na ja, eine einzelne hat sich wohl verirrt.
Kurz darauf schaue ich wieder hin, und es sind etwa zehn.
Und sie marschieren nicht stolz in einer Reihe über den Boden. Aus irgendeinem Grund sammeln sie sich rund um die Taschentücher.
Seit wann ist eine Taschentuchbox ein Ameisen-Wohnblock?
Dazu kommen noch ein paar Informationen, die die Verwirrung steigern:
- Das Zimmer ist ziemlich sauber
- Das Fenster war offen, aber es hat ein Fliegengitter
- Insektenschutzmittel wurde auch benutzt
- Am Fenster und auf dem Boden ist keine Ameisenstraße zu sehen
- Allerdings lag am Fenster ein einzelner Popcorn-Krümel
„Also das Popcorn?“
Sehr wahrscheinlich.
Aber als Täter feststeht es noch nicht.
1. „Erst eine, plötzlich zehn“ ist bei Ameisen kein Bug
Bei den meisten Ameisenproblemen im Haus kommt zuerst nicht das ganze Volk, sondern eine Arbeiterin auf der Suche nach Futter oder Wasser. Die Erweiterungsdienste (Extension) der University of Minnesota und der Colorado State University erklären, dass die meisten Ameisen, die man im Haus findet, aus einem Nest draußen kommen und drinnen nach Nahrung oder Wasser suchen.
Und manche Ameisen hinterlassen, sobald sie Futter gefunden haben, auf dem Rückweg einen chemischen Duftstoff, damit ihre Gefährtinnen denselben Weg finden.
Das heißt:
- Eine Kundschafterin dringt ein
- Sie entdeckt Futter
- Auf dem Rückweg hinterlässt sie eine chemische Markierung
- Die anderen kommen
- Wenn man das nächste Mal hinschaut, sind aus „1“ plötzlich „10“ geworden
So etwas passiert ganz normal.
Für uns sieht das nach plötzlicher Vermehrung aus.
Für die Ameisen ist es nur Standort teilen.
„Hier gibt's Popcorn.“
Zehn Benachrichtigungen sind rausgegangen, mehr nicht.
2. Das Popcorn am Fenster ist ziemlich verdächtig
Die Utah State University Extension erklärt, dass heruntergefallene Krümel auf dem Boden oder an erreichbaren Stellen Ameisen in kurzer Zeit anlocken können.
Die Colorado State University Extension sagt außerdem, dass nicht nur Arbeitsplatten und Böden zum Futtersuchgebiet zählen, sondern auch verschüttete Lebensmittel in Regalen und Essensreste rund um den Mülleimer.
Das Popcorn am Fenster ist also ein ziemlich starker Kandidat als Lockmittel.
Wichtig ist auch: Das ganze Zimmer muss dafür nicht dreckig sein.
Ameisen brauchen nicht
„ein schmutziges Haus“, sondern „eine Lücke, durch die sie passen, und dahinter etwas Essbares“.
Wer jeden Tag den Boden wischt, kann trotzdem Pech haben: Entdeckt eine Kundschafterin auch nur einen Krümel, wird genau dieser Punkt zum Veranstaltungsort.
Es gibt keine Eingangskontrolle, bei der das Zimmer von 0 bis 100 Punkten bewertet wird.
Wird ein Stück Popcorn gefunden, kommen sie rein.
3. Und warum haben sie sich ausgerechnet am Taschentuch versammelt? Das ist das größte Rätsel
Hier lässt sich nichts mit Sicherheit sagen.
Ameisen als Haushaltsschädlinge fressen je nach Art ganz unterschiedliche Dinge, etwa Zucker, Fett, Eiweiß oder Stärke. Aus der bloßen Beobachtung hier gibt es aber keinen Beleg dafür, dass sich zehn Ameisen wegen des trockenen Taschentuchs selbst als Futter versammelt haben.
Es sind mehrere Erklärungen denkbar:
- Die Taschentuchbox stand nah am Popcorn
- Unter der Box oder in den Falzen ist es dunkel und eng, also ein vorübergehend gutes Versteck
- Das Taschentuch lag zufällig auf ihrem Weg
- Es klebte etwas Fett von den Händen oder ein winziger Essensrest daran
- Der eigentliche Anreiz lag woanders, und das Taschentuch war nur ein Treffpunkt
Das heißt:
„Auf dem Taschentuch gewesen“ bedeutet nicht „wegen des Taschentuchs gekommen“.
Tatort und Tatmotiv sollte man nicht in einen Topf werfen.
Die Taschentuchbox ist derzeit weniger ein Verdächtiger als eine Zeugin, die befragt werden muss.
4. „Neues, sauberes Zimmer“ beeindruckt Ameisen kaum
Ob Ameisen eindringen, hängt nicht allein von der Sauberkeit des Gebäudes ab.
Die Penn State Extension nennt als Vorbeugung, Lücken an Fenstern, Türen und um Rohre herum zu schließen. Auch die University of Minnesota Extension empfiehlt, Risse zu verschließen, die Ameisen benutzen.
Selbst ein Zimmer, das wie neu aussieht, funktioniert also für Ameisen, wenn es irgendwo einen Durchgang gibt:
- die Fugen am Fensterrahmen
- der Übergang zwischen Fliegengitter und Rahmen
- die Durchführungen von Rohren
- kleine Spalten an Fußleisten und Wänden
- der Bereich um die Haustür
Aus Menschensicht: „Das winzige Ritzchen soll ein Eingang sein?“
Aus Ameisensicht: „Das ist der Haupteingang.“
5. Fliegengitter plus Insektenschutz beweisen nicht, dass nichts hereinkommt
Ein Fliegengitter ist wichtig, und Insektenschutzmittel sind auch nicht sinnlos.
Aber damit verschwinden nicht alle Spalten rund um das Fenster.
Die Penn State Extension rät nicht nur, Fliegengitter zu reparieren, sondern auch Risse und Lücken um Fenster, Türen und Rohre zu schließen.
Deshalb kann man nicht sagen:
„Fliegengitter war da, Insektenschutz auch, also kam es nicht vom Fenster.“
Für uns ist ein Fensterrahmen „ein Fenster“. Für Ameisen ist er eine Ansammlung aus Schiene, Verbindungsstellen, Abflusslöchern, Gummiteilen und Spalten.
Hinzu kommt, dass hier am Fenster ein Krümel lag.
Für eine Kundschafterin, die von draußen kam, könnte gleich nach dem Eintritt eine Belohnung bereitgelegen haben.
6. Statt des großen Insektizid-Kriegs: zuerst die Route auslöschen
Das Taschentuch ist bereits im Müll. Das ist völlig in Ordnung.
Als Nächstes sprüht man nicht das ganze Haus mit Insektengift ein, sondern beseitigt zuerst Anreiz und Markierung.
Die Penn State Extension stellt vor, die Wege der Ameisen mit Seifenwasser oder Essigwasser abzuwischen und so die chemische Markierung zu entfernen. Auch die Colorado State University Extension empfiehlt, Boden und Arbeitsflächen mit Haushaltsreiniger zu putzen und so die Duftspur zu Futter und Wasser zu löschen.
In diesem Fall reicht es also:
- Krümel wie das Popcorn entfernen
- Die Stelle abwischen, an der das Taschentuch lag
- Fensterbereich, Fußleisten und Fensterrahmen abwischen
- Auch den Bereich um den Mülleimer kontrollieren
- Eine Weile beobachten, wo sie wieder auftauchen
Und wenn wieder eine auftaucht, sollte man sie nach Möglichkeit nicht sofort zerdrücken, sondern kurz laufen lassen.
„Woher sie kommt und wohin sie zurückläuft“ ist eine sehr starke Information für die Suche nach dem Einstieg.
Mensch: „Gefunden, erledigen!“
Ermittlung: „Warte, lass sie heim. Sie verrät uns die Adresse.“
7. Kommen immer wieder mehrere? Statt Dauersprühen lieber Köder in Betracht ziehen
Wenn es bei einem einzigen Mal bleibt, war es vielleicht nur eine Futtersucherin von draußen.
Tauchen aber wiederholt mehrere an derselben Stelle auf, sollte man überlegen, ob der Zugang noch offen ist oder ob ein Nest in der Nähe liegt.
Zur Ameisenbekämpfung im Haus nennen die University of Minnesota Extension und die Colorado State University Extension als wirksame Methode langsam wirkende Köder, die die Arbeiterinnen ins Nest tragen, wo sie wirken.
Wichtig dabei: Sprühe nicht ausgiebig Kontaktinsektizid direkt neben den Köder.
Wenn die Ameisen den Köder nicht mehr erreichen, kann der Mechanismus, ihn ins Nest zu tragen, nicht mehr gut funktionieren.
Außerdem unterscheiden sich Lieblingsfutter und Gegenmaßnahmen je nach Art.
Die Angabe „kleine Ameise“ wie hier reicht nicht, um die Art zu bestimmen. Wenn es sich wiederholt, lohnt es sich, ein Foto zu machen und Form, Farbe und Größe zu prüfen.
Besonders wenn im Zimmer wiederholt viele geflügelte Ameisen auftauchen, ist das ein Hinweis, auch ein Nest im Haus in Betracht zu ziehen, und nicht nur Futtersuche von draußen.
8. Fazit: Die Taschentuchbox ist kein Beschwörungskreis. Sie stand wohl nur mitten im Geschehen
Die natürlichste Reihenfolge für diesen Fall ist wohl:
Eine Kundschafterin kommt von draußen oder durch eine unsichtbare Ritze herein → Sie findet am Fenster einen Krümel → Es entsteht eine chemische Markierung → Die anderen kommen → Sie wandern auch rund um das nahe Taschentuch → Ein Mensch öffnet die Box → „Warum sind hier zehn von denen?!“
Das ist allerdings eine plausible Erklärung. Solange weder die Ameisenart noch der tatsächliche Zugang geprüft wurden, steht weder das Popcorn noch das Fenster als Täter fest.
Wichtig ist:
- Es kann auch in einem sauberen Zimmer passieren
- Dass aus einer in kurzer Zeit mehrere werden, ist nicht ungewöhnlich
- Dass sie im Taschentuch waren, heißt nicht, dass das Taschentuch ihr Futter ist
- Trotz Fliegengitter und Insektenschutz können kleine Spalten bleiben
- Grundlage sind: Krümel entfernen, Wege abwischen, den Einstieg beobachten
- Bei Wiederholung die Art bestimmen und mit Ködern gegen das Nest vorgehen
Dass man gleich nach dem Wegwerfen der Taschentuchbox denkt:
„Was ist das? Das ist mir noch nie passiert.“
ist völlig berechtigt.
Die Ameisen denken vermutlich:
„Futter gefunden. Route offen. Verstärkung anfordern.“
Zwei verschiedene Zivilisationen.
