Achtung: Wichtige Spoiler zu allen zehn Folgen von VIVANT aus dem Jahr 2023.
Satellitenbilder werden tatsächlich für Ermittlungen genutzt, und auch kurze Videos lassen sich aus dem All aufnehmen. Die hier geprüften öffentlichen Quellen belegen aber keine allsehende Kamera, die einzelne Menschen dauerhaft durch eine Stadt verfolgt und dabei beliebig Gesichter oder Nummernschilder liest. Aufnahmedauer, erfasste Fläche, Auflösung und die Zeit bis zur Bereitstellung der Bilder sind jeweils eigene Fragen.
Wer nach dem Ende von VIVANT zur ersten Folge zurückkehrt, sieht auch Yusuke Nogis Flucht mit anderen Augen. Er wirkt aufrichtig überfordert. Weil wir inzwischen sein Ziel kennen, erkennen wir zugleich eine weitere Ebene: den Kampf um Informationen. Von dort war es für mich nicht weit zur Frage, was Satellitenbilder und miteinander verglichene Aufzeichnungen in der Wirklichkeit verraten können.
Beim ersten Mal eine Flucht, beim zweiten Mal die Frage: Was wusste er?
Zu Beginn reist Nogi wegen einer fehlerhaften Überweisung nach Balka, wird von der Polizei verfolgt und versucht, mit Nozaki und Kaoru zu entkommen. Auch die lebensbedrohliche Lage in der Wüste gehörte zu den Szenen, bei denen ich zunächst nur dachte: Überlebt dieser Angestellte einer Handelsfirma das überhaupt?
Der offizielle Rückblick von TBS beschreibt Nogi jedoch als Geheimdienstmitarbeiter der Einheit Beppan, der sich auf der Suche nach Tent eingeschleust hatte. Mit diesem Wissen wirft derselbe Gesichtsausdruck andere Fragen auf.
Hat er wirklich Angst? Was verbirgt er? Was will er von wem erfahren?
Trotzdem finde ich die Erklärung „Alles lief nach Plan“ oder „Das war alles gespielt“ zu einfach. Ein verdecktes Ziel zu verfolgen bedeutet nicht, jede Gefahr vor Ort zu beherrschen. Aus einer kurzen offiziellen Inhaltsangabe lässt sich auch nicht für jede Szene ableiten, was genau in ihm vorging.
Für mich gleicht Nogi eher einer Spielfigur, die Treffer einsteckt, deren Route zusammenbricht und die unterwegs neu planen muss, als einem Helden, der das Spiel ohne Schaden durchläuft. Unheimlich ist nicht seine Unbesiegbarkeit. Unheimlich ist, dass es selbst dann weitergeht, wenn er schon am Ende zu sein scheint.
Gesichtsausdruck und Ziel wie unterschiedliche Aufzeichnungen lesen
Beim erneuten Schauen kann Nogis Gesichtsausdruck plötzlich nicht mehr die ganze Figur erklären.
Seine Versuche zu entkommen. Sein Auftreten als Firmenangestellter. Sein verdeckter Auftrag. Mehrere Ebenen werden gleichzeitig sichtbar. Damit beschreibe ich meine Lesart als Zuschauer, keine festgelegte Eigenschaft der Figur, nach der in seinem Kopf jederzeit exakt drei Vorgänge parallel laufen müssten.
Aus demselben Grund können wir nicht beruhigt sämtliche Gefahr F zuschreiben und Nogi als harmlosen Zivilisten betrachten. Dass Nogi zu Beppan gehört, ist eine Frage. Ob eine bestimmte Handlung oder Äußerung Nogi oder F zuzuordnen ist, ist eine andere.
Ein Gesichtsausdruck allein beweist weder besondere Fähigkeiten noch Unfähigkeit. Man muss die Annahme loslassen, dass jemand, der so hilflos aussieht, ein gewöhnlicher Mensch sein müsse. Dann wird das Wiedersehen mit der Serie nicht nur zur Suche nach Hinweisen auf seine Identität. Es wird auch zu einer Prüfung der eigenen Vorannahmen.
Das Verhältnis zwischen Nogi und F behandelt der japanischsprachige Artikel zur Frage, ob nur F zu Beppan gehört. Hier führt uns das Lesen mehrerer Informationsebenen zur Satellitenüberwachung in der Wirklichkeit.
Auch die japanische Polizei nutzt Satellitenbilder
Die Verbindung zwischen Satellitenbildern und Kriminalermittlungen gibt es nicht nur in Geschichten.
Bei einer Pressekonferenz am 6. September 2022 erläuterte der Vorsitzende der japanischen Nationalen Kommission für öffentliche Sicherheit, dass kommerzielle Satellitenbilder bei der Aufklärung schwerer Straftaten wie Mord, bei Umweltdelikten wie illegaler Müllentsorgung sowie im Katastrophenschutz genutzt werden.
Eine öffentliche Unterlage der japanischen Polizeibehörde nennt außerdem den Vergleich mit älteren Bildern, um Veränderungen im Zeitverlauf festzustellen, das Ergänzen von Karten- und Entfernungsinformationen sowie das Erstellen von Ansichten aus der Vogelperspektive. Solche Anwendungen sind etwas anderes als eine Aufnahme, die einen einzelnen Menschen an einer Straßenecke dauerhaft von oben verfolgt. Dass Ermittlungen Satelliten nutzen, belegt nicht sämtliche Überwachungsfähigkeiten einer Fernsehserie.
Satellitenvideos gibt es. Ein kurzer Film ist noch keine Dauerbeobachtung
Die offizielle SkySat-Dokumentation von Planet beschreibt Videos von 30 bis 120 Sekunden Länge, die ungefähr eine Fläche von 1 km mal 2,5 km erfassen. Videos aus dem All sind bereits Teil eines kommerziellen Angebots.
Bei diesen Angaben sollte man vier Dinge auseinanderhalten:
- Aufnahmedauer: Wie viele Sekunden dauert eine einzelne Aufnahme?
- Aufnahmefläche: Welchen Bereich erfasst dieses Video?
- Wiederholte Aufnahmegelegenheiten: Wie oft kann derselbe Ort erneut aufgenommen werden?
- Bereitstellungszeit: Wie lange dauert es nach der Aufnahme, bis der Nutzer die Daten erhält?
Wiederholt vorbeizukommen ist nicht dasselbe wie ununterbrochen hinzusehen. Eine Aufnahme muss auch nicht im Moment ihrer Entstehung auf dem Bildschirm des Nutzers erscheinen. Optische Bilder hängen zudem von Bedingungen wie Bewölkung, Licht und Hindernissen wie Gebäuden ab.
Wer bei „Satellitenvideo“ sofort an eine rund um die Uhr laufende Überwachungskamera im All denkt, dichtet dem Angebot also einige Funktionen hinzu.
Bilder der 30-cm-Klasse bedeuten nicht, dass Gesichter erkennbar sind
Das öffentliche Datenblatt von WorldView Legion nennt für panchromatische Aufnahmen bei senkrechtem Blick nach unten eine Bodenpixelgröße, die sogenannte Ground Sample Distance oder GSD, von 34 cm. Der Wert beschreibt, welcher Strecke am Boden ein Pixel unter diesen Bedingungen entspricht.
Wichtig ist dabei: Diese Angabe betrifft Einzelbilder eines anderen Satellitensystems. Die 34 cm von WorldView Legion dürfen nicht als Auflösung von SkySat-Videos verwendet werden.
Ein Objekt auf einem Bild zu erkennen, bei dem ein Pixel mehreren zehn Zentimetern am Boden entspricht, ist außerdem etwas anderes, als eine Person oder ein Fahrzeug anhand von Gesichtsdetails oder eines Nummernschilds zu identifizieren. Blickwinkel, Kontrast, Bewegung und Bildverarbeitung beeinflussen das Ergebnis ebenfalls.
Die hier geprüften öffentlichen Spezifikationen belegen daher weder Gesichtserkennung noch das zuverlässige Lesen von Nummernschildern. Ein Bild auf dem Bildschirm zu vergrößern erzeugt für sich genommen keine korrekten neuen Details, die in der ursprünglichen Aufnahme gar nicht enthalten waren.
Umgekehrt erklären wir die Grenzen dieser kommerziellen Produkte auch nicht zu den Grenzen sämtlicher Systeme weltweit, einschließlich geheimer Technik. Der Vergleich bleibt bei den öffentlich zugänglichen Angaben, die sich prüfen lassen.
Satellitenbilder mit anderen Informationen abgleichen
Was ich an Aufzeichnungen unheimlich finde, liegt eher in ihrem Zusammenspiel als in der Vorstellung, ein einziges Bild könne alles erklären.
Da ist ein Gegenstand, der vorher nicht zu sehen war. Fahrzeuge sammeln sich. Nach einer Katastrophe hat sich eine Straße verändert. Solche Hinweise aus Satellitenbildern ließen sich mit Fotos vom Boden, einer Untersuchung vor Ort oder Aufnahmen von einem anderen Zeitpunkt vergleichen.
Das sind Beispiele dafür, wie Informationen miteinander verknüpft werden können. Damit ist nicht belegt, dass Überwachungsvideos, Smartphone-Standorte, Zahlungs- und Kommunikationsdaten überall automatisch auf einem Bildschirm zusammenlaufen und jeder Mensch verfolgbar wird. Welche Daten verfügbar sind, wie genau ihre Zeitangaben sind, wo Zuordnungsfehler entstehen und welche Zugriffsrechte und rechtlichen Voraussetzungen gelten, muss jeweils gesondert geprüft werden.
Auch verknüpfte Aufzeichnungen ergeben nicht automatisch die Wahrheit. Räumliche oder zeitliche Nähe allein beweist nicht, dass zwei Hinweise dieselbe Person oder dasselbe Ereignis betreffen.
Zusammen können Aufzeichnungen etwas zeigen, das aus einem Bild allein nicht hervorgeht. Falsche Verknüpfungen können aber auch eine andere Geschichte erzeugen. Beides im Blick zu behalten ist realistischer als die Vorstellung einer allwissenden Überwachung.
Hinter dem Blick aus dem All stehen Behörden und Abläufe
Das US-amerikanische National Reconnaissance Office, kurz NRO, beschreibt seine Aufgabe als Entwicklung, Beschaffung, Start und Betrieb von Aufklärungssatelliten. Einen Satelliten zu betreiben, seine Daten auszuwerten und daraus Entscheidungen abzuleiten sind unterschiedliche Tätigkeiten.
Die Unterlagen des NRO beschreiben auch die Zusammenarbeit mit anderen Nachrichtendiensten und dem Militär. Aus dieser allgemeinen Darstellung erfahren wir jedoch nicht, wer in einem konkreten Ermittlungsfall welche Daten erhalten hat oder was darauf zu erkennen war.
Die Vorstellung einer CIA mit übernatürlichem Blick lässt sich im Fernsehen in einem Satz vermitteln. Ein tatsächlich arbeitsteiliges System ist komplizierter. Wer diese Distanz bestehen lässt, kann die Serie genießen, ohne ihre Darstellung mit der Wirklichkeit gleichzusetzen.
Ein einzelner Blick erklärt weder Nogi noch einen Satelliten
Beim ersten Schauen wirkte VIVANT wie die Flucht eines Firmenangestellten, der in eine Krise geraten war. Beim zweiten Mal wird daraus ein Kampf um Informationen: Wie ernst war seine Not, und welches Ziel verfolgte er gerade? Zum Reiz gehört auch, nicht jede offene Stelle mit „Alles nach Plan“ zu füllen.
Ebenso sagt die bloße Fähigkeit eines Satelliten, Aufnahmen aus dem All zu machen, noch nicht, was wir daraus erfahren. Kurzes Video und Dauerüberwachung, das Erkennen eines Objekts und die Identifikation eines Menschen, das Aufnehmen eines Bildes und der Abgleich verschiedener Aufzeichnungen sind getrennte Schritte.
Wer nur Nogis ängstliches Gesicht sieht, übersieht vielleicht sein verdecktes Ziel. Wer nur ein detailreiches Satellitenbild betrachtet, übersieht vielleicht die zeitlichen und räumlichen Grenzen.
Das Unheimliche muss deshalb nicht bei einem allmächtigen Beobachter enden, der alles sieht. Was betrachten wir, und was entgeht uns? Mit dieser Frage entsteht beim erneuten Schauen aus denselben Szenen noch eine weitere Geschichte.
Quellen (6)
- TBS: Offizieller Rückblick auf VIVANT von 2023: Nogis Zugehörigkeit und das Ziel seines verdeckten Einsatzes. Auf Japanisch.
- Pressekonferenz des Vorsitzenden der Nationalen Kommission für öffentliche Sicherheit vom 6. September 2022: Polizeiliche Nutzung von Satellitenbildern. Angaben zur Zahl der Käufe in der Frage des Reporters sind von der Antwort des Vorsitzenden zu unterscheiden. Auf Japanisch.
- Japanische Polizeibehörde: Betrieb eines Analysesystems für hochauflösende Satellitenbilder: Beispiele für den Vergleich mit älteren Aufnahmen, Karten- und Entfernungsinformationen sowie Ansichten aus der Vogelperspektive. Auf Japanisch.
- Planet: Offizielle SkySat-Dokumentation: Videolänge und Aufnahmefläche. Die Spezifikationen für Einzelbilder werden nicht auf Videos übertragen.
- WorldView-Legion-Datenblatt: Unter anderem die GSD panchromatischer Nadiraufnahmen. Keine Videospezifikation eines anderen Satelliten.
- NRO: Offizielle Broschüre: Satellitenbetrieb und Zusammenarbeit zwischen Behörden. Der Text wurde anhand des Suchindexauszugs des offiziellen Dokuments geprüft; die PDF-Datei ließ sich nicht direkt abrufen.
