Warum wollen wir Sex mit dem Partner, obwohl Selbstbefriedigung befriedigend sein kann?

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Beschreibung: Körperliche Lust lässt sich auch allein erleben. Doch das Bedürfnis nach Sex mit einem geliebten Menschen kann bleiben. Was Verlangen, Zärtlichkeit, gemeinsames Erleben und Hormone damit zu tun haben.

Selbstbefriedigung kann zum Orgasmus führen und sich rundum befriedigend anfühlen. Sexspielzeug kann bestimmte körperliche Reize gut nachbilden. Warum wünschen sich manche trotzdem Sex mit ihrem Lieblingsmenschen?

Weil sie nicht nur einen Reiz suchen, sondern gemeinsam mit genau diesem Menschen Nähe erleben und die Beziehung fortsetzen möchten. Körperliche Lust, der Wunsch nach einer Handlung und emotionale Verbundenheit hängen zusammen, sind aber nicht dasselbe.

1. Ein Gefühl lässt sich nachbilden, eine Beziehung nicht

Ein Spielzeug kann stimulieren. Es erwidert keine liebevollen Blicke, lacht nicht über einen gemeinsamen Witz und freut sich nicht auf das nächste Treffen. Wer Gegenseitigkeit sucht, für den beginnt Intimität häufig lange vor dem Orgasmus.

Rein nach Effizienz betrachtet ist Liebe ziemlich unsinnig. Warum ein Date vereinbaren, das Haus verlassen, reden und auf die Gefühle eines anderen achten, wenn es eine schnelle Lösung zu Hause gibt? Das Navigationsgerät würde einen unnötigen Umweg melden. In Beziehungen kann genau dieser Umweg das Reiseziel sein.

2. Etwas zu genießen und es zu wollen, ist zweierlei

Die Hirnforschung unterscheidet zwischen dem Genuss einer Belohnung und dem Antrieb, sie zu suchen.[1] Beides arbeitet oft zusammen, muss aber nicht gleich stark ausgeprägt sein.

Dopamin ist unter anderem an der Motivation beteiligt, körpereigene opioidartige Stoffe tragen zum Lustempfinden bei. Die Aufgaben dieser Botenstoffe überschneiden sich. Es gibt keinen einzelnen Hormonknopf für sexuelles Verlangen. Biologische Grundlagen spielen eine Rolle, doch Erfahrungen, Situationen und die Beziehung zum Gegenüber gestalten konkrete Wünsche mit.

3. Sich eine romantische Geschichte zu wünschen, ist nicht nur Frauensache

Flirten, lachen, kuscheln, küssen und dann einvernehmlich mehr Nähe zulassen: Manche Menschen lieben gerade diesen Ablauf. Wenn Sex dagegen nur eine abzuarbeitende Aufgabe ist, kann der körperliche Reiz vorhanden sein, während das erhoffte Gefühl fehlt.

Bezahlte sexuelle Dienstleistungen können andere Bedürfnisse erfüllen. Das ist kein Urteil über Menschen, die sie anbieten. Eine Dienstleistung und eine gemeinsam gestaltete, längerfristige Liebesbeziehung sind unterschiedliche Formen des Erlebens.

Eine Studie mit insgesamt 7.880 Teilnehmenden, darunter eine Befragung in 37 Ländern, fand einen positiven Zusammenhang zwischen Liebe und zärtlichen Berührungen in Partnerschaften.[2] Das belegt keine einfache Ursache-Wirkung-Beziehung. Sexuelles Verlangen kann außerdem erst während angenehmer Nähe entstehen.[3] Kuscheln bedeutet niemals automatisch Zustimmung zu Sex. Jeder weitere Schritt setzt den freien Willen beider Menschen voraus.

4. Nach dem Orgasmus ist die Lust weg. Ist die Liebe auch weg?

Nach dem Orgasmus fühlen sich manche Menschen ruhig und möchten schlafen. Eine kurze Umarmung ist schön, danach wäre ein bisschen Abstand im Bett angenehmer. Das ist ein Wechsel des momentanen Bedürfnisses, kein Beweis für fehlende Zuneigung.

Eine einzelne Phase sexuellen Verlangens endet. Der Wunsch, dieselbe Person wiederzusehen, kann bleiben. Romantische Filme blenden nach dem Kuss ab. Im echten Leben muss noch geklärt werden, wer sich die ganze Bettdecke geschnappt hat.

5. Fünfmal mehr Prolaktin heißt fünfmal mehr Zufriedenheit?

Eine Studie von 2006 berichtete, dass der Prolaktinanstieg nach Geschlechtsverkehr ungefähr fünfmal größer war als nach Selbstbefriedigung.[4] Gemessen wurde ein Hormonwert, keine fünfmal höhere Zufriedenheit.

In einer Mäusestudie von 2021 ließ sich durch die Manipulation von Prolaktin auch nicht nachweisen, dass dieses Hormon die Ruhephase nach der Ejakulation verursacht.[5] Mäuseergebnisse lassen sich nicht direkt auf Menschen übertragen. Den Prolaktinspiegel künstlich anzuheben ist kein belegter Trick für Zufriedenheit. Danke an die Labormäuse, die eine allzu schöne Erklärung auf die Probe gestellt haben. Ihr Wohlergehen bleibt dabei wichtig.

6. Unterschiedliche Bedürfnisse brauchen unterschiedliche Antworten

Geht es um einen Orgasmus, kann Selbstbefriedigung helfen. Geht es um bestimmte Reize, kann Sexspielzeug passen. Geht es um Wärme, kann eine gemeinsam gewünschte Umarmung guttun. Eine beständige, gegenseitig gewählte Intimität mit einem bestimmten Menschen entsteht dagegen nur zu zweit.

Untersuchungen langjähriger Paare zeigen ebenfalls Zusammenhänge zwischen der Wahrnehmung sexueller Interaktionen und der sexuellen Zufriedenheit.[6] Es gibt keine vorgeschriebene Häufigkeit und keinen Liebesbeweis durch eine bestimmte Praktik. Ja sagen, Nein sagen oder einfach nur im Arm liegen dürfen gehört zur Nähe dazu.

Der Körper kann für heute zufrieden sein. Die gemeinsame Geschichte hat trotzdem noch weitere Kapitel. Der Lustbalken ist voll, aber die romantische Serie wurde noch nicht abgesetzt.

Quellen (6)

  1. Berridge et al., Lustempfinden und Motivation (2009): https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC2756052/
  2. Liebe und zärtliche Berührung im Kulturvergleich (2023): https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10073073/
  3. ISSM, reaktives sexuelles Verlangen (2022): https://www.issm.info/sexual-health-qa/what-is-responsive-sexual-desire
  4. Brody und Krüger, Prolaktin-Vergleich (2006): https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16095799/
  5. Valente et al., Mäusestudie (2021): https://www.nature.com/articles/s42003-020-01570-4
  6. Péloquin et al., sexuelle Zufriedenheit langjähriger Paare (2024): https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11398990/

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